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Sehnsucht nach Leben

Filmessay »Das Summen der Insekten – Bericht einer Mumie« von Peter Liechti

  • Von Marion Pietrzok
  • Lesedauer: 5 Min.

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Sehnsucht nach Leben

Immer wieder sind es die Grenzgänger, die faszinieren. Die Sucher des Extremen sind Normbestätiger durch das Abweichen vom Üblichen, irrlichternd zwischen Genie und Wahnsinn, zwischen Leben und Tod. Wir behalten besserwisserisch auftretende Distanz oder ergötzen uns mit vergnüglichem Schauer an den Ausnahmen von der Regel, die wir stellvertretend für uns tun lassen, wozu uns der Mut fehlt.

Peter Liechti, Schweizer Filmemacher, Jahrgang 1951, immer schon radikal kühn und eigenwillig essayistisch in seinen Licht-Bildern, ist einer solchen Grenzgänger-Geschichte begegnet: dem minutiösen Bericht eines Selbstmörders, aufgezeichnet in einer Novelle des Japaners Masahiko Shimada. Liechti verlegte den Geschehensort nach Europa, in die Schweiz. Aber letztlich ist der Hintergrund etwas Universelles: die Entfremdung des Menschen in der globalisierten Welt.

Der Filmbeginn schockiert, es ist die Lakonie der Mitteilung, das Sachlich-Nüchterne der weiblichen Nachrichtensprecherstimme, wo es doch um Ungeheuerliches geht: Am Soundsovielten letzten Jahres wurde in einem abgelegenen Waldstrich in einer halbverfallenen Hütte aus Plastikplanen eine Mumie gefunden, auf strohbedeckter Pritsche, warm angezogen, mit einer feinen Schicht aus Staub und Raureif überzogen. Zwischen den Beinen des Toten ein Notizheft. Freundlicherweise, zur Erleichterung der Polizei, hat er damit gewissenhafte Aufzeichnungen zur eigenen Todesursache hinterlassen. Er wurde nicht identifiziert, Name, Beruf unbekannt. Während das Filmbild eine schneebedeckte Waldlichtung zeigt und den Abtransport einer bedeckten Trage, erfährt man: Ein etwa 40-jähriger Mann, durchschnittlich groß, normales Gewicht, gesund, beschließt, auf einen den Körper besonders quälende Weise aus dem Leben zu gehen: Tod durch Verhungern. Minutiös geplant, Motiv unbekannt.

Es war jedoch keine Vertreibung aus dem Paradies: »Anscheinend wurde er von niemandem vermisst, man kann annehmen, dass er sich dessen sehr bewusst war.« Er wurde von der Welt vergessen. Er war enthoben der Pflichten, die sie versäumt hatte, ihm aufzuerlegen. Aber welche Sehnsucht! Welche Lust, die eigene Kraft zu erproben! Eine solche Stärke hatte ihm das Leben nicht abverlangt. Wenn man in der Welt für sich nichts findet, muss man in sich selbst auf die Suche gehen.

Es folgt, mit einer männlichen Stimme aus dem Off, der Bericht, Tag für Tag. 62 lange Tage eines nachdenklichen Forschungsreisenden, der sich mit Plastikplanen, aus der er sich eine sechs Quadratmeter große Bleibe baut, mit Büchern, Radio, Batterien und Kerzen in die Gleichgültigkeit der Natur begibt, ins Hochmoor, eine Stunde zu Fuß von einem Weg entfernt. Seine letzte Mahlzeit, eine billige, hatte er am 6. August. Ein bisschen Wasser trinkt er noch, dann auch mal Regenwasser – daher wohl dauerte sein Sterben doppelt so lange, als er erwartet hatte. Er berichtet vom Hunger, dem Schwindel, der Atemnot, von entsetzlichen Schmerzen, dem letzten Stuhlgang, dem mühseligen Urinieren, dem fürchterlichen Frieren. Aber der Kopf bleibt klar. »Wenn ich aufhöre zu denken, muss ich vor Angst schreien«, protokolliert er nach einem Monat. Er hatte zuvor in Erwägung gezogen, seinen Abgang durch rechtzeitigen Weggang zu beenden. Hatte sich auch die Frage gestellt, was wäre, wenn man ihn finden würde, ihn zu retten. Er blieb bei seinem Wunsch, allein zu sterben. Dabei gelingt ihm immer wieder Selbstironie. Zum Beispiel: Er putzt sich die Zähne, registriert er, rasiert sich, wäscht sich im Regen – »ich bin mir sicher, die Menschen bevorzugen eine saubere Leiche«. Und später: »Meine Haut riecht unangenehm, habe Eau de Cologne aufgesprüht.« Er bedauert, dass das Radio »seinen Geist früher aufgegeben hat als ich«. Und als ihm die wochenlange Qual völlig unerträglich geworden ist, vermag er noch zu notieren, so käme er, immerhin, ins Guiness-Buch der Rekorde. »Ich habe etwas getan, was mir bestimmt niemand nachmachen möchte.«

»Die Welt ist nicht für mich geschaffen«, erklärt er seinen Entsagenswunsch, seine Abkehr von der Konsum-Gesellschaft, »der Bedeutungslosigkeit meines Lebens hoffe ich doch noch etwas Eigenes entgegenhalten zu können.« Am Abend hört er das Summen der Insekten: »Ich bin nicht allein.« Und er bekennt seine »Zuneigung zur Mücke«, die ihn gerade gestochen hat. Während ihm die Unausweichlichkeit des Nicht-Seins vor dem inneren Auge steht, er auf einen freundlichen Fährmann ins Jenseits hofft, an der Überlieferung vom 40-tägigen Fasten der Heiligen zweifelt, weil die Erleuchtung ihm nicht gekommen ist – und im nächtlichen Waldesdunkel hat er Angst –, halluziniert er immer wieder Erinnerungsbilder von dem, was er verlassen hat. Ganz am Ende, das Augenlicht ist fast verloschen, glaubt er, jemand sei gekommen.

Der Film ist keine Schauergeschichte, nichts wirkt unheimlich, noch absurd. Zutiefst berührend reflektiert er über Körper und Geist, Macht und Ohnmacht, Fremdsein und Dazugehören. Nüchtern der Erzählton, adäquat dem des Mannes. Seinen Notizen nach war er ohne Bitterkeit, ohne Trauer, sondern im wahrsten Sinne selbst-bewusst. Dass man ohne Vorbehalt, Ekel, voyeuristisches Interesse über die ganzen 80 Filmminuten hinweg gefesselt bleibt, kein Misstrauen gegenüber diesem Sonderling, dem Besonderen, verspürt, stattdessen tiefen Respekt vor diesem Vermögen an kompromissloser Selbstbestimmung, verdankt sich der meisterhaften assoziativen Arbeit des Regisseurs. In langen und wie mit dem Versiegen des Odems immer länger werdenden Einstellungen, sehen wir, aus der Perspektive des Sterbenden, die atemhauchbeschlagene Plastikfolie, auf der sich wie auf den Skizzenbuchseiten eines Zeichners wechselnde Muster von herabgefallenen Zweiglein und Tannennadeln bilden. Die Einschränkung des Blickfelds auf die Waldlichtung, die auch im Betrachter immer mehr ein Gefühl der Enge, des Eingeschlossenseins aufkommen lässt, auf Ameisen, die eine tote Fliege zerlegen, kleine Spinnen, auch mal einen Specht am Baum, wechselt mit der Weite von Bildern des Himmels, von auf verschiedene Art offenstehenden Fenstern. Negativszenen von Menschengewimmel auf der Straße, Szenen mit Familien im herbstlichen Volkspark tauchen auf, von Flügen der Vögel und Flugzeuge. Vom Sensenmann auf dem Karussell, von Rudern im Wasser des Styx. Sie kommen und entgleiten wie die Gedanken des Mannes. Reine Poesie.

Eine starke physische Erfahrung, andauernd und von einer Präsenz, als sei es ein Parallelfilm: der Ton. Röhrendes Pfeifen, Dröhnen, Rauschen. Das Prasseln des Regens. Ein Klagegesang. Sterbensschön. Wir sehr wünscht man sich da, dem Leidenden zu helfen. Wie sehr versichert man sich da des eigenen Auftrags, mit seiner Lebensspanne achtsamer als bisher zu sein. – »Das Summen der Insekten« wurde 2009 als Bester Europäischer Dokumentarfilm ausgezeichnet.

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