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Zum Glück in der LPG gezwungen

Rosa-Luxemburg-Stiftung und Bauernbund streiten über den sozialistischen Frühling 1960

  • Von Andreas Fritsche
  • Lesedauer: 4 Min.

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War es der sozialistische Frühling auf dem Lande oder eine brutale Zwangskollektivierung? Im Frühjahr 1960 fand die 1952 angeschobene Bildung Landwirtschaftlicher Produktionsgenossenschaften (LPG) in der DDR ihren Abschluss. Wie die damaligen Ereignisse zu bewerten sind, damit beschäftigen sich demnächst die linksgerichtete Rosa-Luxemburg-Stiftung und der christlich-konservative Bauernbund in Kyritz.

Rosa-Luxemburg-Stiftung und der christlich-konservative Bauernbund tagen demnächst zum selben Thema am selben Ort und beinahe zur selben Zeit – in Bluhm's Hotel & Restaurant im brandenburgischen Kyritz. Da das Thema Kollektivierung in der DDR heißt, ist dies kein Zufall. In einem Gebäude neben Bluhm's Hotel hatte Wilhelm Pieck am 2. September 1945 die von KPD und SPD erarbeiteten Grundsätze einer demokratischen Bodenreform verkündet. Auf dieses bedeutende historische Datum in der Stadtchronik beziehen sich beide Veranstalter.

Die Luxemburg-Stiftung richtet am 24. April eine Konferenz »Agrargenossenschaften gestern und heute« aus. Ab 11 Uhr sprechen Referenten zu den Themen »Sozialistischer Frühling 1960?«, »Frauen in der Landwirtschaft der DDR« und »Erfahrungen aus der LPG und deren Umwandlung 1990«. Um 16 Uhr folgt eine Podiumsdiskussion mit Landesbauernpräsident Udo Folgart, dem Präsidenten des Mitteldeutschen Genossenschaftsverbandes Dietmar Berger und den Bundestagsabgeordneten Kirsten Tackmann und Alexander Süßmair (beide LINKE).

Agitation und Druck

Folgarts Bauernverband ist nicht zu verwechseln mit dem Bauernbund, der einen Tag später um 13.30 Uhr in Bluhm's Hotel & Restaurant eine Podiumsdiskussion veranstaltet. Vorher soll um 10.30 Uhr am Ortsausgang nach Wittstock ein »Denkmal für die Opfer der Zwangskollektivierung« eingeweiht werden. Es handelt sich um einen zwei Meter hohen Findling mit einer Bronzetafel, erläutert Landesgeschäftsführer Reinhard Jung.

Als Opfer nennt Jung die 400 000 Bauern, die sich bis 1960 keiner LPG angeschlossen hatten und die dann im Laufe einiger Monate hineingepresst wurden. Jung zählt die Methoden auf: »Teilweise mussten Privatbauern das dreifache Soll abliefern. Bei der Ausleihe von Maschinen wurden sie benachteiligt, wenn sie überhaupt Maschinen erhielten.« Der Landesgeschäftsführer spricht auch von Propaganda und Verhaftungen.

Die Bildung der Genossenschaften ab 1952 erfolgte zunächst auf freiwilliger Basis. Die LPG startete als Reaktion darauf, dass so manche Bauern mit ihren kleinen Höfen und besonders viele Neubauern, denen die Erfahrung fehlte, allein nicht rentabel ackern konnten. Trotzdem fiel es den meisten schwer, sich von der eigenen Scholle zu trennen, sie in eine LPG einzubringen. Ende 1959 befanden sich noch immer 60 Prozent der Flächen in der Hand von Bauern, die selbstständig wirtschaften wollten. Die Genossenschaften aber benötigten große, zusammenhängende Flurstücke, um ihre Vorteile ausspielen zu können. Darum wurde die Kollektivierung nun forciert, die Agitation erheblich ausgeweitet und auch Druck ausgeübt. Das steht außer Zweifel.

Geregelte Arbeitszeiten

Die Kollektivierung sei im Frühjahr 1960 alles andere als freiwillig gewesen, sagt die LINKE-Abgeordnete Tackmann, die sich eine differenzierte Betrachtung wünscht. Sie benutzt das Wort »Psychoterror«, wehrt sich aber dagegen, den sozialistischen Frühling nur negativ zu sehen. Der Genossenschaftsgedanke sei schließlich richtig gewesen und man müsse im Auge behalten, was sich in der Folge positiv entwickelte.

Die Vorzüge der LPG liegen auf der Hand. Erstmals konnten Bauern nun Urlaub machen, sogar Sommerurlaub. Statt zwölf Stunden täglich zu schuften, gab es geregelte Arbeitszeiten und über die Jahresendprämie oft ein überdurchschnittliches Einkommen. Die Genossenschaften kümmerten sich im Dorf fast um alles. Sie delegierten Kader zum Studium, halfen beim Bau von Eigenheimen, betrieben Kindergärten und errichteten Erholungsheime, Gaststätten und Kulturhäuser.

Zwangselemente habe es gegeben und das müsse auf der Konferenz auch eine Rolle spielen, sagt Detlef Nakath, Geschäftsführer der Rosa-Luxemburg-Stiftung Brandenburg. Wie die historischen Ereignisse in einer Gesamtschau bewertet werden können, das beschreibt ein Satz sehr gut, den Nakath in den Vorgesprächen für die Konferenz von einem ehemaligen LPG-Vorsitzenden hörte: Er sei auch nicht freiwillig in die Genossenschaft gegangen, aber es sei dann die schönste Zeit seines Lebens geworden.

Detlef Nakath erwartet zu seiner Tagung in Kyritz 50 bis 60 Teilnehmer. 30 Anmeldungen liegen schon vor. Die Teilnahme ist auch ohne Anmeldung möglich. Der Eintritt ist frei.

1990 läuteten für das Modell LPG die Totenglocken. Doch einige Genossenschaften haben bis heute überlebt, es gibt auch Neugründungen. Als Beispiel für eine erfolgreiche Agrargenossenschaft nennt Kirsten Tackmann die in Neuzelle (Ostbrandenburg).

  • 1989 verfügten über 90 Prozent der Genossenschaftsbauern in der DDR über eine Berufsausbildung. 1960 waren es nur 5,6 Prozent.
  • 1949 ernteten die Bauern rund 18 Dezitonnen Getreide je Hektar. Für die Zeit 1986 bis 1988 war der Ertrag auf durchschnittlich 44,3 Dezitonnen pro Jahr und Hektar gestiegen.
  • An Fleisch wurde im Durchschnitt der Jahre 1986 bis 1988 das Achtfache von 1949 produziert. Bei Eiern war es das Sechsfache und bei Milch das Dreieinhalbfache.

Bluhm's Hotel & Restaurant, Maxim-Gorki-Str. 34 in Kyritz, Rosa-Luxemburg-Stiftung Brandenburg, Dortustr. 53 in Potsdam, Tel.: (0331) 817 04 32, www.bbg-rls.de

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