• Kultur
  • Beilage zur Leipziger Buchmesse

Reflex auf die Krise

ROTE GEWERKSCHAFT

  • Von Reiner Tosstorff
  • Lesedauer: 3 Min.

Die Bildung gesonderter Gewerkschaftsverbände durch die KPD in der Endphase der Weimarer Republik war einer ihrer schweren Fehler. Als Teil der »Sozialfaschismus-Politik«, die in der SPD und in den Gewerkschaftsführungen den Hauptfeind sah, führte dies zu unsinnigen Konfrontationen mit deren Mitgliedschaft und schwächte die Möglichkeiten zu gemeinsamen Abwehrkämpfen. Diese grundlegende Bewertung der sogenannten Politik der Revolutionären Gewerkschaftsopposition (RGO) kann schwerlich in Frage gestellt werden. Doch ist damit auch erklärt, wie sie konkret zustandekam? Wie sie von der Parteibasis damals aufgenommen wurde? Das ist die Frage, der Stefan Heinz, Mitarbeiter der Arbeitsstelle für Gewerkschaftspolitik an der FU Berlin, nachgeht.

Er untersucht dies nicht, wie das oft geschieht, gleichsam von oben nach unten, also um von der Verkündigung der neuen Linie durch die Parteiführung auf die sie gehorsam befolgenden Mitglieder zu schließen. Stattdessen stellt er die Basis der »RGO« in den Mittelpunkt, und zwar am Beispiel der kommunistischen Metallarbeiter in Berlin. Denn hier kam es 1930 zur ersten Bildung einer selbstständigen »roten« Gewerkschaft, die in ihrem Bereich zudem auf eine unbezweifelbare Massenbasis bauen konnte.

Einerseits zeigt der Autor auf, wie in Moskau 1927/28 eine neue Gewerkschaftstaktik ausgedacht wurde, eng verzahnt mit den innersowjetischen Fraktionsauseinandersetzungen. Zum anderen verdeutlicht er, dass dies ein bewusster Reflex auf die Verschärfung in den Auseinandersetzungen mit der Sozialdemokratie und den von ihr beeinflussten Gewerkschaften auf internationaler Ebene war. Vor dem Hintergrund der einsetzenden Weltwirtschaftskrise und der Unfähigkeit der Gewerkschaftsführungen, gegen deren Auswirkung einen erfolgreichen Kampf zu führen, entstand eine Situation, wo die KPD-Führung gleichsam Gefangene der von ihr ausgelösten Dynamik war.

In Berlin waren schon vor 1914 bestimmte Berufsgruppen mit der Gewerkschaftsführung aneinandergeraten und hatten eine quasi-syndikalistische Tradition begründet, die durch die Revolutionären Obleute und ihre Organisation von Streiks in der Rüstungsindustrie fortgesetzt wurde. An diese knüpften 1929/30 die kommunistischen Metallarbeiter an. Ende 1930 entstand der »Einheitsverband der Metallarbeiter Berlins« (EVMB) als selbstständige und gegen die Metallarbeitergewerkschaft gerichtete Organisation. Er konnte so Minderheiten ansprechen, was seine Stärke ausmachte. Doch darüber hinaus fand er kein Echo. Vor allem war er nicht in der Lage, die ständig geforderten Streikbewegungen auch tatsächlich durchzuführen. Dies erzwang häufige Berichtigungen der »Generallinie«, um die Masse der sozialdemokratischen Metallarbeiter wieder erreichen zu können. Auch merkte die KPD-Führung, wie sehr sie sich mit einer solchen Politik isolierte.

Nur wenige weitere »Einheitsverbände« wurden gegründet. Auch angesichts des immer bedrohlicheren Aufstiegs der Nazis machte die Partei im Jahre 1931 einen Schwenk und betonte wieder stärker die Fraktionsarbeit in den bestehenden Gewerkschaften.

Der Einheitsverband der Metallarbeiter hatte jedoch eine Beharrungskraft entwickelt, der die Parteiführung nicht leicht Herr werden konnte. Trotz weiterer Isolierung seiner Mitglieder setzte er seine sektiererische Politik ohne Rücksicht auf die Situation fort. Selbst nach dem Machtantritt der Nazis führte der hart von der Repression getroffene Einheitsverband der Metallarbeiter in völliger Verkennung der Situation noch lange seine Streikpropaganda durch. Doch mit der sich anbahnenden Wende zur Volksfront Ende 1934 war die Geduld der KPD-Führung erschöpft. Mit drastischen Mitteln erreichte sie die Auflösung.

Diese Arbeit zeigt, wie vielschichtig das Verhältnis zwischen Partei und Arbeiterbasis war und wie sehr auch die KPD-Führung Getriebene von Stimmungen war, auf die sie eingehen musste. Tatsache ist allerdings, dass die Niederlage der stärksten Arbeiterbewegung in einem kapitalistischen Land am 30. Januar 1933 in weitem Ausmaß eine selbstverschuldete war. Heinz belegt dies akribisch.

tefan Heinz: Moskaus Söldner? Der Einheitsverband der Metallarbeiter Berlins.VSA-Verlag, Hamburg. 572 S., br., 34,80 €

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