»Venedig ist nicht Disneyland«

Abfuhr für Schiffsbauer aus Brindisi, der Plastikgondeln anbietet

Ein Schiffsbauer aus dem süditalienischen Brindisi hat eine wunderschöne Gondel entworfen. In allem gleicht sie dem venezianischen Original. Aber sie hat einen großen Fehler: Sie ist aus Plastik. Und das will man in der Lagunenstadt auf keinen Fall dulden.

»Gondeln aus Plastik? Da reichen mir die in den Andenkenläden.« Giorgio Orsoni ist kategorisch. Erst vor wenigen Wochen wurde er zum Bürgermeister von Venedig gewählt und die erste offizielle Erklärung in seinem neuen Amt gilt gerade den Plastikgondeln, die der Schiffsbauer aus Brindisi der Stadt zum Vorzugspreis angeboten hat. Daran sieht man, wie eng die Gondel mit Venedig verbunden ist. Denn nicht nur der Bürgermeister, sondern auch die Presse und die Bürger der Stadt haben sofort abgelehnt.

Dabei ist die Idee von Giuseppe Gioia eigentlich gar nicht so schlecht. Gondeln – die »echten«, die Touristen über den Canal Grande schippern – sind enorm teuer. Eines dieser bis zu 11 Meter langen Boote kostet so an die 25 000 Euro. Das liegt an den sieben verschiedenen Hölzern, die alle unterschiedlich abgelagert sein müssen, an den komplexen Vorgängen, die notwendig sind, um den Schiffsrumpf zu formen, daran, dass es nur noch ganz wenige Handwerker gibt, die sich aufs Gondelbauen verstehen. Die Herstellung eines einzigen dieser Boote erfordert in etwa 500 Arbeitsstunden. Und schließlich liegt der hohe Preis auch daran, dass jede einzelne der 400 venezianischen Gondeln eine Sonderanfertigung ist, die ganz genau auf den Gondoliere abgestimmt ist, der sie später auch durch die engen Kanäle steuern wird.

Aber nicht nur das Boot selbst ist teuer: Auch die Instandhaltung verlangt enormes Können und Geld. Und so kommt es dann auch, dass die Touristen für eine kurze Fahrt mit dem typischen schwarzen Boot an die 100 Euro berappen müssen.

Aber für all das hatte Giuseppe Gioia aus Brindisi eine Abhilfe. Seine Plastikgondeln sind um einiges billiger und die Wartungskosten sind ebenfalls gering. Sein Fazit: Wenn die Venezianer meine Gondeln kaufen, dann sparen sie, können die Fahrten billiger anbieten und bekommen also auch mehr Touristen ins Boot.

Aber da hat der Bootsbauer die Rechnung ohne die traditionsbewussten Venezianer gemacht. »Venedig ist doch nicht Disneyland!«, schimpft Aldo Reato, Vorsitzender der Vereinigung der Gondolieri. »Ich finde den Vorschlag abartig und wir werden uns mit allen Mitteln wehren. Wir sind doch kein Vergnügungspark: Eir sind Venedig!« Und auch Cesare Peris vom städtischen Gondelamt lässt an der Plastikgondel kein gutes Haar: »Eine Gondel hat aus Holz zu sein, und damit basta!« Und schließlich gibt es sogar eine Stadtverordnung, die besagt, dass Gondeln aus Holz zu sein haben. Der linke Stadtabgeordnete Sebastiani Bonzio ist noch drastischer. Für ihn ist schon allein der Vorschlag eine »Beleidigung«: »Würden wir Gondeln aus Plastik nehmen, dann wäre es so, als würde man die Bibliothek von Alexandria ein zweites Mal abfackeln.« Der Werftbesitzer aus Brindisi ist nur mäßig enttäuscht: »Wir hatten uns so etwas schon gedacht. Aber wir werden unsere Abnehmer finden: In den USA und den arabischen Ländern gibt es genügend Reiche, die in ihrem Gartenteich gerne eine schöne venezianische Gondel hätten.« Aus Plastik, versteht sich.

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