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Der Preis der Religion ist hoch

Im australischen Melbourne tagte ein globaler Kongress zum »Aufstieg des Atheismus«

  • Von Elisabeth Meister
  • Lesedauer: 8 Min.

Gott sei Dank – nein: Zum Glück kam der Hagelsturm eine Woche früher, sonst hätte die Presse sich den Mund zerrissen: Im australischen Melbourne fand Mitte März der globale Kongress »Der Aufstieg des Atheismus« (The Rise of Atheism) statt. Und am Wochenende davor regnete es golfballgroße Hagelkörner, die Innenstadt war überflutet, der Verkehr kam zum Erliegen, Einkaufszentren wurden evakuiert. Die Schlagzeilen, wäre dies am Kongress-Wochenende passiert, kann man sich vorstellen.

Zum weltweit größten Atheisten-Kongress kamen 2500 internationale Teilnehmer. Stolze Zahlen, wenn man bedenkt, dass Atheisten als notorisch nicht-organisiert gelten und deshalb einen nicht einmal annähernd ihren tatsächlichen Zahlen entsprechenden Einfluss ausüben. Aktuellen Statistiken zufolge sind in Australien und in den USA jeweils ca. 15 bis 20 Prozent der Bevölkerung Atheisten, in Deutschland etwa 25 Prozent – ein nicht unerheblicher Teil der Bevölkerung, der sich jedoch weder genügend bemerkbar macht noch genügend gehört wird.

»Und worüber redet ihr da die ganze Zeit? Über nichts?« wurde Mitorganisator und Vorsitzender der Atheist Foundation of Australia, David Nicholls, gefragt – wohl nicht nur im Scherz. Atheismus – ist das mehr als die Überzeugung, dass es keinen Gott gibt? Was sollte Atheisten, die ansonsten (was man auch am Publikum sah) so unterschiedlich sind, wie Menschen eben sind, ein ganzes Wochenende zusammenbringen? Gibt es überhaupt eine »kohärente atheistische

Position«, wie ein Priester im Fernsehen bezweifelte, da doch Atheismus auf einem negativen Konzept, eben A-Theismus, aufgebaut sei? Dazu konnte sich der Gottesmann ein feines Lächeln über seinen so cleveren Einwand nicht verkneifen.

Vielleicht hätte er sich stattdessen die Vorträge und Diskussionen anhören sollen, um zu erfahren, dass Atheisten eine ganze Reihe Positionen klar teilen, dass sie aber auch – im Gegensatz zu vielen Religionen – andere Meinungen gelten lassen und selbstverständlich nicht zu allem derselben Ansicht sind. Die Komiker hätten dem Priester wahrscheinlich nicht gefallen, darunter Sue-Ann Post, Ex-Mormonin, und Catherine Deveney, Ex-Katholikin, sowie der New Yorker Jamie Kilstein mit seiner »Kirche der lächelnden Vagina«. Aber vielleicht hätte der Geistliche bei dem Darwinisten Richard Dawkins oder dem Ethiker Peter Singer noch etwas über die Entstehung des Menschen und der Moral lernen können. Und wahrscheinlich hätte er dem Philosophen Tamas Pataki zugestimmt, der sich fragte, ob eine Welt ohne Religionen in jedem Fall eine bessere Welt wäre. Vielleicht hätte er am Beispiel extrem religiös aufgewachsener Menschen auch etwas darüber erfahren, wie schädlich sich Religionen auf das Individuum auswirken können – etwa auf die schon erwähnte Sue-Ann Post, den US-amerikanischen Ex-Prediger Dan Barker, Tanya Levin, die in der damals in Australien entstehenden, mittlerweile weltweit vertretenen evangelikalen Hillsong-Kirche aufwuchs, oder die sowohl aus ihrem Heimatland Bangladesch wie aus dem Nachbarland Indien vertriebene Ärztin, Schriftstellerin und Menschenrechtlerin Taslima Nasrin, ihres Zeichens Feministin und Atheistin, auf die nach wie vor ein Kopfgeld ausgesetzt ist und über die wegen ihrer Kritik am Islam mehrere Fatwas verhängt wurden.

Nasrin sprach klar, eindringlich und würdevoll vom Verlust ihrer Heimat, von ihrem Weg zum Atheismus, von den Gefahren, von denen ihr Leben bedroht ist, und von ihrem Schmerz, eine Fremde zu sein, die ihre Heimat nicht mehr betreten darf. Hier wurde in hohem Maße deutlich, wie groß, wie gefährlich und wie einschränkend der Einfluss der Religion sein kann.

Aber Halt: Dass der Islam fanatisch ist, dass der Islam der Menschheit seine Gesetze aufzwingen möchte, dass der Islam nicht säkular ist und zu Gewalt gegen Andersgläubige neigt, darin ist sich der Westen doch weitgehend einig? Eine Zeitungsanzeige des britischen Channel 4 für eine Fernsehdokumentation von Richard Dawkins zum Thema Atheismus zeigte Manhattan inklusive der Twin Towers und dazu die Aufforderung: »Stellen Sie sich eine Welt ohne Religion vor.« Eine Welt ohne den Islam stellt sich der Westen nur allzu gerne vor, aber ist der Islam wirklich das Problem? Wieso ist für viele Christen völlig klar, dass Nicht-Muslime dem islamischen Gesetz »selbstverständlich« nicht unterworfen sein können, während sie es gleichzeitig aber genauso selbstverständlich finden, dass Politik, Recht und Gesetz, Ethik- und Moraldiskussionen im Westen von christlichen Positionen bestimmt werden?

Atheisten (und nicht nur sie) fragen zu Recht, warum Schwule und Lesben aufgrund religiöser Vorurteile und Wertvorstellungen nicht heiraten dürfen, die Debatte über Embryonenforschung ebenso wie die Abtreibungsdebatte von religiösen Werten bestimmt wird, welches Recht der Staat hat, Menschen aufgrund christlicher Vorstellungen einen selbstbestimmten Tod zu verweigern, warum es an staatlichen Schulen Religionsunterricht gibt oder warum die Kirchen das Recht haben, die Auswahl von staatlich bezahlten Religionslehrern und Professoren zu bestimmen und ihren Lebenswandel zu observieren – und dafür zu allem Überfluss auch noch Respekt verlangen.

Jede andere Meinung oder politische Ansicht kann infrage gestellt und debattiert werden, aber sobald es um Religion geht, ist stummer Respekt angesagt.

Dazu kommt, dass Atheisten all dies über ihre Steuergelder auch noch mitfinanzieren müssen. Religiöse Gemeinschaften erhalten so gut wie weltweit Steuererlasse in Milliardenhöhe und häufen Reichtümer an, die fast ausschließlich der jeweiligen Religionsgemeinschaft und nur in relativ geringem Maße tatsächlich sozialen Einrichtungen oder Bedürftigen zu Gute kommen. So liegt beispielsweise der kirchliche Beitrag zu Caritas und Diakonischem Werk bei jeweils unter 2 Prozent. Im Falle Japans förderte der Staat letztlich sogar den Giftgasanschlag auf die Tokioter U-Bahn mit Steuergeldern.

Auch sonst ist staatliche Unterstützung für religiöse Anlässe allgegenwärtig: So wurde 2009 das »Weltparlament der Religionen« vom australischen Steuerzahler mit 4,5 Millionen AUD (etwa 3 Millionen Euro) unterstützt, der sogenannte »Weltjugendtag« 2008 in Sydney kostete den Staat insgesamt über 150 Millionen AUD (etwa 101 Millionen Euro – zum Vergleich: Die Schätzungen für die staatlichen Kosten des »Weltjugendtages« 2005 in Köln liegen bei ca. 65 Millionen Euro); ganz abgesehen von den zum Teil verfassungswidrigen zusätzlichen Gesetzen, die der Bundesstaat New South Wales zum »Weltjugendtag« in vorauseilender Unterwürfigkeit erließ und die z.B. das Tragen kritischer T-Shirts und ähnliche Protestformen untersagten.

Eine Anfrage um Unterstützung für den Atheisten-Kongress wurde dagegen abschlägig beschieden.

Dabei spiegeln diese Zahlen die wahren Kosten von Religionen in keiner Weise wider. Man denke nur an die Opfer der weltweiten Pädophilie-Skandale der katholischen Kirche, an Kriege zwischen Religionen oder Teilen derselben Religion, an religiösen Terrorismus oder religiös motivierte Gewalt z.B. gegen Abtreibungsärzte in den USA. Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Religionen trennen Menschen, schränken sie ein und bedrohen sie mit der Hölle, sollten sie »anders« sein: homosexuell etwa, andersgläubig oder womöglich gar ungläubig. Dass die Kirchen die Vermischung von Staat und Religion mit Zähnen und Klauen verteidigen, ist dabei nicht weiter erstaunlich.

Aber was tun? Atheisten sind in ihrer Mehrheit nicht organisiert und neigen angesichts ihrer religiös geprägten Umwelt vielerorts ohnehin dazu, sich für die einzigen zu halten. Immerhin sind nicht nur Atheisten an einem wirklich säkularen Staat interessiert – auch manche Anhänger der großen Religionen sowie viele, die zwar offiziell einer Religion angehören, aber dem Glauben keine wichtige Position in ihrem Leben beimessen, möchten ihn verwirklicht sehen.

Nicht zuletzt deshalb betonte die Bio-Ethikerin Leslie Cannold auf dem Kongress, wie wichtig es ist, dass Atheisten sich nicht abgrenzen, sondern mit allen zusammenarbeiten, die für säkulare Ziele kämpfen, unabhängig von ihren Ansichten in Glaubensfragen.

Die Behauptung, der Hauptkonflikt liege zwischen dem Westen und der islamischen Welt, weist nicht nur Taslima Nasrin zu Recht zurück. Er liegt vielmehr zwischen rationalem Denken und irrationalem Glauben, zwischen Moderne, Säkularismus und Innovation auf der einen Seite und Fundamentalismus und Tradition auf der anderen.

Zu dieser anderen Seite gehört auch der Kreationismus, der die religiösen Schöpfungsmythen wörtlich auffasst. Dieser wissenschaftlich wie rational mehr als aberwitzige Auswuchs fundamentalistischen Glaubens ist weltweit auf dem Vormarsch. So glauben einer neueren Studie zufolge beispielsweise 44 Prozent der Frauen und 22 Prozent der Männer im australischen Bundesstaat Queensland an Kreationismus. Diese erschreckenden Zahlen werden von Statistiken aus den USA noch deutlich übertroffen. Doch auch in Deutschland ist der Kreationismus auf dem Vormarsch: 15 Prozent der Deutschen glauben an Kreationismus, weitere 23 Prozent an »Intelligent Design«. An Schulen in Gießen oder Berlin wurden bereits kreationistische Unterrichtsmaterialien entdeckt und Organisationen wie z.B. die »Studiengemeinschaft Wort und Wissen« versuchen, kreationistische Inhalte zu verbreiten. Immerhin erklärte der Europarat 2007 den Kreationismus zu einer potenziellen »Bedrohung für die Menschenrechte« und forderte die europäischen Regierungen auf, »mit aller Entschiedenheit« gegen Kreationismus im Biologieunterricht vorzugehen.

Aber sind religiöse Menschen nicht die besseren Menschen? Tun sie nicht mehr Gutes als andere? Die Zahlen sprechen nicht dafür. Vergleicht man etwa die stark religiösen USA und die im Vergleich dazu relativ säkulare EU, weisen die USA wesentlich höhere Kriminalitätsraten auf; zudem gibt es kaum Sozialleistungen und die Lebenserwartung ist geringer. Das verhältnismäßig säkulare Schweden gibt prozentual gesehen fünf Mal so viel Geld für Entwicklungshilfe aus wie die USA. Und unter den vier Individuen, die weltweit am meisten Geld gestiftet und gespendet haben, sind drei Atheisten – Bill Gates, Warren Buffett und Andrew Carnegie; nur John Rockefeller war Protestant.

Was wohl unser oben erwähnter Priester davon halten würde? Was wohl die im Publikum ebenfalls anwesenden fundamentalistischen Christen davon hielten, die Vorträge und Comedy-Darbietungen durch lautes Stören und Rufen unterbrachen?

»God botherers« nennt man sie in Australien, Menschen, die ihre Umwelt nicht mit Gott in Ruhe lassen können. Es bleibt zu hoffen und dafür zu kämpfen, dass ihre Zahl abnimmt, dass der Aufstieg des Atheismus weiter voranschreitet, dass Vernunft und rationales Denken keine Ideale einiger weniger bleiben, dass Säkularismus als erstrebenswertes und wichtiges Ziel vorangebracht wird und der übergroße Einfluss der Religionen – egal welcher Couleur – zurückgedrängt und ausschließlich in den privaten Bereich verbannt wird, wo er hingehört.

Recht auf Gleichbehandlung
Die Glocke stört,
es stört der Muezzin.
Man bringe sie zum Schweigen,
die wie ihn.

Peter Hacks

aus: Peter Hacks, Werke in 15 Bänden
© Eulenspiegel Verlag, Berlin, 2003

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