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»Damit wir irgendwo Licht sehen«

Griechische Regierung verabschiedet »Sparpaket« / Proteste in Athen halten an

  • Von Anke Stefan, Athen
  • Lesedauer: 3 Min.

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»Diebe, Diebe«, schallte es am Donnerstag lautstark direkt vor dem griechischen Parlament. Dort hatten sich in einer erneuten Protestmanifestation Tausende Menschen versammelt, während im Inneren des Gebäudes das härteste je gegen die eigene Bevölkerung verhängte Sparmaßnahmenpaket verabschiedet wurde. Ein Stimmungsbericht aus Athen.

Dicht gedrängt stehen die Menschen auf dem Platz unterhalb des ehemaligen Königspalasts, der von Sondereinheiten der Polizei abgeschirmt wird. Die Stimmung ist aufgebracht aber nicht bedrohlich. »Wir haben euch gewählt, und jetzt bestehlt ihr uns«, schreit ein Mann in der ersten Reihe der Protestierer. »Diebe, Diebe, Kapitalisten, eure Gewinne kosten Menschenleben«, skandiert gleich daneben eine Gruppe unter einem Transparent der außerparlamentarischen Linken.

Die Mehrheit der Anwesenden aber ist keiner politischen Gruppierung zuzuordnen. Eine bunte Menge aus Menschen jeden Alters hat sich hier versammelt, überzeugt, dass ihr Kampf auch nach den tragischen Ereignissen während des Generalstreiks am Mittwoch weitergeführt werden muss. Dabei waren drei Menschen durch Rauchvergiftung in einer Filiale der Marfin Bank in Athen umgekommen, als diese aus der Demonstration heraus mit Molotowbrandsätzen in Brand gesteckt wurde. »Die Toten waren Arbeitende wie wir, sie gehörten zu uns« meint Katerina. Für die 49-jährige Gemeindeangestellte trägt der Chef der Bank eine Mitverantwortung am Tod der Angestellten, weil er die Belegschaft zwang, trotz Streiks und ausgerechnet in einer Filiale an der Demonstrationsroute zu arbeiten.

Auch Giannis denkt so. »Auf jeden Fall sind nicht die Demonstranten in ihrer Gesamtheit schuld«, meint der junge Mann in den 20ern. Für Giannis war es selbstverständlich, gleich am nächsten Tag wieder dabei zu sein: »Wir brauchen Massenproteste, je mehr Leute auf die Straße gehen, desto eher verstehen die Menschen, dass sie wirklich etwas erreichen können, dass sie sich gegen die uns als Einbahnstraße verkaufte Ungerechtigkeit erfolgreich wehren können.«

»Von den auf dem Altar des Gewinns geopferten Toten spricht niemand«, erklärt Vassilis, dem man den Lehrerberuf bereits an der Nasenspitze ansehen kann. »Dutzende Menschen haben für die Olympischen Bauten ihr Leben gelassen, 32 Milliarden Euro hat das Spektakel das Volk gekostet.« Der Mittelschullehrer mit drei Kindern hat ausgerechnet, dass er durch Lohnkürzungen, Steuererhöhungen und Streichung von Urlaubs-, Weihnachts- und Ostergeld etwa 7000 Euro im Jahr verliert. Griechenland sei dabei nur ein Testfall: »Andere Länder haben höhere Schulden als Griechenland, aber hier schlägt das internationale Finanzkapital zu, weil die Regierung schwach ist und kollaboriert. Hier soll getestet werden, ob es Widerstand gibt.«

Langsam wird es dunkel in Athen, an einzelnen Stellen in der Menge werden Kerzen angezündet. Auch Dimitris hat welche. »Aus Protest gegen die Maßnahmen«, sagt er und lacht, »und damit wir irgendwo Licht sehen«.

Im Parlament ist das »Sparpaket« inzwischen mit den Stimmen der regierenden PASOK und der rechtsextremen LAOS verabschiedet worden. Drei PASOK-Abgeordnete wurden stante pede aus der Fraktion ausgeschlossen, weil sie sich der Stimme enthielten. In den Reihen der Opposition flog die einzige Abweichlerin von der Nea Dimokratia sogar aus der Partei, nachdem sie abweichend von der Parteilinie dem Maßnahmenpaket zugestimmt hatte. Die Abgeordneten der Kommunistischen Partei, KKE, und der Linksallianz SYRIZA stimmten erwartungsgemäß geschlossen mit Nein.

Obwohl die Nachricht von der Abstimmung sich längst unter den draußen Versammelten herumgesprochen hat, harren die Protestierer noch bis kurz vor 22 Uhr auf dem Platz aus. Dann schlägt unvermittelt die Polizei zu und treibt die Menge mit Tränengasgranaten und Knüppelschlägen auseinander.

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