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Gesagt ist gesagt

Der Vater

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 2 Min.
Er wird ein viel ruhigeres und angenehmeres Leben führen, wenn er nicht wieder antritt. Das ist die Meinung eines Vaters, der seinen Sohn liebt und glücklich sehen möchte. PAL SARKOZY (Süddeutsche Zeitung)
Ein Vater rät seinem Sohn, dem französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy, von der Fortsetzung der höchstmöglich emporgekommenen politischen Karriere ab. Das ist wahre Kindesliebe, so, wie Kriegsdienstverweigerung wahre Heimatliebe bedeutet. »Es ist der Väter schwierigste Prüfung, den Söhnen nicht den eigenen, womöglich unbefriedigt gebliebenen Ehrgeiz vererben zu wollen«, schrieb Erich Kästner.

»Lieber Wetscha, dein Streben ist edelmütig, aber nicht erfüllbar, deshalb rate ich dir – lass den Kranich am Himmel, nimm die Meise in die Hand, und du wirst ein Prachtkerl.« So warnte einst Vater Molotow seinen Sohn Wjatscheslaw, doch dieser strebte und strebte und sollte eines Tages die bedrückende Last tragen, engster Verbündeter Stalins zu sein. Auch hier: der Vater als ahnungsvoll Mahnender. Selten genug. Dichterkinder litten unter Dichtervätern – was zuerst immer heißt: Sie hatten sie gar nicht, nur deren großen drückenden Namen. Oder sie verdankten – selber gleichnishaft berichtende Dichtung – ihren Erzeugern Geschwister, deren Wert auch wie Steine aufs Herz drückten und es böse Schläge aushecken ließen; wir kennen es von Franz Moor und Edmund, dem Sohne Glosters in Shakespeares »König Lear«.

Shakespeare! Theaterforscher aller Herren und Seelen Länder haben sich schon gefragt, ob es überhaupt gut war, dass der Geist von Hamlets Vater dem Sohne die verhängnisreiche Order einraunte: »Hast du Natur in dir, so leid es nicht; /Lass Dänmarks königliches Bett kein Lager/ Für Blutschand' und verruchte Wollust sein!« Der väterliche Racheauftrag: die Beurkundung von Hamlets Unglück: »Schmach und Gram,/ Daß ich zur Welt, sie einzurichten kam!«. Ein Irrglaube. Sie wird ihn hinrichten.

Sarkozy ist beileibe nicht Hamlet (sondern ähnelt mehr und mehr Louis de Funès) – obwohl freilich auch Politiker schnell meinen, in die Gewähltheit gekommen zu sein, um die Welt einzurichten. Oder zum Amt gekommen zu sein, um sich einzurichten. Gewähltheit auf Zeit macht dann oft den Eindruck von Auserwähltheit ohne jede Frist. Das gibt dem Ratschlag des alten Sarkozy noch mehr Wert.

Vorwärtskommen. Das Gegenteil von: zu sich kommen? Ein einziger Buchstabe kann die eigene Lebenswelt verändern: Ausstieg statt Aufstieg. In einem Lied von Sarkozys Frau Carla Bruni heißt es: »Frag die Stille, ob sie dir noch vertrauen kann.«

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