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Die Gebrüder Sikorski

Katyn und ein Flugzeugabsturz – Polnische Tragödien

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Wladyslaw und Franciszek Sikorski waren beide Generale in den Streitkräften der 1918 wiedererstandenen Republik Polen. Wladyslaw S. wurde Ende September 1939 Ministerpräsident der Exilregierung, zugleich Verteidigungsminister und Oberbefehlshaber der Polnischen Streitkräfte. Bis zum 4. Juli 1943 lenkte er die Geschicke einer »Regierung der Nationalen Einheit« eines Landes, das nach dem Einmarsch der Wehrmacht 1939 für fast sechs Jahre vom Deutschen Reich okkupiert war.

Sein Bruder Franciszek Sikorski war im September 1939 Befehlshaber der Festung Lwow, die im Westen von Truppen der Wehrmacht, im Osten von der Roten umklammert worden war. Er hat, dem Befehl des Marschalls Edward Smygly-Rydz folgend, keine offensiven Kampfhandlungen gegen die sowjetischen Truppen aufgenommen, die am 17. September in Ostpolen einmarschiert waren, sondern verteidigte die Festung gegen Angriffe der Wehrmacht. Gemeinsam mit dem polnischen Brigadegeneral Wladyslaw Langner, Befehlshaber im Wehrbereich Lwow, nahm er Verhandlungen mit dem Befehlshaber der Ukrainischen Front der Roten Armee Semjon Timoschenko auf. Sah er doch in der Roten Armee den Vertreter eines Staates, »in dem – im Unterschied zu Deutschland – die Prinzipien der Gerechtigkeit gegenüber anderen Völkern und Persönlichkeiten verpflichtend« seien.

Als Franciszek Sikorski diese Zeilen schrieb, befand er sich bereits als Kriegsgefangener im Sonderlager Starobjelsk des NKWD, in dem acht polnische Generale und knapp 4000 überwiegend höhere Offiziere interniert waren. Von ihnen überlebten nur 78. Die sterblichen Überreste des Brigadegenerals Franciszek Sikorski und seiner Kameraden befinden sich in den Massengräbern von Pjatichatki, heute einem Stadtteil von Charkow. Im Frühjahr 1940 waren sie ebenso wie ihre 6000 Kameraden aus dem dritten Sonderlager, das sich in Ostaschkow, bei Kalinin, befand, hinterrücks erschossen worden. Das geschah zur gleichen Zeit, als mehr als 4000 polnische Kriegsgefangene des Sonderlagers Kosjelsk, unweit der Stadt Smolensk, im Wald von Katyn getötet wurden. Anderthalb Jahre später, Anfang Dezember 1941 – Polen und UdSSR waren inzwischen Verbündete der Antihitlerkoalition –, verlangte Wladyslaw Sikorski von Stalin Auskunft über das Schicksal der verschwundenen polnischen Offiziere, da diese dringend für die Aufstellung von Kampfverbänden gegen die deutsche Aggression gebraucht werden. Er bekam keine Antwort.

Der Lebensweg von Wladyslaw Sikorski endete ebenfalls abrupt. Allerdings wurde sein Tod unverzüglich bekannt, wenngleich sich auch um seinen Tod Geheimnisse und Gerüchte ranken. Am 4. Juli 1943 bestieg er in Gibraltar, von einer erneuten Inspektion seiner Truppen im Nahen Osten zurückkehrend, mit seiner Begleitung, zu der auch seine Tochter gehörte, die für das Chiffrierwesen des Ministerpräsidenten verantwortlich war, eine Maschine vom Typ »Liberator«. Der Pilot war ein in britischen Diensten stehender Tscheche, Leutnant Prchal. Punkt 23.03 Uhr startete die Maschine, stürzte jedoch alsbald, ohne Höhe zu gewinnen, unterhalb der Felsenfestung Gibraltar ins Meer. Das Höhenruder habe versagt, hieß es offiziell. Unerklärter- und unerklärlicherweise gab es einen einzigen Überlebenden, den Piloten, der aus dem Meer gefischt werden konnte; er hatte als einziger eine Schwimmweste um. Merkwürdig auch: Der Postsack war nicht mitgenommen worden, wurde auf der Start- und Landebahn aufgefunden.

Bereits Ende 1942 hat es bei Zwischenlandungen Sikorskis auf kanadischen Flugplätzen Attentatsversuche gegen dessen Maschine gegeben. Ein weiterer Anschlag war auf einem Feldflughafen bei Kairo gescheitert, kurz nachdem Sikorski eine Verschwörung gegen seine Regierung der Nationalen Einheit aufgedeckt und durchkreuzt hatte, in die der Adjutant des Generals Wladyslaw Anders, Rittmeister Jerzy Klimkowski, verwickelt war, der – wohl als Bauernopfer – zu einer Freiheitsstrafe verurteilt wurde.

Während seiner Inspektion in Nahost hatte Wladyslaw Sikorski am 2. Juli 1943 erklärt, sein letztes Reiseziel in diesem Jahr werde Moskau sein. Dort sei über Polens neue Grenzen nach dem Krieg zu sprechen. Die sowjetische Regierungszeitung »Iswestija« veröffentlichte am 9. Juli 1943 einen würdigen Nachruf auf den toten Regierungschef und Oberbefehlshaber, inwieweit dieser aufrichtig war, bleibt ein historisches Geheimnis.

Als Ende November/Anfang Dezember 1943 auf ihrer ersten Konferenz die Großen Drei in Teheran über die polnischen Grenzen verhandelten, wurde Polen nicht konsultiert. Roosevelt und Stalin bestimmten auf Betreiben Churchills Polens Territorium zwischen Curzon-Linie und Oder. Rolf Hochhuth vermutete später, in seinem Drama »Soldaten« (1967), Churchill als Drahtzieher des Flugzeugabsturzes. Die britischen Akten sollen bis 2050 unter Verschluss bleiben.

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