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Der soziale Ironiker

Egon Erwin Kisch – eine Postkarte auf dem Strahov in Prag erzählt ...

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Egon Erwin Kisch, bekannt als »Rasender Reporter«, hat in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts mit seinen Reportagen aus der Arbeitswelt Maßstäbe gesetzt, die bis heute ihre Gültigkeit haben. Den 125. Geburtstag des kommunistischen Jahrhundert-Journalisten aus einer traditionsreichen deutsch-jüdischen Familie in Prag – geboren am 29. April 1885 im berühmten Haus »Zu den zwei goldenen Bären« – nahm Kisch-Forscher KLAUS HAUPT zum Anlass, um über weniger bekannte Einzelheiten aus Kischs frühen Verbindungen zur Arbeiterbewegung zu berichten.

Zu den wertvollen Autographen, die im Literarischen Archiv der Nationalen Gedenkstätte des Schrifttums in Prag aufbewahrt werden, gehören einige wenige Postkarten und Briefe an Herrn Antonín Macek, Schriftsteller und Redakteur, Prag II., Hybernská 7. Absender ist Egon Erwin Kisch. Diese Schriftstücke aus den Jahren 1914, 1915 und 1917 an den »lieben und werten Herrn Kollegen« in der sozialdemokratischen Tageszeitung »Právo lidu« sind Zeugnisse einer besonderen Verbindung des jungen Kisch zu einer herausragenden Erscheinung der tschechischen Arbeiterpresse.

Mit eigenen Augen kann ich diese Zeitzeugnisse nun im Original bewundern, kann ein wenig mehr erfahren über eine prägende Kollegenschaft. Frau Direktorin Macurová, die mit der Nationalen Gedenkstätte im ehemaligen Zisterzienserkloster auf dem Strahov oberhalb des Hradschin residiert, hat sie aus ihrer »Ruhestätte« hervorgeholt.

Die erste Postkarte ist vom 4. Juni 1914 datiert, und zwar in Berlin, wo Kisch damals versucht hatte, beruflich sesshaft zu werden. Ein Unterfangen, das binnen Jahresfrist durch den Ausbruch des Ersten Weltkrieges zunichte gemacht worden ist. Kisch berichtet Macek, er sei gerade aus London zurückgekommen und »finde Ihre Korrekturen vor«. Er habe »einige kleine Fehler gefunden und will das noch heute Nacht durchlesen«.

Antonín Macek (1872–1923) war zu seiner Zeit ein angesehener Mann in der tschechischen Arbeiterbewegung, als Kulturredakteur des »Právo lidu«, als Schriftsteller und Dichter. Rund dreizehn Jahre älter als Kisch, war dieser linke Sozialdemokrat eine unumstrittene Autorität, als die Beiden sich vor dem Ersten Weltkrieg in Prag kennenlernten.

Der Tscheche Macek – und darin besteht die Besonderheit dieser Bekanntschaft – war unter den tschechischen Kollegen der erste, der Kischs außergewöhnliche Begabung erkannt hat. Er hat ihn in die tschechische Literatur eingeführt. Er war Kischs erster nachhaltiger Übersetzer und sein Herausgeber im Verlag »Volksbibliothek«, dem Parteiverlag der tschechischen Sozialdemokratie. »In Prager Straßen und Nächten« verlegte er im Jahre 1912, die »Prager Kinder« erschienen im darauf folgenden Jahr.

Nun ging es um den dritten Titel, nämlich »Das dunkle Prag« mit Skizzen eben aus dem »dunklen Prag«, auf den sich der Postkartenhinweis »Ihre Korrekturen« bezieht. Dieser Band wurde »zugunsten des Arbeitersanatoriums« herausgegeben, und Kisch versicherte Macek: »Ich wäre glücklich, wenn für diesen edlen Zweck aus meinem Buch irgendein Gewinn, wenigstens auf diese Art ein ethischer Erfolg entspringt, da ich nicht hoffen kann, dass es zu irgendeiner sozialen Reform beitragen kann.«

Antonín Macek, dessen berufliche Laufbahn in der Textilindustrie und in anderen Industriezweigen begonnen hatte, der also eigene Erfahrungen vom Leben der Arbeiterklasse und im Klassenkampf sammeln konnte, schätzte an Kisch insbesondere das außergewöhnliche soziale Verständnis und Engagement. Im Vorwort zum »Dunklen Prag« würdigt er dessen Methode und Fähigkeit der »tiefen Erkenntnis der Wurzeln der menschlichen Not und des unermeßlichen Übels des Staates«, der seinerseits »keine anderen Mittel gegen die Not, Prostitution und die Verbrechen kennt, als ein paar armselige, präventive, schrecklich geringfügige und oft völlig unwirksame Mittel«, um zu verhindern, dass die Menschen »nicht in den Sumpf der materiellen Verderbnis absinken und durch ihre Lebensbedingungen nicht auf die Bahn des Verbrechens geworfen werden«. Die Arbeit im Prager Alltag, so konstatierte Macek, hätten aus Kisch »einen sozialen Ironiker« gemacht.

Das ist das Außergewöhnliche an dem Jahrhundert-Journalisten Kisch: Er stammte – im wahrsten Sinne des Wortes – aus einer gutbetuchten Familie. Aber hingezogen fühlte er sich zu den Armen und von der Gesellschaft schäbig Behandelten. Im Haus »Zu den zwei goldenen Bären«, in dem er das Licht der Welt erblickt hat, betrieben der Vater und dessen Bruder Samuel ein Tuchgeschäft. Es war Kischs Spielplatz. Und so kannte sich schon Klein-Egonek aus in guten Tuchen, wusste auch, welche Farbe von welchem Regiment getragen wurde. Später, als junger Mann in der »Bohemia« wie auch als »Rasender Reporter« auf den Schauplätzen der Welt, legte er, wann immer er es sich leisten konnte, wert auf gute Tuche für seine Anzüge und Mäntel, auf feine Stoffe für die Hemden.

Schneidermeister Rudolf Siebert, der in den 20er/30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts in der Nähe des Potsdamer Platzes in Berlin seinen Salon hatte, erzählte mir später von den Wünschen seines Kunden Kisch. Aber das ausgeprägte Verhältnis zu guten Tuchen und Stoffen hielt den »Rasenden Reporter« nicht davon ab, mit den Gedanken und der Feder bei jenen zu sein, die im abgewetzten Zeug durch die Straßen streiften.

Er verkehrte nicht vornehmlich in der Welt der Nadelstreifen. Den Stoff für seine Berichte, Skizzen und Reportagen – sowie auch für seinen einzigen Roman »Der Mädchenhirt« – suchte er im Kriminalgericht, in der Strafanstalt, im Heim der Verwahrlosten, beim Hundefänger und Abdecker, in Wärmestuben und Volksküchen, in den Winkeln der Durchhäuser, jener architektonischen Prager Besonderheit, auf der Moldauinsel Kampa im Milieu der Zuhälter und gefallenen Mädchen, ja, selbst in Spelunken, die ansonsten kein »anständiger Mensch« aufsuchte, in den sozialen Kämpfen der Hopfenpflücker, bei einer nächtlichen Streikversammlung der Straßenbahnarbeiter, bei den Heizern des Riesendampfers und bei den Kumpeln in der »Borinage, vierfach klassisches Land«, einem Meisterstück der sozialen Reportage.

Willy Haas, ein Gefährte und Berufskollege aus jener Zeit – der sich später einen Ruf als Begründer und Chef der Zeitschrift »Die literarische Welt« erwerben sollte –, erinnerte sich später: Kisch, der im Tschechischen nicht nur perfekt gewesen sei, sondern das Cockney-Tschechisch der Vororte beherrscht habe, »fühlte sich mehr zu den hübschen und humorvollen böhmischen Mädchen des Nachtlokals Montmartre hingezogen als zu unserem Literaturcafé Arco«.

Das legendäre Café Arco, es war der Treffpunkt jener einzigartigen Prager Plejade deutsch-jüdischer Schriftsteller und Dichter mit ihren brillanten Sternen am Dichterhimmel – Franz Werfel, Max Brod, Franz Kafka, Ernst Polak und eben Willy Haas. Kisch hatte dagegen sein Domizil im tschechisch-dominierten Boheme-Nachtlokal Montmartre, wo er mit seinem Freund Jaroslav Hasek, der später den »braven Soldaten Schwejk« in die Weltliteratur führte, tonangebend gewesen ist.

So war es also auch kein Wunder, dass einerseits ein Mann wie Macek auf seinen jüngeren deutschen Kollegen Kisch aufmerksam geworden ist und andererseits Kisch Kontakt zur Arbeiterbewegung fand und schließlich auch eine Persönlichkeit wie der Arbeiter-Schriftsteller Antonín Zapotocky, Sohn des Begründers der tschechischen sozialdemokratischen Partei und späterer Präsident der Tschechoslowakei, zu seinen Freunden gehörte. Und es war auch nicht von ungefähr, dass Kisch am Ende des Ersten Weltkrieges in den Reihen der Arbeiterbewegung den illegalen Kampf gegen das verruchte Kriegsregime der Donaumonarchie aufgenommen hat.

Im November 1917 wird er auf einer Konferenz von Betriebsvertrauensleuten in Sankt Aegyd in ein dreiköpfiges Komitee gewählt, dem die Aufgabe übertragen wurde, einen Arbeiter- und Soldatenrat zu gründen. Im November 1918 wird er zum Kommandeur der Wiener Roten Garde gewählt. Wie Antonín Macek und Antonín Zapotocky schließt er sich in dieser Zeit tiefer sozialer Widersprüche und einer großen Friedenssehnsucht der kommunistischen Bewegung an. Unmittelbar nach Gründung der Kommunistischen Partei Deutsch-Österreichs im November 1918 ist er ihr Mitglied geworden.

Bis zu seinem Lebensende war Kisch Mitglied einer Komunistischen Partei. Nachdem er 1925 in die KPD eingetreten war, wurde er nach seiner Rückkehr aus dem mexikanischen Exil nach Prag im Frühling 1946 Mitglied der KPTsch. Auf deren erstem Parteitag nach der Befreiung von den deutschen Okkupanten, der im legendären Prager Festsaal Lucerna stattfand, wurde er von den Delegierten stürmisch begrüßt. Immerhin war er im Mai 1938 bei den letzten freien Wahlen vor dem Einfall der Hitler-Truppen in Prag auf der Liste der Kommunistischen Partei zum Abgeordneten des Stadtparlaments gewählt worden. Bis zu seinem Tode zahlte er seine Mitgliedsbeiträge. Kischs Mitgliedsbücher der KPD und der KPTsch samt Beitragsmarken werden, wie die Post an Antonín Macek, auf dem Strahov bewahrt.

Das Nonplusultra von Kischs Bemühungen für sozial engagierte Texte ist schließlich die Etablierung des Genres Reportage. Vor dem Ersten Weltkrieg habe dieser Begriff im »Katalog der Kunstformen« gefehlt, hatte Kischs Kollege und Kafka-Freund Max Brod einst konstatiert. Aufgetaucht ist dieser Begriff laut Historiker Eric Hobsbawm erstmals in einem französischen Lexikon von 1929 sowie 1931 in englischen Lexika. Egon Erwin Kisch sei es zuzuschreiben, so Hobsbawm in seinem Werk »Das Zeitalter der Extreme«, dass sich der Begriff der Reportage in Mitteleuropa endgültig durchgesetzt habe. Der Jahrhundert-Journalist Kisch hat den Alltagsbericht in Literatur verwandelt.

Kisch aus Berlin an Antonín Macek in Prag in der Redaktion der sozialdemokratischen Zeitung »Právo lidu«: Lieber Herr Kollege, gerade komme ich aus London zurück und finde Ihre Korrekturen vor, die mir nicht nach England nachgeschickt wurden. Ich habe einige kleine Fehler gefunden und will das noch heute Nacht durchlesen. Auch dieses Titelbild, das wunderbar ist, könnte ich vielleicht morgen umsonst erhalten und es Ihnen am Sonnabend schicken. Bitte schreiben Sie mir sofort, ob das nicht schon zu spät sein wird. Viele herzliche Grüße
Ihr Egon Erwin Kisch

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