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Rosas Garten

Das Herbarium einer Revolutionärin

  • Von Matthias Krauß
  • Lesedauer: 4 Min.

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Ein wenig ist es wie mit der Leben-Jesu-Forschung: Jede weitere »neue Erkenntnis« entzaubert den Forschungsgegenstand ein Stück mehr, es ist der naive Weg, der aber in die Profanisierung und – bei aller Wissenschaftlichkeit – eigentlich in die Hohlheit führt. Am Ende wird alles so banal, dass jeder sich fragt, warum man sich mit den Dingen eigentlich befassen musste.

Es konnte nicht bewiesen werden, dass es sich beim Frauentorso in der Berliner Charité um die Leiche der Rosa Luxemburg handelt. Alle Aufregung umsonst. Dafür beschenkt uns jetzt die Rosa-Luxemburg-Stiftung in Warschau mit dem Herbarium der deutsch-polnischen Revolutionärin und Theoretikerin. Holger Politt, der mehrjährige Leiter der Warschauer Außenstelle und Jörn Schütrumpf, Leiter des Karl Dietz Verlages Berlin, ließen sich die Sache angelegen sein. Der – sehr wertvoll aufgemachte – Band enthält praktisch nichts als Abbildungen der von Rosa Luxemburg getrockneten und in insgesamt 18 Heften aufgewahrten Pflanzen und Pflanzenteile. Mit denen tat sie das, was die meisten als Kinder auch getan haben: Sie hat sie präpariert, eingeklebt und mit Kommentaren versehen.

Dazu sollte man wissen, dass Rosa Luxemburg als junge Frau die Absicht hatte, Botanik zu studieren. Bevor sie sich ihrer mehr oder weniger unglücklichen Liebe Leo Jogiches und der Politik in die Arme warf, sah sie sich als Naturwissenschaftlerin, und weil im heimischen, von Russland besetzten Teil Polens Frauen nicht studieren konnten, zog sie zu diesem Behufe in die Schweiz. Dort sollte es dann aber die Nationalökonomie sein.

Das Herbarium ist keine Jungmädchenschwärmerei. Sie hat es nicht als Kind, sondern als reife Frau begonnen, so wie man eine Jugendneigung in späteren Jahren vielleicht noch einmal auslebt. Das erste Ausstellungsstück (Johannisbeere) datiert vom Mai 1913, da war Luxemburg 42 Jahre alt. Den letzten »Eintrag« in ihrem Herbarium nahm sie drei Monate vor ihrer Ermordung am 10. Oktober 1918 vor. Sie klebte das Blatt eines Spitzahornbaumes ein und notiert dazu: »erkrankt«. Es folgt noch einmal eine Seite mit drei Pflanzen, aber zu einer Beschriftung ist es nicht mehr gekommen.

Verblüffend ist bei erster Betrachtung zunächst, mit welcher Frische Trockenpflanzen 100 Jahre überstehen, wie sie nur ein wenig blasser geworden sind, aber sonst beinahe unbeschadet erhalten blieben. Studierbar ist an ihnen auch heute noch die allerzarteste Pflanzenstruktur, die schließlich im Allgemeinen von jedem Winter »kaltgemacht« wird und hier, auf diese schlichte Weise und in der unaufwändigen Methodik, die Äonen überdauert.

Wenn Holger Politt beschreibt, wie er auf diese Sammlung gestoßen ist, dann ist das für sich genommen schon spannend. Und der gute Zustand der Sammlung ist einmal mehr ein Rätsel.

Den Nachlass Rosa Luxemburgs verwalteten Mathilde Jacob und Paul Levi, die Dokumente gerieten bei deren Flucht in den 30er Jahren in die USA. Ungeklärt ist, wie das Herbarium nach dem Krieg nach Polen kam. Mit Sicherheit lagerte es seit den 70er Jahren im Archiv des Zentralkomitees der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei. Nach dessen Auflösung war es fast 20 Jahre lang verschollen. Politt stieß schließlich auf einen blauen Schuhkarton mit botanischen Heften. Damit begannen jedoch erst die Schwierigkeiten. Der Umgang des heutigen Polens mit seiner Tochter Rosa Luksemburg (es gibt kein X im Polnischen) ist nicht freundlich. Sie gilt dort offiziell als Verfemte, was u. a. darin zum Ausdruck kommt, dass es laut Politt landesweit wohl nur noch eine einzige Luxemburg-Straße gibt. In Polen ist kommunistische Agitation unter Strafe gestellt, und das erstreckt sich auch auf Rosa Luxemburg. Die Stiftung mit ihrem Namen wurde von den Behörden durchweg mit Misstrauen begleitet. Die Lage der Außenstelle blieb prekär.

Die jüdische Polin schrieb im wesentlichen Deutsch, das tat sie auch in ihrem Herbarium. Aus der Beschäftigung mit Pflanzen, mit der Schönheit der Natur bezog sie Kraft. Es berührt auch noch 100 Jahre danach, mit welchem Eifer die Hobby-Botanikerin bei der Arbeit war. Und ob man nun das in der DDR hochgehaltene Bildungsideal der vielseitig entwickelten sozialistischen Persönlichkeit zum Maßstab nimmt oder die nach der Wende populär gewordene Parole vom »lebenslangen Lernen« – R.L. hat beides vorgelebt. Aus dem Breslauer Gefängnis schrieb sie an Luise Kautsky: »Ich bin über die beiden Ohren in der Geologie, die mich außerordentlich anregt und beglückt. Ich kriege Angst, wenn ich daran denke, wie kurz das Leben für mich noch ist und wieviel noch zu lernen wäre.«

Rosa Luxemburg – Herbarium. Hg. von der Rosa Luxemburg-Stiftung, Regionalbüro Warschau. 404 S., geb, 48 €. Bestellungen über die Stiftung (Franz-Mehring Platz 1, 10243 Berlin).

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