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Wird der 8. Mai umgedeutet?

Heinrich Fink über Geschichtsrevisionismus und Totalitarismus / Der Vorsitzende der VVN-BdA freut sich über regen Besuch der Konferenz am Wochenende an der Humboldt-Universität zu Berlin

Fragwürdig: Wird der 8. Mai umgedeutet?

ND: »Einspruch!« lautet der Titel Ihrer Veranstaltung am kommenden Wochenende an der Humboldt-Universität zu Berlin. Wogegen will der VVN /BdA Einspruch erheben?
Fink: Gegen den aktuellen Geschichtsrevisionismus. Es ist unsere zentrale Veranstaltung zum 65. Jahrestag der Befreiung. Es hat lange gedauert, bis nach der mutigen Rede von Bundespräsident Richard von Weizsäcker am 8. Mai 1985 sich in der alten Bundesrepublik endlich die Auffassung durchsetzte: Auch das deutsche Volk ist am 8. Mai 1945 befreit worden – von der faschistischen Diktatur, von Rassenwahn und Krieg. Heute erleben wir einen drastischen Rückfall in alte Ansichten. In Publizistik, Fernsehdokumentationen und Geschichtsdebatten werden wieder die deutsche Niederlage und die deutschen Opfer beschworen. Unser Einspruch ist konkret, die Referenten werden ihre Sicht der Ereignisse diversen geschichtsrevisionistischen Parolen entgegensetzen.

Welche haben Sie da im Blick?
Gerade im vergangenen Jahr der »historischen Jahrestage« sind aus dem Kalten Krieg stammende Thesen wie »Rot gleich Braun« und »Sozialismus gleich Faschismus gleich Diktatur« wiederbelebt worden. Sie bestimmen die staatliche Geschichts- und Gedenkpolitik. Diese Deutung der Geschichte zielt auf die Gegenwart.

Inwiefern auf die Gegenwart ?
Zum Beispiel werden kommunistische Widerstandskämpfer, die schon 1933 gesagt haben »Wer Hitler wählt, wählt den Krieg«, im öffentlichen Diskurs nicht mehr erwähnt. Ebenso geht es linken Kriegsgegnern, die zum Beispiel von Anfang an gegen den Afghanistanfeldzug waren; viele werden regelrecht diffamiert. Doch jüngste Diskussionen um den Afghanistaneinsatz zeigen: Es ist Krieg.

Wo sehen Sie weiteren Geschichtsrevisionismus?
Zum Beispiel in dem Versuch auf europäischer Ebene, den 23. August, den Tag des Hitler-Stalin-Abkommens von 1939, zu einem Gedenktag für alle Opfer von Diktaturen und Totalitarismus zu erklären. Wir freuen uns, zu diesem Thema Referenten und Diskussionspartner zu haben wie den Präsidenten der FIR, Michel Vanderborght, Thomas Lutz von der Stiftung Topographie des Terrors Berlin sowie Holger Politt aus Warschau. Wir werden uns mit Totalitarismustheorien und ihrer ideologischen Konstruktion auseinandersetzen, mit der Gleichsetzung von nicht Gleichem und der Verkehrung von Ursache und Wirkungen. Ausgewiesene Experten werden zu Wort kommen wie der Historiker Moshe Zuckermann aus Tel Aviv und die Faschismusforscher Wolfgang Wippermann und Kurt Pätzold. Auch Fragen der Entschädigung der Opfer der Wehrmacht und die inzwischen sehr fragwürdige Gedenkstättenpolitik der Bundesregierung sollen debattiert werden.

Eine Ankündigung lautet: Orient trifft Okzident, die Jüdin den Moslem, Tradition die Moderne. Wie passt dies zu Ihrem Thema?
Wir meinen, dass es nötig ist, auch aktuelle Probleme wie den Nahost-Konflikt zu diskutieren. Die Auschwitzüberlebende Esther Bejarano wird mit der jungen HippHopp-Band »Microphone Mafia« am Sonnabendabend ein Konzert geben. In der Diskussion soll es auch um die fatale Abschiebepraxis von Roma und Sinti gehen. Am vergangenen Wochenende hat der Vorsitzende ihres Zentralrats, Romani Rose, in Sachsenhausen anlässlich der Befreiung des Konzentrationslagers nachdrücklich auf die unerledigte Erblast der Nazidiktatur hingewiesen. Wir unterstützen sein Anliegen, dass Sinti und Roma endlich ein Recht bekommen, als Gleichberechtigte in Deutschland und in anderen Staaten Europas zu leben.

Fragen: Karlen Vesper

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