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Staatsgewalt und Elend sind in Athen unübersehbar

Lokalaugenschein in Griechenlands krisengezeichneter Hauptstadt

  • Von Hannes Hofbauer
  • Lesedauer: 4 Min.

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Alles spricht von der Staatskrise in Griechenland. Und wie macht sie sich an »normalen« Tagen im Straßenbild der Hauptstadt bemerkbar?

Die Mittagssonne im frühlingshaften Athen bringt die jungen Männer mit ihrem kurz bis kahl geschnittenen Kopfhaar ins Schwitzen. Stundenlang stehen sie mit schusssicheren Westen, die Maschinenpistole geschultert, an größeren Kreuzungen und Plätzen der griechischen Hauptstadt. Kein offener Raum, der nicht von bewaffneten Polizisten kontrolliert würde. Nur mühsam gewöhnt sich der Besucher an den permanenten Anblick der Staatsgewalt. Manche der allesamt schwarz gekleideten Ordnungskräfte wirken lässig, hängen in den Einfahrten herum oder rauchen eine Zigarette neben dem vergitterten Mannschaftswagen, der ihnen auch als Verpflegungsdepot dient. Dennoch kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, eine Besatzungsmacht hätte die wichtigsten Verkehrsknotenpunkte der Megapolis Athen mit ihren 5 Millionen Einwohnern übernommen.

Das paramilitärische Auftreten gehört seit dem Dezember 2008 zum Stadtbild, als jugendliche Demonstranten gegen exzessive Polizeigewalt auf die Straße gegangen waren und damit auf die Erschießung des 15-jährigen Alexis Grigoropoulos reagierten. »Viele Jugendliche haben vor Tränengas seither keine Angst mehr«, berichtet Enrico Finalis von der KOE, einer kommunistischen Gruppe, die sich der parlamentarisch vertretenen Linksallianz SYRIZA angeschlossen hat. Diese Furchtlosigkeit einer kämpferischen Generation provozierte wiederum die Aufrüstung der Staatsgewalt, was zum militarisierten Straßenbild der Hauptstadt geführt hat. »In den vergangenen zehn Jahren sind die Polizeikräfte auf 80 000 Mann verdoppelt worden. Von deren Gehalt leben in Griechenland 500 000 Menschen, das sind fast 5 Prozent der Bevölkerung«, erklärt Finalis auch die gefährliche soziale Komponente dieser Politik. Denn die meisten jungen Polizisten kommen spätestens während ihrer Ausbildung mit radikaler rechter Ideologie in Kontakt.

Albanische Gastarbeiter sind die häufigsten Zielscheiben ausländerfeindlicher Parolen und Attacken, die schon mal mit Tod oder Vergewaltigung eines Fremden enden können. Öffentliche Empörung darüber verhallt schnell. Auch als am 25. März 2010, dem griechischen Nationalfeiertag, eine Kommandoeinheit der griechischen Marine durch die Straßen zog und faschistische Kampflieder sang. Darin kamen Textzeilen vor wie »Albaner und Skopjoter, mit eurer Haut werde ich meine Uniform nähen« oder »das Schweineblut der Albaner werden wir fließen lassen«. Ob daraufhin wirklich alle beteiligten Offiziere, wie vom Verteidigungsminister versprochen, aus dem Corps entlassen wurden, ist nicht nachzuprüfen. Die Straßen der griechischen Hauptstadt jedenfalls atmen den militärischen Drill.

Und sie sind voll mit sozialem Elend. Mitten in der Innenstadt, in der Gegend des Omonia-Platzes, treffen Drogenszene und afrikanische, großteils aus Somalia stammende Emigranten aufeinander. Zu Hunderten bevölkern Drogenabhängige die Straßenzüge, niemand hat eine Scheu davor, sich in einer Hauseinfahrt vom Kollegen eine Spritze setzen zu lassen, nachdem ein beliebiger Spiegel eines parkenden Autos dazu gedient hat, die dafür geeignete Stelle in der Vene zu finden, um sich daran anschließend mitten auf den Gehweg zu legen, alle Viere von sich zu strecken und die Wirkung des Stoffes abzuwarten. Anwohner wechseln angesichts des Elends nicht einmal mehr die Straßenseite, sondern bemühen sich bloß, nicht direkt über den Drogensüchtigen steigen zu müssen. Ganz offen wird Heroin zum Verkauf angeboten. Die überall sonst anwesende Polizei ist hier nirgends zu sehen.

Der Portier des Hotels »Solomou« äußert sich knapp und pointiert über die Drogenszene vor dem Eingang. Es sei das Resultat eines amerikanischen Kulturkrieges, der bewusst darauf setze, die griechische Jugend zu zerstören. Mit seiner Meinung steht er nicht allein. Weitere Erklärungen vermag er dazu allerdings nicht abzugeben. Die auffällige Abwesenheit der Ordnungskräfte im Drogenmilieu leistet Theorien wie jener vom destruktiven US-amerikanischen Kulturkampf jedenfalls Vorschub.

Szenenwechsel: Gegenüber der im mitteleuropäischem Straßenbild ungewohnt ausgiebigen Drogenszene nimmt sich das Phänomen der zehntausenden Kleinsthändler geradezu anheimelnd aus. Feuerzeuge, Taschenlampen, Nasenhaarschneider, Regenschirme, chinesische Sonnenschirme, Räucherstäbchen, schwarz gebrannte DVD und CD, Miniaturradios, hüpfende Tomaten oder quiekende Hühner aus Plastik – es gibt kaum etwas, was es im Athener Straßenhandel nicht zu kaufen gäbe. Der osteuropäische Kioskkapitalismus lässt grüßen, nur dass es hier in der griechischen Hauptstadt keine Kioske oder auch nur aus Kartons bestehende Verkaufsflächen sind, sondern die Händler ihre Waren in selbst gefertigten Bauchläden vor sich hertragen.

Die meisten dieser Straßenverkäufer sind arbeitslos gewordene Albaner. Schon seit dem Ende der Olympischen Sommerspiele 2004 ging es mit der Bauwirtschaft bergab, die Weltwirtschaftskrise hat ihr dann den Todesstoß versetzt. Gebaut wird fast nirgendwo. Die billig ins Land geholten, nun arbeitslos gewordenen albanischen Bauarbeiter versuchen, handelnd oder bettelnd über die Runden zu kommen. Sie bilden die Masse der Kleinsthändler, die nicht nur in den touristischen Zonen, sondern überall in der Stadt aktiv sind.

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