Von Tom de Meller

Theater am Kudamm

Lebensretter wider Willen

Winfried Glatzeder ist ein Mann der Widersprüche. Im Osten verkörperte er Rollen des attraktiven und ausdrucksstarken Mannes, der dennoch scheitert. Im Westen wurde der »Belmondo des Ostens« vor allem als Bösewicht besetzt. Seine Schauspielkarriere leitete er pikanterweise mit einer Diplomarbeit über »Clownsfiguren bei Shakespeare« an der Filmhochschule in Babelsberg ein. Auf all diesen Registern spielt der gerade 65 Jahre alt gewordene Mime in der Komödie »Die Nervensäge« im Theater am Kurfürstendamm.

Der baumlange Kerl mit dem kantigen Gesicht ist ein Verbrecher, wie er im Buche steht. Er quartiert sich in einem Hotelzimmer ein, um von dort einen Mafiaboss umzubringen, von dem seine Auftraggeber befürchten, er werde bei der Polizei auspacken. Wortkarg und routiniert erfüllt Glatzeder diesen Schauspielauftrag.

In dem Stück des Franzosen Francis Veber ist Glatzeder aber auch einer, der fürchterlich scheitert. In seinem Hotelzimmer hat sich ein anderer Gast einquartiert. Francois (Marcus Ganser) möchte dort zuerst seine verschlissene Ehe retten und sich nach eintretendem Misserfolg das Leben nehmen. Weil ihm das aber auch nicht gelingt, droht die fein vorbereitete Mordtat ins Wasser zu fallen.

Weil der diplomierte Clownexperte Glatzeder die Verzweiflung seiner Figur über ihr Scheitern aber in die tragikomische Richtung zu lenken weiß, steht dem Gelingen dieser Komödie nichts im Wege. Vor allem nach der Pause, als Glatzeder sich nicht nur freigespielt hat, sondern sich atemlos in die Zwerchfell erschütternden Wendungen des Stücks stürzt, wandelt sich diese Inszenierung von einer Boulevardklamotte in ein zeitloses Stück über unverhoffte Freundschaften und den Versuch, Meister des eigenen Lebens zu sein.

Glatzeder lenkt das Scheitern ins Tragikomische

Wicki Kalaitzi greift als vom Hemdenvertreter zum Psychiater wegdriftende Ehefrau erst spät in das Geschehen ein. Das ist für die Figur etwas nachteilig. Kalaitzi spielt aber hingebungsvoll den hellen Moment aus, in dem die mit neuem Elan beseelte Frau den amourösen Seitensprung als die ihr gemäße Form des Daseins erkennt. Die Entdeckung des Abends ist neben dem sich ganz und gar verschenkenden Glatzeder aber Gerd Lukas Storzer. Er legt einen pfiffigen, an seinen Gästen mitunter verzweifelnden, aber im letzten Moment immer noch den Mantel der Professionalität übers verstörte Gesicht ziehenden Hotelpagen auf die Bretter der Bühne am Kurfürstendamm. Storzer, der einst mit der legendären Offtheater-Truppe vom Theater Affekt unterwegs war und jetzt zum freien Ensemble »Nico & the Navigators« gehört, gelingt der eher seltene Spagat zwischen Offtheater und etablierten Bühnen auf dem Feld der Komödie.

Die knackige und gut auf die Umkehrpunkte des Stücks konzentrierte Regie führte Jürgen Wölffer. Dessen Bruder Christian besorgte die deutsche Übersetzung des Stücks, das an dem gleichen Haus bereits 1971 als deutsche Erstaufführung zu sehen war. Sohn Martin kämpft als gegenwärtiger Intendant um die Erhaltung der beiden Bühnen, die durch Investorenprojekte bedroht sind.

»Die Nervensäge« bietet nicht nur solide und Vergnügen bescherende Schauspielkunst. Die Inszenierung macht auch darauf aufmerksam, dass der Kurfürstendamm vollends aus oberflächlicher Leere bestünde, wenn mit den Theatern diese Manufaktur der Hand- und Seelenarbeit verschwinden würde.

Bis 4.7., Di.-Sa., 20 Uhr, So 18 Uhr

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