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»Humanismus in Aktion«

Der Bund der Antifaschisten wurde 1990 gegründet – begleitet von der Debatte um die Erneuerung des Antifaschismus

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Vor 20 Jahren, am 12. und 13. Mai 1990, gründete sich im brandenburgischen Bogensee der Bund der Antifaschisten. Es war die erste unabhängige Vereinigung von Antifaschisten in der DDR – die Gründung lief nicht gänzlich konfliktfrei ab. Jung und Alt fanden erst nach langen Debatten zusammen, die noch Jahre weitergingen.

»Antifaschisten gründeten Bund«, stand am 14. Mai 1990 auf der ersten Seite des ND. Dieser kleinen Nachricht, die durch einen kurzen Beitrag auf der Seite drei ergänzt war, war über ein halbes Jahr intensiver Diskussionen, Auseinandersetzungen und Treffen vorausgegangen.

Der Bund der Antifaschisten (BdA), der am 12. und 13. Mai 1990 in der internationalen Jugendbegegnungsstätte im brandenburgischen Bogensee von den rund 400 Anwesenden ins Leben gerufen wurde, war die erste unabhängige Vereinigung von Antifaschisten in der DDR. Das Motto der neuen Organisation lautete »Antifaschismus – Humanismus in Aktion«. Zu dem Kongress waren Delegierte aus allen Bezirken der Republik gekommen, Vertreter von Kirchen, Verbänden und unabhängigen Antifagruppen, in der DDR lebende Ausländer und Jugendliche. »Es war auch ein Stück Aufbruchstimmung«, erinnert sich der Vorsitzende der Berliner Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes-Bund der Antifaschisten (VVN-BdA), Hans Coppi, an den »Kongress der Antifaschisten« in Bogensee. »Ab Oktober, November 1989 mischten sich ganz andere Leute unter die Montagsdemonstrationen.« Es tauchten Reichskriegsflaggen auf, es gab Anschläge beispielsweise auf jüdische Friedhöfe oder auf das sowjetische Ehrenmal im Treptower Park in Berlin. »Die nationalistischen Töne waren plötzlich sehr greifbar«, sagt Coppi. In der DDR sei dieser Neonazismus »gedeckelt« worden oder habe sich klandestin organisiert. »In Bogensee war darum zu hören, dass man eine starke antifaschistische Organisation brauche, um sich dem zu stellen.«

Die Gründung des BdA war insofern eine Zäsur in der Geschichte der DDR, als dass über den Begriff Antifaschismus und seine Bedeutung nach dem 9. November 1989 neu nachgedacht werden musste. Antifaschimus war in der DDR jahrzehntelang organisiert und repräsentiert vom Komitee der Antifaschistischen Widerstandskämpfer (KdAW), das, eng an die SED angebunden, antifaschistische Traditionen pflegte und dessen Mitglieder ihre Erfahrungen im Kampf gegen das NS-Regime weitergaben und vermittelten. Das KdAW wurde nach der umstrittenen Auflösung der VVN 1953 in der DDR eingerichtet. Ihm gehörten in erster Linie kommunistische Widerstandskämpfer an

War dieser Antifaschismus reif fürs Museum? »Wir hatten in der Zeit viele Diskussionen mit Leuten aus der Bürgerbewegung, die den ritualen Antifaschismus stark in Frage stellten«, sagt Coppi. Denn die Diskussion um eine Neubestimmung begann schon früher. Beispielsweise wurde die Verbandszeitung »Der antifaschistische Widerstandskämpfer« mit der Nummer 1, 1990 umbenannt in »antiFa«, in vielen Beiträgen finden sich Gründungserklärungen von Antifagruppen. Aufrufe für einen unabhängigen Bund der Antifaschisten kamen aus allen Teilen der Republik. Das KdAW übte sich in teils scharfer Selbstkritik.

Auf der Tagung der Zentralleitung des Komitees Ende Januar 1990 sagte etwa Gerhard Leo: »Wir alle wissen wie schädlich für unsere Aktivität die stalinistischen Strukturen [...] waren.« Das Komitee habe sich lange nachdem die Demonstrationen im Herbst 1989 größer und größer wurden überhaupt nicht zu Wort gemeldet. Andere plädierten dafür, einen zunächst provisorischen neuen Vorstand zu wählen, um dann im weiteren Verlauf des Jahres 1990 einen übergreifenden Bund der Antifaschisten zu gründen. Ernst Jende sagte auf der Tagung: »Antifaschismus muss heute getragen werden von [...] der heranwachsenden Generation. Wir als Kommunisten, als Kämpfer gegen den Faschismus [...] können ihnen die ersten Schritte zeigen, aber sie müssen selber weitergehen.«

Zu dem dann gewählten provisorischen Vorstand gehörte neben Hans Coppi auch Bärbel Schindler-Saefkow, Tochter des Kommunisten und Widerstandskämpfers Anton Saefkow, der 1944 im Zuchthaus Brandenburg von den Nazis hingerichtet wurde. »In der Gründungsphase des BdA habe ich eine Begegnungsstätte in Berlin eingerichtet. Unser Ziel war es, ins Gespräch zu kommen mit den Jüngeren, Menschen zu erreichen.« Ihre Generation, die Kinder der Widerstandskämpfer, habe sich auch als Mittler gesehen, sagt die heute 67-Jährige. »Es gab einige von den Alten, die das sehr unterstützt haben.« Die westdeutsche VVN sei ein Vorbild gewesen. Die Erweiterung zum Bund der Antifaschisten hatte die VVN im Westen bereits im Mai 1971 vollzogen.

Einige Mitglieder des Komitees hätten sich jedoch im Laufe der Debatten zurückgezogen, waren eher geprägt von einer »strikten Abwehrhaltung« gegenüber dem Neuen, sagt Hans Coppi. Einer von denen aber, die versuchten, das Schweigen des Komitees vom Herbst 1989 zu durchbrechen, war der Spanienkämpfer und Auschwitzüberlebende Kurt Goldstein. Der habe immer gesagt, wenn man über den Antifaschismus in der DDR redet, muss man auch über seine Defizite reden, so Coppi. Das Goldstein, der 2007 in Berlin verstarb, eine treibende Kraft in der Debatte um die Erneuerung des Antifaschismus war und immer den Kontakt zu jüngeren Generationen pflegte, betont auch Schindler-Saefkow. Er habe immer den Dialog und die Auseinandersetzung gesucht. »Erinnert Euch aber auch unserer Fehler und Versäumnisse, denn auch sie gehören zu uns. Wiederholt nicht, den Antifaschismus allein einer Partei zu überlassen und enger und enger zu werden«, schrieb Kurt Goldstein zum 60. Geburtstag der VVN-BdA 2007.

Noch 1990 gründeten die Widerstandskämpfer mit dem Interessenverband der Verfolgten des Naziregimes (IVVdN) eine eigene Organisation. Viele von ihnen fühlten sich allein im BdA nicht aufgehoben. »Das hatte in erster Linie soziale Gründe«, sagt Schindler-Saefkow. Neben der Auseinandersetzung um die Renten, die die ehemaligen Komitee-Angehörigen als Verfolgte der Nazis bezogen, von denen kurze Zeit nicht klar war, ob sie auch in der Bundesrepublik weiter gezahlt würden, war es teils so, dass sich die Alten im BdA nicht mehr aufgehoben fühlten, teils wollten sie in ihren gewohnten und bekannten Strukturen weitermachen. Unumstritten war das indes nicht. »Was im Westen in mühevoller Arbeit zwischen den Generationen in Jahren aufgebaut wurde, wurde im Osten sehr schnell geschaffen und lief sehr schnell wieder auseinander. Das war unnötig«, meint VVN-BdA-Bundesgeschäftsführer Thomas Willms. Die IVVdN habe aber andererseits auch in der Aufarbeitung ihrer eigenen Geschichte gelernt.

Im Jahr 2002 fusionierte die VVN-BdA zu einem bundesweiten Verband. Aber »der Prozess des Zusammengehens zwischen Ost und West und ist bis heute noch nicht richtig abgeschlossen«, meint Bärbel Schindler-Saefkow. So gab es neben den beiden BdA in Ost und West seit 1976 noch den Verband der Antifaschisten in Westberlin. Versuche, allein in Berlin einen gemeinsamen Landesverband zu schmieden scheiterten regelmäßig bis 2002. Zu unterschiedlich schienen die Biografien der VVN-BdA-Mitglieder. Während der Antifaschismus in der DDR staatlich organisiert war, war die VVN in der Bundesrepublik staatskritisch, sahen sich deren Mitglieder oft mit Repression, Berufsverboten oder dem formell noch immer bestehenden Unvereinbarkeitsbeschluss mit einer SPD-Mitgliedschaft konfrontiert.

Heute hat die VVN-BdA 7000 bis 8000 Mitglieder in Ost und West und vereinigt mittlerweile Antifaschisten aller Couleur bis in die vierte Generation unter ihrem Dach. Sie beteiligt sich an vielen Mobilisierungen gegen Naziaufmärsche und organisiert den jährlichen Tag der Erinnerung und Mahnung am zweiten Sonntag im September in Berlin.

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