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Perfekte Illusion

Hamburg: Eine Ausstellung über die Kunst der Augentäuschung

  • Von Martina Jammers
  • Lesedauer: 4 Min.
Pere Borell del Caso: »Flucht vor der Kritik«, 1874
Pere Borell del Caso: »Flucht vor der Kritik«, 1874

Mit weit aufgerissenen Augen stürmt ein Junge aus dem goldenen Bilderrahmen, den er mit beiden Händen umgreift. Staunend erblickt er die Welt jenseits des Gehäuses, in dem er ein eingeschränktes Dasein fristete. Es ist ein Befreiungssprung: Endlich, so scheint es, kommt er frei aus dem System, lässt alles Zweidimensionale hinter sich. Das vom Spanier Pere Borrell del Caso 1874 geschaffene Gemälde »Flucht vor der Kritik« trug ursprünglich den Titel »Una cosa que no pot ser« – frei übersetzt »Ein Ding der Unmöglichkeit«.

Der Wettkampf mit der Realität, das Ausreizen der Illusion bis hin zur Überbietung begleitete die Kunst von Anfang an. So malte Zeuxis bereits im 4. vorchristlichen Jahrhundert seine Trauben derart verführerisch, dass umgehend Vögel an ihnen pickten. Täuschend echt sehen auch die Äpfel und Birnen aus, gesteigert durch Faul- und Druckstellen, die ein anonymer venezianischer Künstler im 16. Jahrhundert aus Marmor schuf. Sie wanderten als Schaustücke neben künstlichen Eiern und Süßigkeiten in die Kunst- und Wunderkammer auf Schloss Ambras in Tirol. Aus der Münchener Kunstkammer sind zahlreiche künstliche Speisen aus Gips und Keramik dokumentiert – einschließlich ganzer Fischgerichte und einzelner Wurstzipfel.

Eine reizvolle Überblicksausstellung im Hamburger Bucerius Kunstforum belegt erstmals, wie unerschöpflich und kontinuierlich sich bis in die Gegenwart die Künstler an der Realität reiben. Im Paragone – dem Künstlerstreit um die »wahre« Kunst – der Renaissance lieferten sich die Kollegen so manche Schlacht, um das Auge des Betrachters auszutricksen. Mitunter waren es auch schnöde finanzielle Gründe, welche Marmorsäulen in Kirchen und Palästen vortäuschten oder die Werktagsseiten vieler niederländischer und altdeutscher Altäre, die in Grisailletechnik ausgearbeitet wurden. Kürzlich konnten die Besucher der Berliner Neuen Nationalgalerie Fotografien von Thomas Demand sehen, der ganze Ensembles wie etwa die Stürmung der Stasizentrale in der Normannenstraße perfekt aus Papier nachgestellt hatte, um diese schließlich abzufotografieren. Der Betrachter des digitalen Zeitalters und der Fotoshop-gefakten Realität macht sich so seine Gedanken, wie wirklich denn noch die so genannte Wirklichkeit ist.

In das ausgehende 4. Jahrhundert gehört die Anekdote vom griechischen Maler und Erzgießer Protogenes, der in einem rhodischen Heiligtum das Bild eines angelehnten Satyrn malte, das er um ein Rebhuhn ergänzte. Damit provozierte er die Rebhühner, die in den Sakralbezirk gelangten, um das Tier lautstark zu begrüßen. Bei Ausgrabungen in Pompeji entdeckten Archäologen ein Fresko des 1. nachchristlichen Jahrhunderts, das lebensecht drei graubraune Vögel zeigt, die mit ihren Schnäbeln an einem großen Nagel aufgehängt sind. Auf die differenzierte Beschreibung der Flügelfedern hat der Maler besondere Aufmerksamkeit verwendet. Selbst wenn in der Antike der Begriff unbekannt war, rechtfertigt die durch den Schatten des Nagels, die Vogelfedern wie die durch den Rahmen hervorgehobene Dreidimensionalität die Bezeichnung dieses Stilllebens als Trompe-l'Oeil (Augentäuschung). Fast schon wie ein Wiedergänger der Antike erscheinen einem da Lucas Cranachs d. Ä. »Vier tote Rebhühner, an einem Nagel hängend« (um 1530): In der Imitation des helleren und flauschigen Gefieders am Bauch im Kontrast zu den dunklen und harten Federn der Flügel beweist der Maler, der eher für seine stilisierten Akte bekannt ist, seine große Fertigkeit.

Der Realismus in der Kunst der frühen Neuzeit steigerte sich nach 1600 in den Niederlanden zu einer zuvor ungekannten Wirklichkeitsnähe – und bildet so auch einen Schwerpunkt in der Hamburger Schau. Die Gegenstände werden in originaler Größe und authentischer Materialhaftigkeit dargestellt, erhalten durch Schatten und Lichtreflexe eine Räumlichkeit von nahezu haptischer Qualität.

Die Fortschritte in den Naturwissenschaften und Erfahrungen mit optischen Experimenten schaffen neue Voraussetzungen für die Malerei. Aus den Stillleben entwickeln sich Bildtypen wie Jagdtrophäen, Steckbretter und Kunstkammerschränke. Oftmals gesellt sich ein halb geöffneter Samtvorhang dazu, der an unsere voyeuristischen Instinkte oder Neigungen appelliert und die Neugier des Betrachters herauskitzelt – ähnlich wie die Trompe-l'Oeils mit geöffneten Schranktüren von Cornelis Gijsbrechts (1610-1675).

Während die Illusionsmalerei im ausgehenden 19. Jahrhundert an Bedeutung verlor, fand sie in den USA nach dem Ende des Bürgerkriegs bis etwa 1900 noch einmal weite Verbreitung. Mit der Thematisierung von Vergänglichkeit und Besitz durch Wecker und Dollarbündel griff Ferdinand Danton 1894 in »Zeit und Geld« zentrale Elemente des Vanitas-Stillleben des 17. Jahrhunderts auf, passte sie aber den wirtschaftlichen Konditionen seines Landes und seiner Zeit an.

Als höchst produktiv erweist sich das Trompe-l'Oeil in der Gegenwartskunst wie die aus Kirschholz gefertigten »Drei Walnüsse« der walisischen Konzeptkünstlerin Bethan Huws ebenso wie Gerhard Richters perfekt illusionistische Nachahmung eines »Umgeschlagenen Blattes«. Auf die Spitze treibt Christian Janowski (geb. 1968) sein Spiel mit uns, wenn er die auf Piazzen und vor Museen inszenierten »lebenden Skulpturen« tatsächlich in Bronze abgießt. Während die bronzefarben geschminkten Straßenkünstler in fantasievollen Kostümen und eingefrorenen Haltungen den Denkmalcharakter ihrer Skulpturen täuschend echt nachahmen, überführt Jankowski diese Plastiken auf Zeit in die Dauerhaftigkeit.

Täuschend echt. Illusion und Wirklichkeit in der Kunst. Bis 25. Mai im Bucerius Kunstforum. Katalog.

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