Entstanden aus Heimweh nach Prag

Louis Fürnbergs »Mozart-Novelle« bringt den Komponisten mit Casanova zusammen

Wer dächte bei einer »Mozart-Novelle« nicht zuerst an Eduard Mörike? Diesen innigsten Dichter des schwäbischen Biedermeier, dessen lebenslange Liebe zu jenem unvergleichlichen Genie ein Juwel deutscher Erzählkunst hervorgebracht hatte: »Mozart auf der Reise nach Prag« (1855). In äußerer, nicht innerer Idylle war dem kränklichen, schon mit 39 Jahren pensionierten Pfarrer dieses zauberhafte Werk gelungen. Ein Mozart-Bild, das immer wieder fasziniert, weil es durch das dichterische Wort uns ahnen lässt, wer Mozart war, was seine Musik sagt. Romantische Verklärung, gar Verzeichnung? Denn da sei auch von »Trübsinn«, »Schwermut«, »Todesahnung« die Rede. Sei's drum! Es bleibt ein einzigartiges Bild.

Und nun geht 1947 jemand das Wagnis an, eben jenen selben Lebensmoment – Mozart am Vorabend der Uraufführung seines »Don Giovanni« in Prag, 28. Oktober 1787 – noch einmal, in einer »Novelle« darzustellen: Louis Fürnberg. Wer beide wiedergelesen hat, wird beide bewundern müssen!

Die Lebensumstände, die Fürnberg, den sensiblen Lyriker und Musiker, gleichsam zwangen, eine solche graziöse Prosa-Episode festzuhalten, waren einer Idylle denkbar fern. Der engagierte Prager Dichter und Antifaschist war im Frühjahr 1939 von den Nazis gefasst worden, konnte ihnen im August, vielfach malträtiert, halb taubgeschlagen, wie durch ein Wunder entkommen und gelangte, mit Frau und kleinem Sohn, über sieben Grenzen im Frühjahr 1941 nach Jerusalem. Als Asylsuchender, nicht als Zionist. Eben diese Polarität ließ Fürnberg die Jahre in Palästina zu einer traumatischen Erfahrung werden. Der 1943 in London mit einem Vorwort von Arnold Zweig erschienene Gedichtband trug den Titel »Hölle, Haß und Liebe«. Fast ein Jahr verging nach Ende des Krieges, bis im März 1946 die Ausreise gelang. Heimkehr-Willige galten den in Palästina Bleibenden als Verräter.

Unter diesen Lebensumständen entstand die so ganz anders geartete Welt der »Mozart-Novelle«: »... aus Heimweh nach Prag«. Am 11. November 1945 hatte Fürnberg an Arnold Zweig geschrieben: »Ich versuche mich jetzt an einer kleinen Novelle ... Ein Zusammentreffen Mozarts mit Casanova in Prag. Im ganzen sind wir sehr schlecht aufgelegt.«

Eben jenes »Zusammentreffen« war die Erfindung des Dichters. Dass der Abenteurer und Frauenheld Giacomo Casanova, 62-jährig, aus Dux, wo er als Bibliothekar des Grafen Waldstein sein Gnadenbrot verzehrte, um den 25. Oktober in das nahegelegene Prag kam und vermutlich die Uraufführung der Mozart-Oper erlebte, gilt als ziemlich sicher. Nun aber sollte man diese »unerhörte Begebenheit« im Freundeskreis laut vorlesen. Es sind ja nur 50 Seiten. Da erst würden dem Hörer Schönheit und Klang der Sprache, das andeutungsweise Böhmisch-Österreichische, und die subtile Ironie, die originellen Details in der Personen-Charakteristik aufgehen. Gerade letztere ist im höchsten Sinne bewundernswert.

Ein historisches Dutzend an Personen wird uns vorgestellt: die Freunde und Gastgeber Mozarts, Franz und Josefa Duschek, auf deren Landsitz, der Bertramka nahe Prags; Operndirektor Bondini mit Frau, der um die noch nicht geschriebene Ouvertüre zum »Don Giovanni« bangt; die konkurrierenden Sängerinnen Saporiti und Micelli, Hauptdarstellerinnen der Oper; der sarkastische Librettist Lorenzo da Ponte; ein zufällig dazugekommener begüterter und schöner Graf, Clam Gallas; dessen Begleiter, der Preußische Gesandte von Blaskowitz, ein köstliches Exemplar von dumm-provozierender Arroganz, das fast einen Eklat verursacht; schließlich der sich in den Mittelpunkt spreizende, eitle, die Vergangenheit repräsentierende Casanova. Und: natürlich Mozart; den Wissenden der eigentliche Mittelpunkt, der liebenswürdige Mensch und der unvergleichliche Schöpfer.

Dem Tag und Abend folgt, mit einem Drittel des Textes, der nächtliche Spaziergang Casanovas und Mozarts durch das nur vom Mond erhellte Prag. Die Kulmination der Novelle; auf sie strebte alles hin. Casanova begreift überhaupt nicht, wer da neben ihm geht: »ein mittelmäßiger Konkurrent des Maestro Salieri« vielleicht; denn, so meint er, dass es »der Sinn der Kunst nicht sein könne, dem Leben zu dienen, sondern nur den Sternen ...! ... ein liebliches, wie parasitäres Dasein am Baume der Gesellschaft«; er selbst partizipiere an den »Erhabenen« ... Tatsächlich glaubt er, in seiner manischen Ich-Bezogenheit, in der Gestalt des Don Giovanni porträtiert worden zu sein!

Mozart widerspricht all dem auf das Entschiedenste. Er will »Lakai weder nach oben noch nach unten« sein, das sei »der einzige Zustand, wo es sich nach Herzenslust hervorbringen ließe«. Und dann deutet er dem konsternierten Casanova das »Geheimnis« seiner Oper an – ohne es aufzulösen. Es läuft, höchst eigentümlich, auf Selbstdarstellung hinaus. Da mag der Dichter sich angelehnt haben: »Es ist jeweils die bittere Dissonanz, und die löst man nicht auf ... So schrecklich – so schön ... Eine Maskerad ..., dass es einem die Kehl zuschnürt.« Das »Fegefeuer« wollen, wie Don Giovanni, statt der »Höll«, die man schon hat. In der Nacht noch entstand die Ouvertüre. Die Prager Premiere am 29. Oktober 1787 war von Mozart dirigiert.

Fürnberg erlebte bis 1957 zwölf Auflagen der Novelle. Es waren fast einhunderttausend Exemplare in der schönen Ausstattung des Dietz Verlags Berlin mit den ganz zeitgemäßen farbigen Zeichnungen von Karel Müller, Prag. – Dieses Werk wird bleiben in der Geschichte der deutschen Erzählkunst.

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