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Den Maserati nachgerüstet

Auf einer Fachtagung sollen Lehren aus der Affäre um die Treberhilfe gezogen werden

  • Von Christian Heuck
  • Lesedauer: 4 Min.

Wie die Zeiten sich ändern. Wenn am morgigen Donnerstag die Vertreter der Senatsverwaltung für Soziales, Gewerkschaften und der Wohlfahrtsverbände im BVV-Saal des Rathauses Schöneberg zusammenkommen, um aus der »Maserati-Affäre« zu lernen, dann tun sie es am selben Ort, an dem vor nur zwei Monaten die Treberhilfe-Konferenz zum »Social Profit« stattfand. Damals noch unter der Regie des umstrittenen Ex-Bosses der Treberhilfe, Harald Ehlert. Thema der prominent besuchten Veranstaltung Mitte Februar: »Welche künftigen Einnahmen staatlichen Institutionen aus sozialen Dienstleistungen erwachsen und welche Einspareffekte für öffentliche Haushalte sich aus diesen ergeben, ist durch Social Profit beantwortbar.« Wohin der wirkliche Profit floss, darüber hat die Öffentlichkeit in den vergangenen Wochen allerdings einiges erfahren.

Der Anstoß der Affäre, der italienische Luxussportwagen Maserati-Quattroporte befindet sich entgegen erster Ankündigungen des Sozialunternehmens weiterhin im Besitz der Treberhilfe. Erst in der vergangenen Woche wurde der Sportwagen nach Angaben eines Mitarbeiters, der seinen Namen aus Angst vor Jobverlust nicht in der Zeitung sehen möchte, bei einer Fahrt des Autohauses Ehrl in Potsdam gestoppt und musste auf einem Parkplatz kurzfristig stillgelegt werden, weil immer noch ein Fahrtenbuch fehlte. Der 100 000- Euro-Maserati, den Ehlert sowohl dienstlich als auch privat nutzte, fällt auch durch seine exquisite Ausstattung im Kleinen auf: Dem ND liegen Rechnungen vor, nachdem das Fahrzeug immer wieder nachgerüstet wurde. So wurden im November 2007 zwei Aschenbecher in Wagenfarbe lackiert, Preis 255,90 Euro. Im September 2009 wurde ein iPod-Anschluss in der Mittelarmlehne verlegt, Endsumme 569,83 Euro.

Der ausschweifende Luxus des Sozialunternehmers setzte sich, wie auch der »Spiegel« kürzlich darlegte, auch in anderen Bereichen fort: Jakobsmuscheln, Hummer, Whirlpool und Sauna leistete sich Ehlert im Alltag. Die Miete für diesen Lebenswandel in der Villa am Schwielowsee im brandenburgischen Caputh betrug laut Nachrichtenmagazin schlappe 870 Euro. Bisher unbekannt ist ein weiteres Detail aus dem Geschäftsfeld des Big Boss: Die Treberhilfe erwarb nämlich im Sommer 2008 das expressionistische Gemälde des Künstlers Josef Schaal mit dem Titel »Hierarchie«. Unter dem Motto »Kunst tut gut« sollte das Bild im August 2008 an einem Charity-Abend des Lions-Clubs für die Kinder- und Jugendhilfearbeit in der Wohnungslosenhilfe versteigert werden. Für 80 000 Euro inklusive Mehrwertsteuer nahm die USB Art Consult deshalb für diesen Zweck das Bild von der Treberhilfe gGmbH in Kommission – USB ging dann allerdings pleite.

Das undurchsichtige Geschäftsgebaren beschäftigt inzwischen auch die von der Treberhilfe eingesetzte Berliner Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Verhülsdonk & Partner GmbH, die derzeit ein Gutachten der Geschäftspolitik des Sozialunternehmens der vergangenen Jahre erstellt. Beispielsweise fragt der beauftragte Wirtschaftsprüfer den Ex–Treberhilfe-Boss nach Durchsicht der zur Verfügung gestellten Akten in einem ND vorliegenden Brief: »Für die Privatnutzung des Fahrers, der Hausdame sowie des Sekretariats zahlten Sie monatlich einen Personalkostenanteil von 300 Euro. War das eine reine Schätzung oder gibt es dafür irgendwelche Berechnungsgrundlagen bzw. Aufzeichnungen über die Inanspruchnahme?«. An anderer Stelle irritiert selbst den wohlgesonnenen Steuerberater eine unverhältnismäßige Gehaltssteigerung Ehlerts. »Die monatlichen Gehaltssteigerungen von ca. 54 Prozent in 2007 vom März (13 000 Euro) bis Juni (20 000 Euro) sind doch recht stark. Kann man dafür bestimmte sachliche Gründe benennen (außer der Steigerung des Jahresüberschusses von 232 503 Euro in 2006 auf 608 814 Euro in 2007, welche jedoch im ersten Halbjahr kaum derart abschätzbar gewesen sein dürfte)?« Nach Medienberichten soll dieses Gehalt bis 2010 auf über 30 000 Euro pro Monat gestiegen sein. Bei Verhülsdonk & Partner GmbH wollte man sich auf Nachfrage zu dem Gutachten nicht äußern.

Unbeirrt sind unterdessen der ehemalige Geschäftsführer und seine Getreuen in der Geschäftsführung dabei, die Immobilien der

Treberhilfe in eine neue Gesellschaft zu übertragen. Deren Name lässt tief blicken: »Hiawatha«. So hieß ein verkannter Native American Häuptling, dem es trotz gesellschaftlicher Zurückweisung gelang, sich durch seine Redekunst und mit der Hilfe verbündeter Stämme durchzusetzen.

Ob Ehlert die offenbar ersehnte triumphale Rückkehr gelingt? Nicht alle angestellten Mitarbeiter der Treberhilfe, denen immer wieder ihre gute Arbeit bescheinigt wurde, scheinen darauf besonders erpicht zu sein. Rund ein Drittel der 280 Beschäftigten unterschrieb erst in der vergangenen Woche erneut einen offenen Brief, in dem sie ihre schlechten Arbeitsbedingungen beklagen und den Rücktritt des Ehlert treuen Aufsichtsrats fordern. In dem Schreiben machen sie unmissverständlich klar, dass sie ihre Arbeitsplätze existenziell bedroht sehen, sollten mit Ehlert verknüpfte Personen weiter die Geschäfte führen. Ein Neuanfang sei »nicht mit einer Geschäftsführungsebene möglich, die sich mutmaßlich mit Mitteln der Verdunklung und dem Vorspielen falscher Tatsachen Machtpositionen zu erhalten versucht«, schreiben die Angestellten.

Die Fachtagung an diesem Donnerstag wird für die Treberhilfe zunächst jedoch keine Konsequenzen haben. Sie dient eher dem Austausch über die Lehren aus der Maserati-Affäre, erläutert eine Sprecherin von Sozialsenatorin Carola Bluhm (LINKE) gegenüber ND. Am 26. April soll allerdings eine Steuerkontrolle des Finanzamts bei der Treberhilfe erfolgen, die erste seit Gründung der gGmbH im Jahr 2006. Wenig Neues ist unterdessen von der Staatsanwaltschaft zu erfahren. »Die Ermittlungen wegen Veruntreuung öffentlicher Gelder laufen auf Hochtouren«, erklärt ein Sprecher. Konkrete Ergebnisse gebe es jedoch nicht zu melden – angesichts des Ausmaßes der Maserati-Affäre ein erstaunlicher Befund.

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