Fliegender Teppich für Essen

Ein Kunstrasenpark soll auf das fortschreitende Schrumpfen öffentlicher Räume aufmerksam machen

  • Von Kai Böhne, Essen
  • Lesedauer: 2 Min.
Grünflächen und öffentliche Bereiche sind in den letzten zwei Jahrzehnten aus dem Bild etlicher bundesdeutscher Innenstädte zunehmend verschwunden. Shopping- oder Souvenir-Meilen sowie teure Erlebnisgastronomie haben vielerorts Rasenflächen, Spielplätze und Parks, wo man sich kostenlos aufhalten konnte, verdrängt. Für den Sommer ist nun in Essen ein ungewöhnliches Projekt angekündigt, das auf diese Fehlentwicklung aufmerksam machen soll.
Auch in Essen werden riesige Flächen von Shoppingzentren wie dem Zentrum »Limbecker Platz« bestimmt. Das Kunstprojekt The Flying Grass Carpet soll auf diese Fehlentwicklung aufmerksam machen. Foto dpa:
Auch in Essen werden riesige Flächen von Shoppingzentren wie dem Zentrum »Limbecker Platz« bestimmt. Das Kunstprojekt The Flying Grass Carpet soll auf diese Fehlentwicklung aufmerksam machen. Foto dpa:

Durch die stark fortschreitende Privatisierung der Innenstädte schrumpfen die öffentlichen Räume und verlieren immer mehr an Qualität. Das haben auch die Rotterdamer Architekten und Designer Bart Cardinaal, Nadine Ross und Eddy Kaijser erkannt. Als Angebot zur Belebung der Stadtzentren und zur allgemeinen Teilhabe am öffentlichen Raum haben sie das Kunstprojekt The Flying Grass Carpet entworfen: Vom 1. bis 31. Juli 2010 wird ein 900 Quadratmeter großer grüner Teppich mit orientalischem Muster auf dem Willy– Brandt-Platz im Essener Stadtzentrum ausgelegt werden.

Für mehrere Wochen soll damit ein Stück Grün in die Essener Innenstadt getragen werden, die sich lange Zeit durch die Baumaßnahmen im Rahmen der Neugestaltung des Hauptbahnhofes wenig einladend präsentierte. Einen Monat lang können Kinder, Jugendliche und Erwachsene den temporären Park nutzen.

Der Teppich selbst besteht aus verschiedenen strapazierfähigen Kunstrasenarten – man kann sich auf ihm ausruhen oder spielen, kommunizieren oder musizieren, picknicken oder sonnenbaden. Pro Quadratmeter hat der Teppich ein Gewicht von sechseinhalb Kilo. Ein ergänzendes Rahmenprogramm, an dem sich niederländische und deutsche Künstler beteiligen, wird die öffentliche Oase in Essen mit einem Fußballturnier, Tanz- und Theater-Performances und musikalischen Darbietungen zusätzlich beleben.

Die soziale Realität in den Großstädten hat sich seit den achtziger Jahren grundlegend geändert, diagnostiziert auch der Kulturanthropologe Klaus Ronneberger. Mit Beginn der neunziger Jahre, so Ronneberger, »entfaltet sich in den Metropolen ein Repressionsprogramm, das sich in erster Linie gegen die Anwesenheit marginaler Gruppen an zentralen Orten und Plätzen richtet«. Die Absicherung exklusiver Räume erfolgt durch Überwachungs- und Kontrollverfahren, die laut Ronneberger das Ziel verfolgen, »die wachsende Fragmentierung der Gesellschaft territorial zu fixieren und segregierte Orte herzustellen, die sich durch eine jeweils spezifische soziale Homogenität auszeichnen sollen«. Noch vor wenigen Jahren seien die Verdrängungsprozesse durch sogenannte Yuppies als Problem angesehen worden, dem man entgegensteuern müsse. Heute gehöre »die Aufwertung innerstädtischer Bezirke zum festen Bestandteil kommunalpolitischer Wettbewerbsstrategien«, betont Ronneberger, der viele Jahre am Institut für Sozialforschung in Frankfurt am Main gewirkt hat.

Die Aktion The Flying Grass Carpet ist ein Programmpunkt im Rahmen der drei europäischen Kulturhauptstädte des Jahres 2010. Im Mai und Juni wird der Teppich in der ungarischen Stadt Pécs ausliegen. Von dem dortigen Kunstpark wird am 9. Juni ein Tramper-Wettstreit mit dem Fahrziel und Bestimmungsort Istanbul gestartet. Die knapp 13 Millionen zählende Einwohnerstadt am Bosporus ist im September und Oktober die dritte Station des fliegenden Teppichs.

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