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Rüder Ritter

Anne Weber und der Tod eines Märchens

  • Von Irmtraud Gutschke
  • Lesedauer: 5 Min.

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Armer Ritter« – so sollte der Roman ursprünglich heißen; das fertige Manuskript hat sie dann aber in den Papierkorb geworfen. Armer Ritter – nennt sich so nicht ein Rezept mit altbackenem Brot? Nun gut, der Chevalier im Buch ist auch nicht mehr so ganz jugendfrisch. Arm ist er auch, aber nicht im Sinne von bemitleidenswert. Sein Charme – nur Fassade für rüde-berechnendes Wesen. Dafür brauchte er gar nicht von Adel zu sein. Solche Kerle sind, da hat die Autorin schon recht, in schlechten Filmen gemeinhin besser aufgehoben als in guten Romanen. Weshalb sie auch mit der Geschichte nicht so leicht fertig wird, die sich zwischen allerlei Peinlichkeiten hindurchzuwinden, also trotz behaupteter Schamlosigkeit etwas zu verbergen hat. So ist die romantische Liebe nur ein Thema des Romans. Das andere ist das Schreiben. Und beides fließt zusammen im Bemühen der Autorin, mit sich im Einklang zu sein.

Wie ihr das gelingt, daran hat auch die Leserin, der Leser Genuss. Die kunstvolle Struktur des Romans ist zu loben: wie sich die erste Fassung gelegentlich in die zweite Fassung schiebt, wie das Erzählte sich mit Fragen des Erzählens verbindet und sich das Geschehen immer wieder selbst in Frage stellt, wie sich aus dem Papierkorb gelegentlich die verworfene Romanfigur Lea meldet, um das Verhalten der Ich-Erzählerin zu kommentieren.

All diese raffinierten Brechungen der Handlung, die bis zum Schluss spannungsvoll bleibt, geben dem Roman seinen Reiz. Und doch, ich bleibe dabei, all das wäre nichts ohne die Kraft der Ich-Erzählerin, sich gleichsam am eigenen Schopf aus den Sümpfen der Trauer zu ziehen. Denn je höher es dich in den wer weiß wievielten Himmel getragen hat, umso tiefer musst du fallen. Wenn der Prinz zum Frosch wird, gerät auch die in Gefahr, die an ihn glaubte. Ohne Traum, so scheint es dann, ließe es sich nicht mehr leben.

Es schaudere einen beim Gedanken, so Anne Weber, »daß die Vergangenheit, unsere persönliche Vergangenheit nicht ein für allemal vergangen, unveränderlich und wie in Bronze gegossen ist, sondern jederzeit von den Erkenntnissen der Gegenwart in ein völlig anderes, ungeahntes, erschreckendes Licht gerückt werden kann. Die Gegenwart macht uns die Vergangenheit suspekt«.

Wenn sie also erzählt, wie sie von einer missglückten Liebesgeschichte in die andere schlitterte – wobei die zweite ganz andere Dimensionen hatte als die erste –, hat sie die Wahl zwischen mehreren Sichtweisen, die hier immer wieder in- und übereinander geschoben werden. Die Ich-Erzählerin, wie die Autorin Schriftstellerin in Paris, ist außerdem noch Märchenprinzessin und Rächerin, also in drei Rollen gleichzeitig auf der Bühne. Wobei die Märchenprinzessin am meisten erstaunt, denn wer wird denn in einem Roman von heute allen Ernstes ein Schloss erwarten?

Dass eine Frau einen ihr zuvor langweiligen Mann aus unerfindlichen Gründen im Geiste zu einem geheimnisvollen macht, was ihr Vorgeschmack ist auf weitere Verzauberung, dass sie ihn am Bahnhof mit weichen Knien erwartet, im festen Glauben, nun in einer gar nicht endenden Liebesgeschichte zu sein, das geschieht jeder auf einmalige und allen Betroffenen auf ähnliche Weise. Aber dass der Mann tatsächlich ein Schloss sein eigen nennt, vollgestellt mit alten Möbeln, Vasen, Bildern, dass Pfauen durch den verwilderten Park spazieren, während er mit ihr im Himmelbett liegt, lässt für einen Roman eher die Gefahr eines Lustmords befürchten als jenes idiotisch-triviale Desaster, zu dem es dann tatsächlich kommt. Aber machen wir uns nichts vor, das Schloss lockt auch – nicht nur die liebesblinde Ich-Erzählerin, auch uns, die Leser, die wir uns von solcher Szenerie Abwechslung vom Alltag versprechen, wobei sie uns seltsamerweise auch vertraute Umgebung ist.

»Aber wie eigenständige Wesen, wie von euch abgelöste Gedankenblasen werden eure Liebesträume, eure Traumvorstellungen des anderen sich kaum je überlagernd fortexistieren und sich ein Jahr lang neben euch und eurem wirklichen Leben herbewegen.« Wie eine Prophezeiung klingt das in dieser Geschichte, die in die Nähe zum Kitsch geraten wäre, ginge es nur um Gefühl und Verstand. Aber Weber hat das Glück, dass ihr ein ganzes Spektrum an Wahrnehmungsweisen zur Verfügung steht und sie sich mit großer Leichtigkeit des Widersprüchlichen zu bedienen vermag. Nüchternheit, Pathos, Ironie – schnelle Fahrt mit scharfen Kurven.

»Kann jemand so dumm, so unvorstellbar dumm sein wie jene Person?«, ruft die Autorin und schaut uns offen ins Gesicht. Ein wenig kokett auch, gut, immerhin hat sie ja an ihrer Dummheit eine Zeit lang Freude gehabt. Und uns fällt der Spruch »Selig sind die Einfältigen ein«. Arglosigkeit ist eine Gnade. Als Märchenprinzessin ein Jahr in diesem Zustand zu sein, ist unter keinen Umständen der Reue wert. Aber unsere Prinzessin wollte auch noch in andere Umstände kommen. Damit fing alles zu bröckeln an, denn nun mischt sich die Hoffnungsmedizin ins Märchen ein – der Leser möge sich da auf einiges gefasst machen –, und was vorher wie Ewigkeit schien, zerfällt in bemessene Zeitabläufe. Wer erkennen muss, »daß die biologische Uhr auch einen Sekundenzeiger hat«, beendet seine Traum-existenz. Freilich, die Hoffnung verfügt über »einen gewissen Bremsweg«, wie Anne Weber schreibt (was für eine Schleuderstrecke allein schon dieser »Bremsweg« ist!). Und die Tragödie wird zur Farce, auch das kann man hier miterleben. Da mag die Autorin sich selbst beschwichtigen, es seien nur zwei Luftgebilde gewesen, die einander Liebe schworen. Doch ist es ihr ernst bei aller Ironie.

Natürlich hat sie, vorgebend, die eigene Geschichte zu erzählen, Spuren verwischt. Das Schloss stand nicht am beschriebenen Ort, und womöglich hat es nicht mal ein Schloss gegeben. Sie hat manches übertrieben, denn es war schon verrückt genug. Sie freut sich an ihrer stilistischen Wendigkeit, und es ist ihr zum Heulen. Zugleich findet sie es erstaunlich, wie man aus Tiefpunkten des Lebens Höhepunkte im Text machen kann. »Dem Schreibenden gewährt diese Metamorphose eine Art Revanche über das, sagen wir, Schicksal: So lange er dessen Schläge in Sätze verwandeln kann, hat er die Partie noch nicht verloren.« Dass Anne Weber den Preis der Buchmesse gewänne, wäre ihr zu wünschen.

Anne Weber: Luft und Liebe. Roman. S. Fischer Verlag. 188 S., geb., 17,95 €.

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