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Anti-Utopie einer Öko-Diktatur

DDR-Querdenker Wolfgang Harich als Pionier linker Wachstumskritik

  • Von Alexander Amberger
  • Lesedauer: 3 Min.

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Wolfgang Harich an seinem 75. Geburtstag
Wolfgang Harich an seinem 75. Geburtstag

Heute vor 15 Jahren starb Wolfgang Harich. Mit seinem Namen bringt man meist die oppositionelle »Gruppe Harich« von 1956 in Verbindung. Manche erinnern sich auch an sein Engagement in der »Alternativen Enquête-Kommission DDR-Geschichte« nach 1990. Doch er war auch einer der ökologischen Vordenker der DDR.

Anfang der siebziger Jahre erschienen im Westen erste Forschungsergebnisse, die auf Gefahren des Wirtschafts- und Bevölkerungswachstums aufmerksam machten, zum Beispiel die Berichte an den »Club of Rome«. In der DDR hatte die SED zu dieser Zeit, auf ihrem VIII. Parteitag 1971, als Marschrichtung die Verbesserung der Lebenssituation der Bevölkerung ausgegeben. Während die Boomjahre in der BRD vorbei waren, schien die Wirtschaft in der DDR nach Honeckers Machtübernahme im Aufwind zu sein. Die pessimistischen Forschungsergebnisse wurden von daher als pure Ideologie abgetan, mit der das Ende des kapitalistischen Wachstums kaschiert werden solle. Die Warnungen wurden in den Wind geschlagen.

Nur wenige aus der DDR erhoben dagegen ihre Stimme, unter ihnen Wolfgang Harich. 1975 erschien sein Buch »Kommunismus ohne Wachstum? Babeuf und der ›Club of Rome‹« – im Westen beim Rowohlt-Verlag. Es enthielt Interviews und einen Briefwechsel zwischen Harich und Freimut Duve. Wer nun vermutet, dass Harich darin an seine Demokratisierungsvorhaben von 1956 anknüpfte, irrt. Ganz im Gegenteil forderte er darin, den autoritären Sozialismus zum politischen System eines Weltstaates zu machen. Allerdings müsse dieser ökologisch umfunktioniert werden. Der Kapitalismus sei nicht in der Lage, die Menschheitsprobleme zu lösen. Seinem Entwicklungsstand nachzustreben, wie die SED-Führung dies tue, sei fatal. Harich schrieb: »Auf dem derzeit erreichten Stand der Entwicklung der Produktivkräfte halte ich den sofortigen Übergang zum Kommunismus für möglich, und in Anbetracht der ökologischen Krise scheint er mir dringend notwendig zu sein. Ich glaube jedoch nicht mehr, dass es jemals eine im Überfluss lebende, eine aus dem Vollen schöpfende kommunistische Gesellschaft geben wird, wie wir Marxisten sie bisher angestrebt haben.« Nur der von ihm skizzierte kommunistische Weltstaat könne die notwendigen Maßnahmen, wie Zwangsumsiedlungen, gerechte Güterzuteilung oder die notwendige Geburtenregulierung, bewältigen. Harichs Kommunismus »wäre kein Paradies, sondern ›nur‹ eine Heimstatt ökologischer Vernunft bei strenger sozialer Gerechtigkeit. Aber das eben ist das Beste, was sich überhaupt je wird erreichen lassen.«

Später brach Harich mit diesem autoritären Konzept. Er wünschte 1991: »die resolute Abkehr von gewalttätigen Kampfmethoden und […] die Absage an jedwedes Diktaturtheorem undemokratischer Art«. Er ging sogar so weit, »Kommunismus ohne Wachstum?« als Warnung umzudeuten: Schaffe es die Menschheit nicht, mit demokratischen Mitteln die ökologischen Probleme in den Griff zu bekommen, werde eine Verteilungsdiktatur unumgänglich sein.

»Kommunismus ohne Wachstum?« wurde 11 000 Mal verkauft, in Spanien und Schweden erschienen Übersetzungen. Heute ist das Buch dennoch fast in Vergessenheit geraten. Schade eigentlich, denn Harichs Überlegungen können – trotz aller Kritik – noch immer als Anregung dienen. Schließlich sind die Probleme, auf die sie sich beziehen, weiterhin ungelöst.

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