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Relativ ratlos

Dietmar Daths Essay »Maschinenwinter« auf Leipziger Bühne

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Relativ ratlos

W er ein Kochbuch inszenieren will, sollte das in der Küche tun. Eine Kfz-Reparaturanleitung dramatisiert man am besten in der Werkstatt. Und die Umsetzung eines Theaterskripts, selbstverständlich, gehört auf die Bühne. Küche, Werkstatt, Bühne: Labore allesamt, deren Versuchsergebnisse sich im wirklichen Leben zu bewähren haben.

Was aber tun, wenn einem einfällt, Dietmar Daths politische Streitschrift »Maschinenwinter« in Szene zu setzen? Revolutionen pflegen doch auf der Straße stattzufinden. Folgerichtig schickt Regisseur Martin Laberenz dorthin seine schauspielende Truppe; auf Fernsehbildschirmen sieht der Zuschauer sie ein paar Momente lang live vor den Türen der Skala, der kleinen Spielstätte des Leipziger Central Theaters, herumirren. Dann kommen die fünf wieder rein – relativ ratlos. Gegen Ende des Stückes, das sich mit Dath der Unvernunft des Kapitalismus stellt, repetiert ein Mann unaufhörlich den Satz »Da muss man doch was tun«, während die anderen sich davonschleichen. Was tun! – aber was? Die letzten Worte lauten: »Ich hab's«. Dann ist Schluss und nichts weiter.

Martin Laberenz' Interpretation des Dath-Essays ist so verspielt und kreativ, wie man es von einem 1982 geborenen Regisseur an einer Experimentierbühne erwarten kann. Politisch ist sie, ganz im Gegensatz zur Vorlage, nicht. Bereits im ersten Bild zeigt der Regisseur, als was er Daths Schrift ausgemacht hat: als stichhaltige Theorie, die an der menschlichen Praxis scheitert. Die ersten fünfzehn Minuten lang sind drei stille Männer im Geheimdienstdress damit beschäftigt, die losen Seiten des Dathschen Manuskripts auf den schwarzen Bühnendielen auszulegen. Akurat reihen sie Seite an Seite, bis alles zusammenpasst, fast. Doch im papiernen Mosaik klafft ein Loch. Den fehlenden Baustein dort einzufügen, erweist sich als unmöglich. Zum Flieger gefaltet, verfehlt das Blatt sein Ziel. Es dahin zu tragen, wohin es gehört, heißt, das wohlgeordnete Werk zu zerstören. Schuhsohlen zerfleddern das schöne Ganze, die Männer rutschen und stolpern über den Gedankenteppich. Am Ende ist alles zerknäult.

Weil »Maschinenwinter« kein Kochbuch und die Skala keine Küche ist, quirlt Laberenz einen zweiten Text in die Suppe, um sie genießbar zu machen: Philip K. Dicks Science-Fiction-Roman »Träumen Androiden von elektrischen Schafen?«, besser bekannt unter dem Titel der Verfilmung durch Ridley Scott, »Blade Runner«. Hier wie dort geht es um Maschinen, die von Menschen gemacht worden sind, um den Menschen das Leben zu erleichtern. Hier wie dort aber haben diese Maschinen sich zu eigensinnigen Wesen entwickelt, die gegen ihre Schöpfer rebellieren. Der Unterschied zwischen Dicks Sci-Fi-Dystopie und Daths Systemanalyse liegt in der Lösung des Problems. Dick lässt die Roboter jagen, Dath schlägt vor, sie zu befreien. Dass die Maschinen die Menschen unterjochen, sagt Dath, ist nicht die Schuld der Maschinen, es ist Schuld derer, die über sie gebieten. Maschinenstürmerei, sagt Dath weiter, ist dann produktiv, wenn die Menschheit sich der Apparate bemächtigt, statt sie zu zerstören. Zerschlagen werden, sagt er, muss die Riege der Wenigen, denen die Maschinen heute gehören, ergo gehorchen.

Von all dem ist auf der Leipziger Bühne wenig zu erfahren. Stattdessen kommt das Publikum in den zweifelhaften Genuss einer Konfettidusche, es darf den Darstellern beim Schaum- und Brandweintrinken zusehen sowie beim gelegentlichen Reklamieren einiger Dath-Passagen zuhören, und es wird Zeuge einer akrobatischen Darbietung des Schauspielers Holger Stockhaus, der sich in den roten Gummistricken eines Stuhls verheddert hat und nun versucht, trotz der unvorteilhaften Fesselung seinen Durst zu stillen.

»Aufhören, bitte«, fleht Dath in »Maschinenwinter«, soll der postmoderne Geistertanz: »leer kreiselnde, vom abstrakten Dagegensein bedröhnte Phrasenproduktion«. Weiter: »Sobald es dagegen konkret wird, liegen wir richtig: Wie man ein Asylbewerberheim vor Pogromisten schützt, wie man eine Propagandaschau des Militarismus oder eine Weißwäscherveranstaltung zur Wiederherstellung der deutschen Ehre stört, wie man General Motors oder Toyota beschämt, weil das Rohmaterial, das sie verarbeiten lassen, in Lateinamerika von illegal in Sklavencamps arbeitenden Rechtlosen stammt – das kann geklärt werden.«

Derlei Klärung muss nicht Sache des Theaters sein. Ärgerlich indes ist es doch, wenn aufklärerische Ideen wie jene Daths als Pingpongbälle herhalten müssen, die kreuz und quer durch den Raum gejagt werden, ohne ihr Ziel zu finden – nicht in den Köpfen der Zuschauer, nicht vor der Tür.

Letzte Vorstellung am 12.6.

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