Werbung

Das Bett, eine Folterbank

Stephan Märki inszenierte in Weimar eine beklemmende »Elektra«

Bei uns droht die ABOkalypse!

Wir brauchen zahlende Digitalleser/innen.

Unterstütze uns und überlasse die Informationsflanke nicht den Rechten!

Mach mit! Dein freiwilliger, regelmäßiger Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

Blutrausch in Elektras Kleidern: Orest (Renatus Mészár)
Blutrausch in Elektras Kleidern: Orest (Renatus Mészár)

In Baden-Baden hat sich Christian Thielemann an Richard Strauss' Rachethriller »Elektra« gerade durch die Hintertür herangepirscht, nämlich von dessen chronologischem Nachfolger aus, dem vergleichsweise luftig leichten »Rosenkavalier«. Er hatte die Musik des Einakters aus dem Jahre 1909 auf eine überraschend betörende Weise aufgehellt und so zum letzten Tanz gebeten.

In Weimar bleibt Martin Hoff mit der Staatskapelle beim rezeptionsgeschichtlich bewährten Haupteingang. Er nimmt »Elektra« als Steigerung der fünf Jahre zuvor dem anbrechenden Jahrhundert vor die Füße gewuchteten »Salome«, spitzt zu und beglaubigt aus dem Graben atemberaubend machtvoll und beklemmend jene Alptraumszenerie, die Intendant Stephan Märki, Co-Regisseurin und Choreografin Lydia Steier und Bühnenbildner Alfons Flores auf die Bühne gebracht haben.

Es ist ein kongenialer, geradezu kafkaesk aus den Fugen geratener Raum, bei dem sich weder Wände und Türen, noch Lampen oder die Decke an die geometrische Ordnung der Welt halten. Hier ist jede Perspektive verzerrt. Nur das Bett in der Mitte ist ein Möbel von wiedererkennbaren Proportionen. Hier ist es kein Platz für Ruhe oder gar Liebe, sondern eine Folterbank der Alpträume und der schlimmen Nächte, die vor allem Elektra und ihre Mutter Klytämnestra haben. Die eine, weil sie nur noch den Mord am erschlagenen Vater Agamemnon rächen will, die andere, weil ihr träumendes Unterbewusstsein längst weiß, dass niemand sie von den Gewissensqualen und dem Druck der Schuld befreien kann. Jedenfalls nicht, solange sie lebt.

Bei Märki wird das zu einem Psychothriller. Da taucht die in Elektras Träumen zum Untier gewordene Mutter vielbrüstig und von gierigen, geilen Liebhabern umlagert auf. Da sieht sie sich selbst als schönes, junges Mädchen mit der rächenden Todes-Axt. Da taucht ihre Schwester Chrysothemis wirklich so hochschwanger auf, wie die es sich in ihren Träumen von einem richtigen, echten Weiberleben mit Mann und Kindern so sehnlich wünscht. Da wird schließlich die Wiederbegegnung mit dem Bruder Orest zu einem inzestuösen Erlösungsrausch, bei der die Identitäten der beiden Geschwister verschwimmen. Als Orest die alte Mutter in ihrem Rollstuhl auf offener Szene absticht und dann ihren Liebhaber Aegisth, da trägt er die Perücke und das Kleid Elektras. Erlösung und Befreiung sieht jedenfalls anders aus, als bei diesen beiden. Sicher kann man sich über Details der übertriebenen Verdeutlichung und Personifizierung des Obsessiven streiten. Ausweichen kann man der Geschlossenheit und Wucht dieser Inszenierung indes nicht.

Was natürlich zuerst an Catherin Foster liegt. Wer die Premiere (samt professionell überspielter Indisposition der US-Amerikanerin) versäumt hat, kann jetzt eine Weltklasse-Elektra erleben, zu der sie u.a. durch ihre großen Partien in Weimar mittlerweile gereift ist. Mit solch gestalterischer Wahrhaftigkeit, zwischen leuchtender Emphase und tief erschütternder Trauer, ist das derzeit live kaum besser zu erleben. Auch nicht in Baden-Baden oder an den großen Häusern des Landes. Weimar kann sich glücklich schätzen, dass Foster dem Haus erhalten bleibt – auf ihre Brünnhilde im wiederaufgenommenen »Ring« und ihre neue Isolde in der nächsten Spielzeit darf man sich jetzt schon freuen.

Natürlich ist auch (die Calixto- Bieito-»Diva«) Leandra Overmann als Klytämnestra ein mutig Gestaltungsgrenzen auslotender Glücksfall. So verwüstet und zwischen den Registern souverän springend, so hochpräsent vom Rollstuhl aus fast hysterisch rebellierend hört und sieht man auch diese Rolle selten. Ohne Abstrich (und selbst potentiell auf Elektra verweisend) wirft sich auch Claudia Iten in die Chrysothemis, liefert Renatus Mészár einen überzeugenden Orest, Frieder Aurich einen arrogant piefigen Aegisth, ziehen die Mägde und das übrige Personal mit.

Dem Nationaltheater in Weimar ist wieder mal ein Wurf gelungen, der den Anspruch des Hauses, die erste Bühne in Thüringen zu sein, in jeder Hinsicht untermauert.

Nächste Vorstellung: 28. März

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!