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Viele Farben eines »weißen Flecks«

Erstes »Lexikon Künstler in der DDR« von Dietmar Eisold

  • Von Klaus-Dieter Schönewerk
  • Lesedauer: 4 Min.

Die Kartografen heutiger politischer Geografie zeichnen dort, wo einmal ein Land namens DDR war, einen weißen Fleck ein: kunstfreie Zone. Walter Smerling, Kurator der Ausstellung »60 Jahre – 60 Werke«, die dem 60. Jahrestag des Grundgesetzes gewidmet war, zog sein Fazit des fortdauernden Alleinvertretungsanspruchs: Die DDR spiele für die Kunstentwicklung eigentlich keine Rolle. Konzeptionell sahen die Ausrichter der Schau DDR-Kunst bestenfalls im Historischen Museum.

Auch dort sollten wenigstens Daten und Fakten zur Kenntnis genommen werden. Hilfreich dafür ist eine Neuerscheinung, die eine Lücke füllt, welche der berühmte »Vollmer« als unerlässliches Nachschlagewerk hinterlassen hat. Dietmar Eisold legt nach jahrzehntelanger, gründlicher Arbeit ein »Lexikon Künstler in der DDR« vor, das auch von sachkundigen Kunstwissenschaftlern unterstützt wurde. Es besticht durch die Breite des Kunstbegriffs über alle Bereiche bildender und angewandter Kunst und erhellt, welche Wirkung Künstler und ihr Werk in Ausstellungen und im öffentlichen Raum in der DDR und weit darüber hinaus erreichen konnten.

Das Lexikon bietet in ca. 7300 Artikeln sowohl Biografisches als auch Daten und Fakten der Werkgeschichte. Berücksichtigt sind alle Persönlichkeiten, die im Verband Bildender Künstler der DDR mitarbeiteten, wobei auch schmerzliche Verluste nicht ausgespart werden. Außer Betracht bleiben mussten die vielen tausend Künstler des bildnerischen Volksschaffens, obwohl auch in diesem Bereich, der in der deutschen Kunstgeschichte wohl einen singulären Charakter hat, eine Reihe hochinteressanter Arbeiten entstanden sind.

Nur eine Ahnung kann lexikalische Verknappung über die eminente Breitenwirkung geben, wie sie beispielsweise zentrale Kunstausstellungen der DDR erreichten, über Kunstdiskussionen, in denen Impulse und Widersprüchlichkeiten von spontanen Kunstempfinden, wachsender Kunsterfahrung und steuernden Einflüssen der Kulturpolitik oft genug in- und aneinander gerieten.

Wer in diesem Buch sucht, wird mancherlei finden, was Kontinuität und Diskontinuität deutscher Kunstgeschichte vom Jahre 1945 bis heute ausmacht. Am Einzelfall werden Spuren von Realismusauffassung und politischer Grundhaltung sichtbar, lässt sich DDR-Kunst aus Vorgeschichte begreifen. So wenig sie durch ein Edikt begründet wurde, so wenig ist sie durch ein Verdikt zu beenden.

Der Autor hat – begonnen schon als Redakteur dieser Zeitung – ein riesiges Archiv zusammengetragen, geordnet und handhabbar gemacht. Wie auch sein Vorgänger Vollmer hat er auf öffentlich zugängliche Quellen zurückgreifen müssen. Dabei bleiben begreiflicherweise Lücken, zum Beispiel fehlen die Teilnahme an einigen Bezirkskunstausstellungen vor 1968, auch Einzelausstellungen, die oft allein regionales Echo fanden. Eisold und Verlag sind dankbar für alle Ergänzungen, die in einer Neuauflage berücksichtigt werden können.

Als besonders bereichernd wird der Leser die Öffnung für Fotografie, angewandte Bereiche wie – um den heutigen gängigen Begriff zu benutzen – Design, Plakatkunst und nicht zuletzt die buchkünstlerische Gestaltung, die bis heute ein nicht wiedererreichtes Vorbild auf dem Buchmarkt geblieben ist.

Der Autor verzichtet auf Wertungen – auch darüber, ob es etwas wie eine Kunst der DDR gegeben hat. Er überlässt das Feld späterer Forschung, die sich ja vielleicht auch DDR-Kunstwissenschaft zunutze macht, die ebenfalls noch der Erschließung harrt.

Gewürdigt werden muss die »Gesellschaft zum Schutz von Bürgerrecht und Menschenwürde e. V.«, die dieses Lexikon – gefördert von der Rosa-Luxemburg-Stiftung – zu ihrem Projekt machte und die Herausgabe gemeinsam mit dem Verlag ermöglicht hat.

Wenn all diejenigen, die den Begriff »ehemalige DDR« verwenden, nun auch noch von »ehemaligen Künstlern« sprechen wollen, so sprechen sie sich selbst das Urteil über ihre Kompetenz. Falls man das Beharren von Günter Grass auf einer deutschen Kulturnation nicht nur als Polemik gegen Abgrenzungsbemühungen der DDR verstehen will, so kann man nicht umhin, auch Kunst in der DDR als dazugehörig zu begreifen. Der abfällige Blick höchster »kunstwissenschaftlicher Einsicht« auf die DDR als einen »ästhetischen Zoo« spiegelt nur die eigene Borniertheit. Ein Lexikon wie dieses gibt den »weißen Flecken« erkennbare Struktur.

Dietmar Eisold: Lexikon Künstler in der DDR. Verlag Neues Leben. 1081 S., brosch., 39,90 €.

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