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»Für Völkerverständigung und Solidarität«

Vor 30 Jahren wurde von Migranten die Föderation demokratischer Arbeitervereine gegründet

Der Vorsitzende der Föderation demokratischer Arbeitervereine (DIDF) kam 1978 als Student aus der Türkei in die BRD und ist Gründungsmitglied der Organisation, die seit 1980 als Dachverband von Vereinen aus der Türkei besteht. Mit Hüseyin Avgan sprach für ND Birgit Gärtner.
»Für Völkerverständigung und Solidarität«

ND: Weshalb war Ihnen die Gründung der Förderation demokratischer Arbeitervereine (DIDF) wichtig?
Hüseyin Avgan: Mir gefiel die Idee, eine Organisation zu gründen, die keine »Türkeipolitik« macht, sondern gegen Ausbeutung, Sozialabbau, Rüstung und Militarisierung kämpft. Gemeinsam mit allen Menschen, unabhängig von ethnischer, religiöser oder kultureller Zugehörigkeit, als Forum für Völkerverständigung und internationale Solidarität.

Sind Sie von Anfang an davon ausgegangen, dass Sie hier bleiben werden?
Nein, ich wollte hier nur studieren. Damals befanden die Arbeitsmigranten sich in einer Phase des Umbruchs. Die meisten wollten eigentlich nur kurze Zeit hier bleiben. Das begann Anfang der 80er Jahre sich zu ändern, viele sind nach und nach hier heimisch geworden, Familien kamen nach oder wurden hier gegründet, Kinder wurden hier geboren, gingen hier zur Schule.

Sind die türkischen und kurdischen Arbeitsmigranten inzwischen hier angekommen?
Ja, obwohl wir immer noch nicht von Gleichstellung sprechen können und es hinsichtlich der Integration Defizite gibt, die nicht von der Hand zu weisen sind. Die offizielle Politik macht es uns unmöglich, gleichberechtigter Teil dieser Gesellschaft zu sein.

Bei manchen Ihrer Landsleute drängt sich allerdings der Verdacht auf, sie hätten sich in der türkischen Community gut eingerichtet und legten gar keinen Wert darauf, Teil dieser Gesellschaft zu werden. Sie leben seit Jahrzehnten in diesem Land, sprechen aber kein Wort deutsch. Müssen sie auch nicht, es gibt türkische Gemüseläden, türkische Ärzte und Anwälte, karitative Einrichtungen haben türkischsprachige Mitarbeiter, und Banken und Versicherungen inzwischen auch.
Das sind vorwiegend die der ersten Generation, und da wiederum diejenigen, die aus eher traditionellen Strukturen kommen oder stark religiös geprägt sind. Inzwischen leben wir hier aber in der vierten Generation. Außerdem liegt das nicht nur an uns. Die Ghettoisierung, von Migranten ganz allgemein, ist ökonomisch begründet, sozialen Wohnungsbau gibt es eben immer nur in bestimmten Stadtteilen. Außerdem gibt es kaum Sprachförderung, wenn, dann muss die privat organisiert und bezahlt werden. Und dieses Schulsystem ist alles andere als tauglich, soziale Unterschiede aufzuheben. Seit PISA wissen wir, dass in keinem anderen europäischen Land die soziale Benachteiligung größer ist als hier. Deshalb unterstützen wir die GEW-Kampagne »Eine Schule für alle«.

Davon würden vor allem Jugendliche mit Migrationshintergrund profitieren?
18 Prozent der türkischen Jugendlichen haben keinen Schulabschluss, 35 Prozent keine Ausbildung. Aber dabei müssen wir beachten, dass es sich zu 95 Prozent um Arbeiterkinder handelt. Verglichen mit den gesamten Jugendlichen dieses Landes schneiden die türkischen Jugendlichen schlecht ab. Vergleichen wir sie aber mit gleichaltrigen Deutschen aus Arbeiterfamilien, ergibt sich ein völlig anderes Bild. Die werden aus diesem Bildungssystem nämlich auch ausgesiebt. Da ist der Anteil von Migrantinnen und Migranten aus der Türkei bei den Hochschulabsolventen inzwischen sogar höher. Das zeigt, dass wir in einer Klassengesellschaft leben und nur gemeinsam etwas verändern können.

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