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Ohne Zorn, aber mit Eifer

Auskünfte über eine Behörde – ein neues Kompendium über das MfS

  • Von Erich Schmidt-Eenboom
  • Lesedauer: 4 Min.

Fünfundzwanzig ehemals führende Offiziere des Ministeriums für Staatssicherheit haben Werner Großmann, ab 1986 als Generaloberst Leiter der HV A, und Wolfgang Schwanitz, ab Dezember 1989 als Generalleutnant Leiter des Amtes für Nationale Sicherheit der DDR, um sich geschart, um gemeinsam ein Kompendium vorzulegen, das »Auskünfte über eine Behörde« gibt, die seit 20 Jahren im Fadenkreuz sowohl berechtigter Kritik als auch sensationsgieriger Polemik steht.

Schon ihre Konzeption, »Fragen an das MfS« zu beantworten, verspricht eine offene Auseinandersetzung und dieses Versprechen wird weitgehend eingehalten. Das Werk ist deutlich selbstkritischer als die bisherigen Publikationen aus den Reihen der Ehemaligen, ohne sich grundsätzlich von den Traditionslinien zu entfernen und den »Tschekistenstolz« abzulegen. Es behandelt alle wesentlichen Fragen, die seit 1990 aufgeworfen wurden. Auch, was die Sprache betrifft, haben sich die Autoren frei gemacht von MfS-Idiomen und der »Dienstsprache« und unterhalten bisweilen sogar mit ironischen Untertönen.

Die rund 200 Fragen und Antworten decken ein weites Spektrum ab, zeitlich von der Mobilmachung zum Kalten Krieg bis zur Diskussion um die gegenwärtige (grundsätzlich bejahte) Notwendigkeit von konspirativen Behörden, thematisch vom Einsatz von Romeo-Agenten über die in Einzelfällen eingeräumte Vertuschung von tödlichen Grenzzwischenfällen bis zum Auslandsengagement des DDR-Dienstes.

Breiten Raum und eine fundierte Darstellung finden die Debatten um den Antifaschismus der DDR und der Vergleich mit der extensiven Nutzung der NS-Eliten in der BRD. Die Aussage, »eine Zusammenarbeit mit nachweislichen NS-Verbrechern war für das MfS tabu«, ist jedoch nachweislich zu apodiktisch. In wenigen Fällen wurden Kriegsverbrecher wie der ehemalige SS-Obersturmführer Hans Sommer als Spion gegen die SS-Offiziere in der Organisation Gehlen und dem BND eingesetzt. Die Auseinandersetzung mit Kinoerfolgen wie »Das Leben der anderen« und mehr noch »Die Frau vom Checkpoint Charly« erhellt, dass filmisch das Ende der Propagandaindustrie noch nicht eingeläutet wurde. Dass das wirkliche Leben oft schillernder ist als die filmische Scheinwelt, wird am Beispiel von Robert Havemann deutlich: Der Parade-Dissident der Westmedien war Nazigegner und zugleich Sicherheitsbeauftragter der Gestapo, Regimekritiker an der DDR, aber auch zeitweise Mitarbeiter des sowjetischen und ostdeutschen Nachrichtendienstes.

Widerlegt werden die Vorwürfe zur aktiven Unterstützung des internationalen Terrorismus ebenso wie solche zur Entsendung von Killerkommandos. Allzu schnell ziehen sich die Autoren allerdings da aus der Affäre, wo es um Entführungen in die DDR geht. Mehrere Hundert Menschen wurden vom MfS vornehmlich vor 1961 verschleppt und in vielen Fällen anschließend hingerichtet. Die Bewertung, sie hätten sich »schwerer«, also todeswürdiger Verbrechen gegen die DDR schuldig gemacht, ist eindeutig überzogen.

Die Legitimation von DDR-Maßnahmen schöpfen die Autoren zum einen aus der Einbettung dieser Aktionen in den Kalten Krieg und zum anderen durch Vergleiche mit dem Verhalten westlicher Staaten. Auf diese Weise wird die »Notbremse« Mauerbau erläutert und zugleich der Blick auf das gegenwärtige EU-Grenzregime mit mehr als 3000 Todesfällen von 1993 bis 2002 gerichtet. Dass eine solche Betrachtungsweise nicht an den Haaren herbeigezogen ist, hat die angesehene Pariser Zeitschrift »DIPLOMATIE« anlässlich des 20. Jahrestags des Mauerfalls deutlich gemacht, indem sie illustrierte, wo noch heute von Korea über Palästina bis zur Grenze zwischen Mexiko und den USA todbringende Mauern teilen. Gegenüber dieser globalen Sichtweise werden jedoch jene westdeutschen Intellektuellen noch lange fremdeln, die mit dem Tunnelblick der Totalitarismusforschung aufgewachsen sind.

Bei ihnen stößt sicher auch die Behauptung auf Skepsis, es habe ab den 1950er Jahren in der DDR eine wachsende Bereitschaft gegeben, freiwillig und aus politischer Überzeugung als IM für die Sache des Sozialismus tätig zu werden. Eine Studie der Organisation Gehlen aus diesen Jahren hält dazu korrespondierend fest, die Anwerbung eigener Agenten sei durch die erfolgreiche »Bolschewisierung« der jungen DDR-Generation deutlich schwieriger geworden. Bislang gilt: Je mehr westliche Geheimdokumente zu Tage treten, desto mehr kippen die von Vorurteilen geprägten Zweifel an der Validität ostdeutscher Erfahrungen.

In der MfS-Kritik wurde vielfach unterbewertet, dass der ostdeutsche Geheimdienstapparat nicht wie in so mancher westlichen Demokratie zum Staat im Staate tendierte, sondern unter direkter Kommandogewalt der SED stand, die sich auch nicht scheute, dem MfS die Schuld für den Aufstand am 17. Juni 1953 in die Schuhe zu schieben. Das zeitigte Konflikte zwischen einer verbohrten Staats- und Parteiführung und eines näher am Puls der Menschen und der Wirtschaft befindlichen Aufklärungsdienstes, dessen progressivere Positionen bislang unterschätzt wurden, beispielsweise da, wo es 1989 um Vorschläge des MfS an das Politbüro ging, in einen Dialog mit oppositionellen Gruppen einzutreten, die von Hardlinern jedoch blockiert wurden.

Gregor Gysi, Hans Modrow und Markus Wolf hätten nach dem Beitritt der neuen Länder zur Bundesrepublik vereinbart, dem MfS für alle Fehlleistungen der DDR den Schwarzen Peter zuzuschieben, um einer aus der Schusslinie genommenen SED-PDS den Aufstieg in der Parteienlandschaft zu erleichtern, heißt es. Sofern diese vielfach kolportierte These zutrifft, bedeutet dieses Buch auch das Ende der Bereitschaft, das eigene Ansehen der Parteiräson unterzuordnen und weiterhin als »Vehikel für Diffamierungsabsichten« zu dienen. 20 Jahre nach der Entwaffnung des Arms, der das Schwert hielt, sinkt auch der Schild.

Werner Großmann/Wolfgang Schwanitz (Hg.): Fragen an das MfS. Auskünfte über eine Behörde, Edition Ost, Berlin. 398 S., br., 17,95 €.

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