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Wenn Bürger Bedürftige werden

Bernhard Spring macht in der Reihe »TatortOst« Eichendorff zum Detektiv

  • Von Irmtraud Gutschke
  • Lesedauer: 3 Min.

Ein Student auf den Spuren eines Studenten. Bernhard Spring, 1983 in Merseburg geboren, studiert seit 2005 in Halle Literatur und Geschichte – ebendort, wo sich Joseph von Eichendorff 200 Jahre früher mit Jura und Geisteswissenschaft abplagte. Und weil an Primär- und Sekundärliteratur zu diesem Dichter der Romantik kein Mangel ist, verfasste Spring – vielleicht gar als Nebenprodukt einer wissenschaftlichen Arbeit – einen Krimi. Der brauchte nicht germanistisch überfrachtet zu sein, denn zur Handlungsszeit ist Eichendorff blutjung, stolpert gerade mal mit ersten Zeilen auf seinen literarischen Weg. Dass er keine Lust zur Juristerei hat und sein Bruder Wilhelm die väterlichen Güter wohl besser verwalten könnte, das weiß er freilich schon. War er auf Gut Geusau tatsächlich von einer Frau namens Undine fasziniert oder lernte er eine Undine erst später in Fouqués Erzählung kennen? Gab es in Geusau damals einen Mord, der als Selbstmord inszeniert war, und kurz danach noch einen zweiten? Der Leser mag sich nicht darüber zergrübeln und dem Autor Erfindungsreichtum zugestehen.

Vieles im Buch ist historisch verbürgt; Bernhard Spring hat sich Mühe gegeben, Einzelheiten zusammenzutragen, wollte dann auch auf nichts Recherchiertes verzichten und versuchte, mitunter etwas bieder und umschweifig, sich auch sprachlich in frühere Zeiten zu versetzen. Dass er mit diesem Eifer mitunter die Krimihandlung fast in den Hintergrund drückt, man nimmt es ihm nicht übel. Den einen mag der Schluss überraschen, den anderen nicht. Und Eichendorff selbst scheint »ein gewisser Restzweifel« sogar lieber als völlige Gewissheit. Dem Leser dürfte ohnehin klar geworden sein, dass für den Autor das Muster der klassischen Detektivgeschichte nicht alles ist.

Die Bände der Reihe »TatortOst« aus dem Mitteldeutschen Verlag haben ihren Reiz zunächst im Lokalkolorit. Leser aus Halle und Merseburg können Orte, die sie kennen, in einer Zeitreise erleben.

Mir hat Bernhard Spring einmal mehr vor Augen geführt, was Ständeordnung im Alltag bedeutete. Eichendorff darf eine Wirtsfrau schlagen, die hält sich die Wange, beklagen kann sie sich nicht. Normalität vor 200 Jahren. Und ist es denn wirklich vorbei, wurden die Unterschiede nicht lediglich globalisiert? So wie sich die adligen Studenten in Hallenser Schenken aufführten, werden sich Urlauber in Spanien keinesfalls benehmen. Aber wissen nicht auch sie, dass die Kellner dort nie ihren Platz als Hotelgäste einnehmen könnten?

Eichendorff, für den Standesunterschiede noch gottgegeben sind, schaudert es dennoch angesichts allgemeiner Verrohung. Es gefällt ihm nicht, wie sein Kommilitone Heinrich von Botfeld über seine Bauern spricht. So sei es mit »diesen Naturmenschen« eben, »ganz egal, wie viele von ihnen sterben, es werden doch von Jahr zu Jahr mehr. Der Einzelne hat also nicht viel Gewicht – im Gegensatz zu uns, nicht wahr?«

»Wie sie hausen – und wie wir hausen!«, bricht es aus Eichendorff hervor, als er sich die eng stehenden Häuser am Alten Markt einmal genauer besieht, und es kommt ihm der beunruhigende Gedanke, dass diese Elenden ja immer mehr werden, weil auch immer mehr Bürger verarmen. »Die soziale Schichtung, auf der die meisten deutschen Staaten begründet waren, geriet auseinander, weil die bürgerliche Mitte zusammenbrach.« Das trifft, wenn es Spring dem Romantiker auch aus heutiger Sicht »eingeflüstert« hat.

Was ist ein ungeklärter Todesfall angesichts dieser kaum überwindlichen Misere? Eichendorff »atmete erleichtert auf, als er diesen Ort hinter sich gelassen hatte«.

Bernhard Spring: Folgen einer Landpartie. Ein historischer Halle-Krimi. TatortOst. Mitteldeutscher Verlag. 166 S., brosch., 9,90 €.

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