Polen – eine geteilte Nation

Der Streit um die Königsgruft und die Folgen

  • Von Julian Bartosz, Wroclaw
  • Lesedauer: 3 Min.
Im Beisein eines halben Hunderts von Staatsoberhäuptern aus aller Welt, darunter Barack Obama und Dmitri Medwedjew, wird das polnische Präsidentenpaar Lech und Maria Kaczynski am Sonntag in der Königsgruft auf dem Krakower Wawel beigesetzt.

Die nun nicht mehr zu widerrufende Entscheidung, die Kaczynskis auf dem Wawel zur letzten Ruhe zu betten, hat in der polnischen Öffentlichkeit, die nach der Flugzeugkatastrophe von Smolensk in Trauer vereint schien, einen heftigen Streit ausgelöst. Wie die »Gazeta Wyborcza« am Mittwoch in einem redaktionellen Artikel vorausgesehen hatte, spaltete sich die Nation an der Frage, ob der tragisch verstorbene Staatspräsident die Königsgruft verdient. Schon 1935 hatte man in Polen heftig darüber gestritten, ob Marschall Józef Pilsudski an der Seite der Könige beigesetzt werden dürfe. Er wurde es schließlich.

Der Krakower Kardinal Stanislaw Dziwisz hatte am Montag als erster den Wawel als Ruheort ins Gespräch gebracht, will davon heute jedoch nichts mehr wissen. Vielmehr weist er auf verschiedene »Inspiratoren« hin, darunter die Kaczynski-Familie, und appelliert an die Öffentlichkeit, jedweden Streit darüber zu unterlassen. Ähnlich lautete eine Erklärung der Polnischen Bischofskonferenz: Das vom Ableben seines Präsidenten und der »Elite Polens« traumatisierte Volk müsse zusammenhalten und für das Vaterland beten.

Schon jetzt stellt sich die Frage, ob der offensichtliche Versuch der Kirchenfürsten gelingt, ihre Oberhoheit über die »Seele des Volkes« weiter zu verstärken. Sie wollen keine Politik in der Trauer, scheinen aber ihre eigene zu betreiben.

Aus Kreisen der Kaczynski-Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) wurde am Donnerstag versichert, dass weder Lechs Zwillingsbruder Jaroslaw Kaczynski noch die Tochter des Präsidentenpaares, Marta, den Wunsch nach der Königsgruft geäußert hätten. Wie auch immer, viele bekannte und geachtete Persönlichkeiten aus verschiedenen Kreisen der polnischen Gesellschaft meinten, der Tod in einer Flugzeugkatastrophe sei noch kein Grund, zum Nationalhelden erkoren zu werden. Professoren der Krakower Jagiellonen-Universität zeigten sich verwundert, dass es so schnell zu dieser »übereilten Entscheidung« (Gazeta Wyborcza) gekommen ist. Prof. Jan Hartman sprach von »Pathos und bombastischer Heldenhuldigung«. In vielen Großstädten kam es zu Protesten – so in Kraków, Wroclaw, Gdansk, Poznan, Katowice, Warschau und Bialystok. Pawel Lisicki, Chefredakteur der Zeitung »Rzeczpospolita«, überschrieb seinen Blog-Kommentar: »Die Trauer und der Kitsch der Versöhnung«. Die bekannte Schriftstellerin Olga Tokarczuk beklagte in einem Text für die »New York Times«, dass sich ihre Landsleute offenbar immer nur angesichts von Opfern, Särgen und auf Friedhöfen vereinigen können. »Wie Naturvölker, die um alte Totems tanzen, vernachlässigen wir die Lebenden und können nur die Toten würdigen. Mir wird übel, wenn wir unsere gemeinsame Identität immer nur aus Trauermärschen und gescheiterten Aufständen schöpfen. Ich träume von Polen als einer modernen Gesellschaft«. Der Soziologe Wiktor Osiatynski kommentierte: »Auch wenn nicht viele dies Meinung teilen: Das war eine stupide und unnötige Katastrophe. Wer da von Heldentum spricht, geht der Verantwortung aus dem Weg.« Osiatynski erinnert daran, was er unlängst schrieb, dass nämlich »Lech Kaczynski ... mit kaum 30 Prozent Zustimmung im Volk nur winzige Chancen auf eine Wiederwahl hatte«. Jetzt aber sei er ein Held!

Ireneusz Krzeminski, ebenfalls Professor der Soziologie, verglich die Millionenmenge, die vor dem Präsidentenpalast in Warschau Schlange stand, um weinend und fotografierend am Sarg Kaczynskis vorbeizuziehen, mit den Massen, die um Lady Diana in England trauerten. Auf Lech Kaczynskis Seite stand vor dessen Tod nur eine Minderheit. Er, Krzeminski, verstehe das seit einer Woche anhaltende Schluchzen der Radio- und Fernsehjournalisten nicht.

Wer so denkt, erscheint den Millionen »wahrer Patrioten« freilich wie der Auswurf der Gesellschaft. »Nasz Dziennik« behauptete am Freitag, die Trauer um Kaczynski bedeute »den neuen Aufstieg der Solidarnosc«. In der Gewerkschaft wie in der PiS werden immer öfter und lauter Stimmen vernehmbar, Jaroslaw Kaczynski solle bei der Präsidentenwahl kandidieren. Als Fortsetzer »des edlen Werks seines Zwillingsbruders« werde er siegen. Der Wahlkampf hat bei aller Trauer längst begonnen

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