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Motivierte Lehrer

Einblicke in das finnische Bildungswesen

»Das Bildungswesen in Finnland« – unter diesem Titel haben die beiden Wissenschaftler Aila-Leena Matthies (Finnland) und Ehrenhard Skiera (Deutschland) im vergangenen Jahr ein Buch herausgebracht, das interessante Einblicke in die Entwicklung des finnischen Bildungssystems liefert.
PISA steht seit vielen Jahren für den Erfolg finnischer Schulen Foto. dpa
PISA steht seit vielen Jahren für den Erfolg finnischer Schulen Foto. dpa

Im Ergebnis zeigt sich Finnlands Werdegang im Bildungswesen demokratischer als der deutsche. Motiviert durch die vielerorts simple Finnlandrezeption nach PISA – allein die Übernahme von Strukturen und Methoden reformiere das deutsche System – setzen Matthies und Skiera auf die Unterschiede. Die grundlegende Differenz zu Deutschland sehen Matthies und Skiera in der Rolle des Volksschulwesens. Da Finnland bis 1917 im kulturhegemonialen Zugriff Russlands stand, trug der Ausbau der Schulwesens zur nationalen Identitätsfindung bei. Dieser Akt »politischer Emanzipation« wurde von einer breiten Schicht der Bevölkerung getragen, die sich in ganz Europa einschließlich der deutschen Reformbewegung informierte. Matthies und Skiera sprechen von einem »kompetenten Blick« der Bürger. Dieser weitgehende gesellschaftliche Konsens über »Gleichheit von Bildungschancen für alle Bürger« schaffte die Voraussetzung für einen »über Jahrzehnte kontinuierlich verlaufenden bildungspolitischen Entwicklungsprozess«.

Ein Ergebnis ist neben dem breiten Angebot frühkindlicher Förderung die seit 1985 bestehende neunjährige Grundschule. Nationale Rahmenlehrpläne von 1985 und 1998 geben didaktische Spielräume vor Ort, um ein differenziertes und individualisiertes Lehrangebot zu erstellen. Parallel werden die Individuationsprozesse der Schüler durch ein soziales Beratungssystem von Psychologen und Sozialarbeitern unterstützt. Auf dieser Basis verpflichtet sich Finnland zur Umsetzung einer inklusiven Bildung.

Auch die Wertschätzung des Lehrerberufs ist größer. Gilt dieser trotz spärlicher Bezahlung und fehlender Aufstiegschancen als einer der beliebtesten Berufe. Als möglichen Grund nennt Juha T. Hakala das »klare Berufsbild«. Matthies und Skiera führen dies auf das Selbstbild des »forschend-entwickelnden Lehrers« zurück, das mit Beginn der universitären Lehrerbildung in den 1970er Jahren entstand. Die Lehrerbildung unterliegt dabei strengen Maßstäben. Von den Bewerbern werden etwa zehn Prozent angenommen, die anderen können durch extra Leistungspunkte zu einem späteren Zeitpunkt das Studium beginnen. Matthies und Skiera schreiben von »hochleistungsfähigen Bewerbern« mit »anhaltend hoher Motivation«. Die Lehrerbildung gilt als vollständiges Universitätsstudium. Sie wird flächendeckend angeboten. Zudem kann man an der Universität Oulu den Schwerpunkt »Pädagogik an kleinen Schulen« wählen. Neben der Wissenschaftlichkeit wird Wert auf die Praxis gelegt. Jedem Institut ist eine »Normalschule« zugeordnet, die der Universität als Forschung- und Übungsstätte dient. Wissenschaftliche Auswertung auch der Lehrerbildung selbst führt zur ständigen Anpassung der Schulen. Matthies und Skiera zeigen auf die Reform der Schülerbewertung zu »neuer, kommunikativ-vermittelnder Formen« und zur »Förderung der Fähigkeit des Schülers, sich selbst einzuschätzen«.

Finnland war relativ früh gut organisiert, um auf den Wechsel von der Industrie- zur Wissensgesellschaft zu reagieren. Dies hat Charme und wird gern idealisiert – auch von den Herausgebern. So wurde der Amoklauf von 2009 nicht reflektiert. Doch angesichts der Vielzahl der Autoren und der Breite der Themen ist das zu verschmerzen.

Aila-Leena Matthies und Ehrenhard Skiera (Hrsg.): Das Bildungswesen in Finnland. Verlag Julius Klinkhardt. Bad Heilbrunn 2009, 300 Seiten, 19,90 Euro.

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