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»Ein kleines Café ersetzt die Familie«

Der Verein »Grenzenlos« in Aschaffenburg will Armut lindern und Bedürftigen zu Würde verhelfen

Preiswerte Mahlzeiten im Café »Grenzenlos«
Preiswerte Mahlzeiten im Café »Grenzenlos«

Am Anfang stand eine Weihnachtsfeier, zu der kein Gast kam. Der Aschaffenburger Gastronom Harry Kimmich hatte die Bedürftigen der Stadt zu einem Festessen am Heiligabend eingeladen. Doch die Armen scheuten den Weg in das gutbürgerliche Gasthaus zwischen Schloss und Stiftskirche. Die Einladung war gut gemeint, aber »ich war blauäugig«, sagt Diplom-Kaufmann Kimmich: »Die Hemmung, hierher zu kommen, war für diese Menschen viel zu hoch.«

Sozialarbeiterin Marion Forche und Harry Kimmich
Sozialarbeiterin Marion Forche und Harry Kimmich

Heute ist die Schwelle, die arme Menschen in der Stadt am Main von einem guten Essen trennt, niedrig – nicht nur zu Weihnachten. In einem Hof unweit der besten Einkaufsstraße befindet sich das Café »Grenzenlos«: ein Dutzend Tische in einem gemütlichen Raum, eine Theke, an der Wand die Tageskarte. Das Angebot unterscheidet sich kaum von dem anderer Lokale in der Gegend; es gibt Karotten-Ingwer-Suppe, Kassler mit Sauerkraut oder Fischfilet. Dass es sich nicht um ein gewöhnliches Restaurant handeln kann, zeigt erst ein Blick auf die Preise: Die Suppe kostet 80 Cent, das teuerste Gericht zwei Euro. Ab dem 20. jeden Monats gibt es ein Essen ganz umsonst. Die Preisgestaltung hat einen nüchternen Grund. »Um diese Zeit ist der Hartz-IV-Regelsatz oft aufgebraucht«, sagt Kimmich, der nach seinem enttäuschenden Weihnachtserlebnis gemeinsam mit anderen Bürgern vor zehn Jahren den Verein »Grenzenlos« ins Leben rief und das Café gründete. Dort sollen, so die Idee, Bedürftige ein Essen bekommen, ohne sich wie in einer Suppenküche als Empfänger von Almosen fühlen zu müssen. »Unsere Gäste werden bedient wie in einem richtigen Restaurant«, sagt Kimmich und betont, man wolle den Menschen »trotz ihrer schlechten Lage mit Wertschätzung begegnen«.

Zudem sollen sie nicht unter sich bleiben müssen, nur weil sie wenig Geld haben: Im Lokal sind auch Menschen mit besser gefüllter Geldbörse willkommen. Manchmal essen hier Mitarbeiter des nahe gelegenen Gerichts – und sitzen dabei unter Umständen mit einem ehemaligen Häftling am Tisch. Auch der Bürgermeister mit Frau kommt ab und an auf einen Kaffee vorbei. Sie zahlen die gleichen Preise: »Wir wollen beim Zahlen nicht trennen«, sagt Gabi Becker, die Chefin des Cafés. Wer mehr geben möchte, darf das aber gern tun: Am Ausgang wurde extra eine blaue Spendendose aufgestellt.

Freilich: Immer öfter gibt es in dem Restaurant keinen freien Stuhl mehr. 130 Mahlzeiten werden täglich gekocht und umgehend verspeist. Fisch oder Salat sind noch schneller alle: »Das können sich viele zu Hause nicht mehr leisten«, sagt Becker; entsprechend geschwind spricht sich das Angebot herum. Zu den Gästen zählen Alleinerziehende und Familien mit mehreren Kindern ebenso wie Ältere, die nur eine magere Rente und keine Angehörigen haben. Für sie, sagt Becker, »sind wir die Ersatzfamilie.« Im Winter harren sie oft besonders lange in dem kleinen Café aus – für die Heizung in der eigenen Wohnung fehlt das Geld.

Als »Grenzenlos« gegründet wurde, hielten Kommunalpolitiker solche Zustände in der fränkischen Stadt nicht für denkbar, erinnert sich Kimmich: Armut gebe es in Aschaffenburg gar nicht, habe der damalige Stadtrat abgewunken. Wer heute Zweifel anmeldet, den lädt der Vereinschef in das Sozialkaufhaus ein, das im März 2000 gegründet wurde. Dort werden, ähnlich wie bei den Tafeln, gespendete Lebensmittel an Bedürftige verteilt; vier Kühlfahrzeuge sind dafür täglich in der Stadt unterwegs und holen Waren ab, die Discounter und Ladenketten zur Verfügung stellen. Auch hier legt man beim Verein Wert darauf, die Kunden würdig zu behandeln: Sie können wie in anderen Geschäften aus Regalen wählen oder sich an einer Gemüsetheke bedienen lassen. In einen Korb, für den dann an der Kasse 30 Cent berechnet werden, dürfen bis zu sieben Artikel wandern, dazu Brot und Gemüse. »Bei uns muss sich keiner bedanken«, sagt Kimmich: »Man kann zahlen und gehen wie in einem normalen Kaufhaus.«

Bis zu 600 Menschen kommen jeden Tag; oft bildet sich eine Schlange. Dieser Andrang, sagt Kimmich, habe bislang jeden Skeptiker überzeugt. Kein Zweifel: Armut ist auch in Aschaffenburg Alltag. Zwar gibt es in der Stadt mit ihren 80 000 Einwohnern viele Firmen, die für Arbeit und gute Löhne sorgen; vor allem Autozulieferer sowie ein Hersteller von Gabelstaplern sind in der bayerischen Stadt, die nicht weit von Frankfurt am Main entfernt liegt, ansässig. Rund jeder Zehnte aber, schätzt Marion Forche, Sozialpädagogin im Verein, sei bedürftig, wobei offizielle Statistiken fehlen. Unter denjenigen, die auf die Hilfe von »Grenzenlos« angewiesen sind, finden sich inzwischen auch gelernte Elektriker oder promovierte Physiker – Menschen, die vor sechs oder sieben Jahren noch nicht gekommen wären, sagt Forche: »Die Mittelschicht bricht langsam, aber sicher weg.« Viele versuchten, ihre Notlage zu verbergen und mit den mageren staatlichen Leistungen über die Runden zu kommen. Die Zahl derjenigen, die zum Verein kommen, wird jedoch stetig größer: »Die Not zwingt dazu.« 2100 Menschen haben den »Grenzen- los«-Pass beantragt, der zum preiswerten Einkaufen berechtigt. Darunter sind viele, aber längst nicht nur Langzeitarbeitslose oder Migranten, betont die Sozialberaterin: Zu den Kunden des Kaufhauses gehöre auch ein Busfahrer, dessen Gehalt so mickrig ist, dass er seine Familie davon nicht ernähren kann.

Der Verein »Grenzenlos« versucht, solche Armut zu lindern – auch wenn manche Kritiker meinen, derlei soziale Projekte erlaubten es der Politik, sich der Verantwortung etwa für existenzsichernde Einkommen zu entziehen. Bei dem Aschaffenburger Verein freut man sich zwar über Urteile wie das jüngst beim Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe gefällte, wonach die Regelsätze bei Hartz IV zumindest für Kinder zu niedrig bemessen sind: Sie sei »heilfroh« über den Spruch des Gerichts, sagt Forche. Vereinschef Kimmich glaubt freilich auch, dass der Staat

»das Problem derzeit nicht allein stemmen kann«; schließlich öffne sich die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter, die öffentlichen Kassen aber sind gähnend leer. Er setzt daher auf ein »aktives Bürgertum«, das sich in wohltätigen Initiativen wie »Grenzenlos« engagiert oder sie materiell unterstützt.

In Aschaffenburg arbeitet dafür eine äußerst rege Gruppe von Bürgern, die allesamt im Ehrenamt für den Verein tätig sind: Menschen wie der Gastronom Kimmich oder Gabi Becker, die von sich sagt, sie lebe in gesicherten finanziellen Verhältnissen, wolle sich aber gerade deshalb für Menschen ins Zeug legen, denen es weniger gut gehe. Für die Finanzen des Vereins, der immerhin ein Budget von 390 000 Euro im Jahr hat, ist ein pensionierter früherer Bank-Vorstand zuständig; eine Grafikerin entwirft in ihrer Freizeit Plakatmotive und Kampagnen, die wirkungsvoll sind, ohne übertrieben um Mitleid zu heischen. »Stille Nacht, hungrige Nacht«, lautete der Slogan auf einer Anzeige, die vor Weihnachten geschaltet wurde – ein Fest, zu dem die Hilfe des Vereins ebenso stark gefordert ist wie zu Ostern: Am Karfreitag, sagt Café-Chefin Becker, »ist die Bude hier besonders voll«.

Es ist freilich nicht nur das Café, das sich großer Popularität erfreut.

Die Gründer des Vereins seien »von der Dynamik fast überrollt« worden, räumt Kimmich ein: »Wir hätten anfangs nicht gedacht, dass für unsere Angebote ein solcher Bedarf besteht.« Inzwischen allerdings ist »Grenzenlos« fast ein mittelständischer Betrieb. Der Verein betreibt neben Café, Kaufhaus und Sozialberatung auch eine Kinderbetreuung, in dem etwa alleinerziehende Mütter für die Dauer eines Arztbesuchs oder Termins bei der Arbeitsagentur ihre Kinder für wenig Geld von Erzieherinnen betreuen lassen können. Seit Kurzem werden zudem Behinderte zu Hause mit Essen und Einkäufen beliefert, und im letzten Winter hat der Verein eine regelmäßige Wachschutz-Streife im Obdachlosenheim der Stadt finanziert, das selbst Bedürftige zuvor wegen der Klagen über ungenügende Sicherheit nur ungern nutzten. Sogar ein

Buchtausch-Projekt, das an einer zentralen Haltestelle in Aschaffenburg eingerichtet werden soll, will man betreuen und aus Buchspenden bestücken.

Der Verein, dessen Hilfe vor allem notwendig ist, weil zu viele Menschen keine Arbeit haben, sorgt so selbst in erstaunlichem Umfang für Beschäftigung – es gibt 20 Festangestellte und 40 Ein-Euro-Jobber. Gerade diese sind meist sehr motiviert, sagt Forche: »Sie haben selbst lange genug Almosen empfangen und sind froh, wenn sie anderen Bedürftigen helfen können.« Nicht wenige hätten nach der Arbeit bei »Grenzenlos« sogar wieder eine feste Stelle gefunden.

Von einem echten Mittelstandsbetrieb unterscheidet den Verein freilich, dass er für seine Leistungen von den »Kunden« nur einen eher symbolischen Betrag erhebt. Auch Zuschüsse etwa von der Stadt gibt es kaum. Zu 90 Prozent muss das Budget aus Spenden gedeckt werden. Bislang, sagt Kimmich, kann man sich über mangelnde Unterstützung nicht beklagen; das Spendenvolumen stieg zuletzt trotz Wirtschaftskrise. Das hat Gründe. In Aschaffenburg ist »Grenzenlos« anerkannt: »Die Leute kennen uns, wissen, was wir machen, und vertrauen uns«, sagt Kimmich. Regelmäßigen Spendern wird jedes Jahr ein Brief geschickt, in dem der Verein berichtet, wofür das Geld ausgegeben wurde. Wer 250 Euro oder mehr spendet, dem wird sogar in der Lokalzeitung gedankt. »Nur Gutes tun und nicht darüber reden«, sagt Kimmich – »das funktioniert nicht mehr.«

Wer spenden möchte, erhält hier alle nötigen Informationen..

www.grenzenlos-ab.de

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