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Mann mit 30 Fingern

M. R. Mortazavi

Kleine fleischige Finger mit Schwielen an den Gelenken, lange rundgefeilte Fingernägel und ein stark behaarter Mittelhandknochen, so sehen sie aus, die Hände des Trommlers Mohammed Reza Mortazavi, »die schnellsten Hände der Welt«, wie sie unlängst im ZDF genannt wurden. Die massive Hornhaut auf Mortazavis Fingergelenken bildete sich durch die Anwendung neuer Trommeltechniken. 30 Spielarten für die persischen Perkussionsinstrumente Tombak und Daf hat der Musiker aus Isfahan kreiert und am Donnerstag im Kammermusiksaal der Berliner Philharmonie vorgeführt.

Ein zweistündiger Trommelsolo-Abend – keine Sekunde langweilig. Wenn Mortazavis Fingerkuppen über das Ziegenfell der Daf stürmen, einer Trommel mit fünf Zentimetern breitem Rahmen mit Metallringen, dann erklingen tatsächlich Melodien. Bei Mortazavi klingt das Rhythmusinstrument wie ein mehrstimmiges Saxophon. Er entlockt ihm zuweilen ein Kratzen, Rauschen, Zischen, Donnern, für das es keine Notenschrift gibt.

Auf einer Baby-Tombak, einer kelchförmigen Handtrommel aus festem Maulbeerbaumholz mit zehn Zentimetern Durchmesser, die eigentlich nur zur Dekoration bestimmt ist, begeistert Mortazavi das Publikum mit Mozarts »Kleiner Nachtmusik«. »Ich habe herausgefunden, dass ich auch auf einem extrem kleinen Fell spielen kann«, kommentiert der sympathische Musiker. Wenn Mortazavi trommelt, dann sind seine Knöchel aktiv, wird der Holzrahmen der Tombak zum zweiten Spielfeld.

Mohammad Reza Mortazavi wurde 1978 geboren. Seine Eltern, beide Musiker, ermöglichten es ihm, seit seinem sechsten Lebensjahr Tombak-Unterricht zu nehmen. Mit zehn gewann er den nationalen Tombak-Wettbewerb und seit er zwanzig ist, gilt er als bester Tombak-Spieler der Welt

Mortazavis eigene Kompositionen entwickeln alte iranische Volkslieder weiter. Dass er aber auf einem Volksmusikinstrument etwas anderes macht als alle anderen, gilt in Iran als Beleidigung der Tradition und hat dem seit zwei Jahren in Deutschland lebenden Musiker die Feindschaft mächtiger Musiker eingehandelt. »Wenn etwas über das hinausgeht, was man gewöhnt ist, gilt es immer in irgendeiner Weise als Revolution«, erklärt Mortazavi die gewaltigen Irritationen, die seine Spielweise hervorruft. »Doch ich liebe die Freiheit, Neues auszuprobieren. Das gelingt mir in Deutschland besser als in Iran«, sagt er.

Die Finger einer Hand werden im Laufe eines Lebens etwa 25 Millionen Mal gebeugt und gestreckt. Wenn Mortazavi in diesem Tempo weitertrommelt, werden es bei ihm Hunderte Millionen Male sein. Ein begeisterter Musikerkollege sagte nach dem Konzert zu ihm: »Ich glaube, du belügst uns. Du hast gar nicht zehn Finger, sondern 30.«

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