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Dieser Dämon in uns

Überzeugung und/oder Feigheit – ein bedrängendes Buch von Eva Züchner: »Der verschwundene Journalist«

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Der Journalist wird zum Propagandisten, wenn er sich in Dienst stellen lässt. Er spricht dann nicht mehr in eigener Sache, sondern wird zum Sprachrohr. Überzeugung macht Täter. Oder ist gar nicht die Überzeugung das Verwerfliche, sondern der Verrat an ihr? Wer sich nicht von der Macht fernhält, kann nicht gleichzeitig ihr Korrektiv sein. Wer nicht mittels radikaler Subjektivität eine herrschende Doktrin »kontert« (Ilse Aichingers schönes Wort über den Zweck allen Schreibens), der wird Teil des Herrschaftszusammenhanges, ist als Opportunist der Macht auch Verräter des eigenen Schreibauftrags – ein Mittäter.

Und doch, blickt man auf einzelne Biografien, wird es kompliziert. Max Picards Buch von 1946 »Hitler in uns selbst« bleibt in seiner struktuellen Analyse von Schuld und Verstrickung beispielhaft. Oder auch Klemperers »LTI«. Schuld ist nichts, was man nur bei anderen suchen darf. Sie beginnt bei der eigenen Wortwahl. Wer auf andere zeigt, der wird immer schon zum Täter.

Manchmal ist diese Tat allerdings gewollt. Das simple Opfer-Täter-Schema offenbart sich dem, der an eine fremde Biografie mit eigenen Fragen herantritt, als ein kompliziertes Verhältnis von Tun und Lassen. Hätte mir das auch passieren können? Einiges sicherlich, anderes sicherlich nicht.

Eva Züchner, 1942 in Kleinmachnow geboren, hat einen Buch über ihren Vater geschrieben, der im Herbst 1945 vom sowjetischen Geheimdienst abgeholt wurde und seitdem verschwunden ist. Vermutlich starb er im Gefängnis sehr schnell an Diphterie. Dieser Vater war am Anfang ein passionierter – und talentierter! – Journalist voller Wortwitz und übermütiger Lust am Urteil. Am Ende war er ein Teil von Goebbels' Propagandamaschinerie, aus dem Filmjournalisten war ein Filmzensor geworden, aus dem Beobachter ein Mittäter – ein Zyniker, der zu klug war, um der selbst verbreiteten Ideologie auch zu glauben. Nie Mitglied der NSDAP, machte er dennoch schnell Karriere im Reich der Goebbelschen Medien und Rosenbergs Rassenmythos.

Gerhart Weise, geboren 1913, steht 1933 kurz vor dem Abitur – bricht dann die Schule ab, will zur Zeitung. Aber die Zeitung hört gerade auf, das zu sein, was sie bis eben war – und Weise, seit 1930 Mitglied im NS-Schülerbund, bejubelt das durchaus. Noch weiß er nicht, was seine politische Überzeugung für sein Schreiben bedeuten wird. Und als er es begreift, hat er die Quellen seines Schöpfertums schon so verunreinigt, dass es kein Zurück mehr geben kann. Aber man täucht sich da vielleicht auch, unterschätzt die Beharrlichkeit des geltungssüchtigen Typs Mensch.

Eva Züchner hat ihr Vater-Bild in Archiven recherchiert und aus Gesprächen mit noch lebenden Angehörigen zusammengesetzt. Das Bild ist kein Ganzes geworden, und die Geschichte ist offen geblieben. Was ihren Vater ausmachte, was Gesicht und was Maske war, sie hat es nicht mit letzter Sicherheit herausfinden können. Diese Ehrlichkeit im Scheitern einer »Aufarbeitung« macht »Der verschwundene Journalist« zu einem so wertvollen Dokument.

Und die Kollegen des Vaters, ebenfalls aus den Redaktionen von »Der Angriff«, »Völkischer Beobachter« oder »Das Reich«, aus den Abteilungen des Propagandaministeriums für Auslandsdesinformation wie dem Büro Schwarz van Berk, dem Weise eine zeitlang unterstand? Einige wurde unmittelbar nach Kriegsende hingerichtet, andere, die nicht besser oder schlimmer waren, kamen mit Glück davon, machten wieder Karriere, zumeist im Westen.

Eva Züchner hat mit der Vater-Geschichte ein Stück deutscher Mediengeschichte geschrieben. So über Wolf Schirrmacher, einst ebenfalls Mitarbeiter im Büro Schwarz van Berk, dann nach dem Krieg – wundersame Wandlung – wieder als Journalist, schreibt er in »Der Ruf« am 1. Dezember 1947 über die Uraufführung von Wolfgang Borcherts »Draußen vor der Tür« eine Rezension. Deren Ton erschüttert Eva Züchner: »Der Text hat literarisches Niveau und ist so einfühlsam und klug geschrieben, jenseits aller hohen Betroffenheitsklischees, dass ich ihn mit den ›Bildern einer Kriegsschule für Waffen-SS‹ von 1943 in keinerlei Übereinstimmung zu bringen vermag.« Schirrmacher schrieb dann für »Die Zeit« und den »Tagesspiegel«. Katharsis eines vormals Verblendeten, der zu sich selbst befreit wurde – oder nur neuer Opportunismus? Wer will darüber richten, und haben wir, darüber zu urteilen anderes als die Texte?

Hans Diebow, ehemaliger Chefredakteur des »Völkischen Beobachters« und Herausgeber des Bildbandes »Der ewige Jude«, gelang nach 1953 unter dem Pseudonym H. H. Pars ein Bestseller über das Schicksal von Kunstwerken durch die Jahrhunderte: »Noch leuchten die Bilder«. Das Buch schrieb er zusammen mit Schwarz van Berk, jenem Chef der nach ihm benannten Abteilung in Goebbels' Ministerium. Wer in den ersten Jahren den »Spiegel« leitete, den Gottfried Benn ein »Revolverblatt, aber unterhaltlich« nannte, wissen wir, und die Anfänge von Elisabeth Noelle-Neumann, Mitbegründerin der deutschen Meinungsforschung, liegen ebenso im Propagandaministerium wie in »Das Reich«, in der es auch Franz Fühmann – unter Goebbels' Beifall – mit seinen Gedichten bis auf die Titelseite brachte. – Was sagt uns die Vergangenheit eines Menschen über das, was später aus ihm wurde? Ist diese dann bloß modifizierte Fortsetzung der Vergangenheit oder radikale Abkehr von ihr, eben jener Erfahrung wegen? Was müssen wir von Menschen halten, deren Tod jede Form von möglicher Korrektur verhinderte? Gehört auch Gerhart Weise zu ihnen? Er zählte bereits zum Autorenkreis der neugegründeten CDU-Zeitung »Neue Zeit«, als er verhaftet wurde.

Züchners Buch besitzt den Vorzug, viele Ausschnitte aus Arbeiten ihres Vaters zu dokumentieren. Diese Passagen lesen sich dann immer gleich viel eleganter und pointierter als der etwas biedere Stil der Tochter. So ist das mit dem Talent, es beugt sich nicht dem guten Willen. Leider. Zum Glück.

Am Anfang ist Weise noch so etwas wie ein Feuilletonist. Er schreibt über Film, Theater, Operette und Varieté. Eva Züchner nennt es die »Niederungen der Operettenwelt« – das Gegenteil ist der Fall. Hätte er bei diesem Thema bleiben können, hätte er sich nicht mit Ideologie zerstören müssen. Weise besucht die »Reichspresseschule« und wird schließlich »Schriftleiter«, das ist das, was in Goebbels' Zeitungsstaat an Stelle der Redakteure tritt. Kunstkritik wird sofort verboten.

Und Weise vollzieht jede dieser totaliären Wendungen mit und macht Karriere. Eine paar Jahre noch schreibt er für das »Zwölf-Uhr-Mittagsblatt«, einst eine berühmte Zeitung, für die auch Billy Wilder schrieb, nun, so Züchner, berichtet man mit Vorliebe über pädophile Priester. Weise veröffentlicht dort bemerkenswerte Texte über jene Zwischenreiche, die leichte Unterhaltung zu nennen nur ein Missverständnis wäre. Über den Clown Charlie Rivel: »Wenn einer die Sache ernst nähme, er würde durchschauen, wie hinterlistig unser Leben eigentlich sein kann. Vielleicht ist es nicht einmal das Leben, sondern wir sind es ... Clowns werden nie alt. Sie sind geniale Kinder. Wenn sie wüßten, was sie tagtäglich (philosophisch) verulkten, würden sie verrückt. Aber sie spielen.« Der Spanier Rivel, ebenso wie der Schweizer Grock verehren Hitler – und Wolfgang Staudte dreht 1942 »Akrobat Schö-ö-ö-n«. Weise über Grock: »Und wir erkennen den Dämonen in ihm und in uns. Sein Spiel ist in diesem Moment größte Menschenkritik.«

Der Abgrund Mensch. Wer nicht glauben mag, dass geistige Subtilität und ideologische Plumpheit bei einem Menschen Hand in Hand gehen können, der wird in diesem Buch eines Besseren belehrt. Eines Schlimmeren! Weise zensiert in den letzten Kriegsjahren Filme, lässt Sätze wie diesen herausschneiden: »Ein schlechtes Leben ist besser als ein guter Tod.« Wehrkraftzersetzung. Er schreibt mit an Goebbels Durchhaltefilm »Das Leben geht weiter«, eine Hausgemeinschaft als Volksgemeinschaft mitten im Bombenkrieg.

Und er ist verstrickt in Verhaftung und Tod seines Freundes Erich Ohser, der als e.o. plauen Erfinder der legendären »Vater und Sohn«-Bildgeschichten ist. Ein Karikaturist auf verlorenem Boden im Nazireich. Wegen allzu spöttischer Reden im Luftschutzkeller wird er mit einem Freund zusammen denunziert, er nimmt sich im Gefängnis das Leben, der Freund wird von Freislers Volksgerichtshof verurteilt und hingerichtet. Sie hätten »hundertmal den Tod verdient« tobt Goebbels, der Freisler jedoch beauftragt hatte, vor der Urteilsverkündung mit ihm Rücksprache zu halten. Wollte er Ohser begnadigen? Denn auch Ohser war nicht nur Opfer, sondern auch Täter. Er zeichnete für »Das Reich« Karikaturen mit russischen Untermenschen und ähnliches Bildgut der Naziideologie. Doch Weise war in einer fatalen Situation. Er sollte auf Goebbels Anordnung hin die Glaubwürdigkeit des Denunzianten prüfen. Eine Falle für den Ohser-Freund, das Nichtparteimitglied Weise? Er muss es so gesehen haben und stimmte – für glaubwürdig. Die Perfidie eines Systems, die Dämonie des Menschen. Oder einfach Feigheit?

Eva Züchner, Der verschwundene Journalist. Eine deutsche Geschichte, Berlin Verlag, 288 S, 24 Euro.

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