Das Unsichtbare lesen

Neue Technologie entziffert überschriebene Texte

  • Von Andreas Knudsen, Kopenhagen
  • Lesedauer: 3 Min.

Schreibmaterial war teure Mangelware im Mittelalter. Schließlich entstand das Pergament aufwendig aus raren Tierhäuten, und Papier kannten damals nur die Chinesen. Wiederverwendung stand also hoch im Kurs. Die Schriftkundigen, in der Regel Mönche oder hohe königliche Beamte, benutzten manches Stück mehrfach. Doch dazu musste die ursprüngliche Schrift abgeschabt werden, so dass viele Verwaltungsdokumente und auch so manche literarische Kostbarkeit verlorengingen.

Moderne Technik aber macht es möglich, unsichtbar gewordene Schrift wieder zu lesen, ohne auf geheimnisvolle Tinkturen der Alchimisten zurückgreifen zu müssen. Tatsächlich versuchten frühere Forschergenerationen historische Dokumente mit Wasser, Urin o. ä. wieder sichtbar zu machen. Das Ergebnis war in der Regel katastrophal. Michael Lerche Nielsen vom Kopenhagener Institut für Nordistik, das sich mit dem Studium mittelalterlicher Schriften beschäftigt, wurde jetzt von Briefmarkensammlern auf eine neue Idee gebracht. Die hatten sich einen Scanner geliehen, um alte Briefmarken zu untersuchen.

Das versuchte Lerche Nielsen nun auch mit alten Dokumenten. Natürlich kann kein handelsüblicher Scanner eine solche Aufgabe erfüllen. In diesem Fall ist es einer, der für die Analyse von Lebensmitteln und Pelzen entwickelt wurde. Eine der weltgrößten Pelzauktionsfirmen, Copenhagen Fur, benutzt ihn, um die Qualität von Pelzen in deren verschiedenen Schichten zu analysieren. Der Scanner arbeitet in 20 verschiedenen Spektralbereichen, vom Ultraviolett über das für menschliche Augen sichtbare Licht bis hin zum Infrarot. Die verschiedenen Farbkurven werden dann ins Verhältnis gesetzt zur chemischen Zusammensetzung der Oberfläche, d. h. Schrift und Text werden lesbar. Im Fall abgeschabter Texte oder Flecken im Papier wird ähnlich verfahren. Der Scanner kann die verschiedenen Schichten unabhängig voneinander analysieren, so dass Störendes eliminiert wird. Der Kauf des Scanners wurde durch die Spende eines privaten Fonds möglich.

Die Wissenschaftler des Institutes haben große Erwartungen in den Scanner. Die Jahrhunderte alten Dokumente haben oft Lücken im Text durch Überschreibungen oder Flecken, die das Verständnis erschweren oder mehr Raum für Interpretationen lassen, als Wissenschaftlern lieb ist. Generationen von Schriftgelehrten hatten zudem die Tendenz, die ursprünglichen Texte nach ihren persönlichen Vorstellungen oder den herrschenden Normen ihrer Zeit zu bearbeiten. Durch die Scan-Ergebnisse wird es möglich, den ursprünglichen Text zu lesen. Lerche Nielsen ist beispielsweise davon überzeugt, dass die isländischen Sagas mehr erotische Details enthalten, als wir heute kennen. Spätere Generationen hatten andere Auffassungen, was sich schickte oder nicht und überschrieben solche Details. Systematische Scans der alten Pergamente werden dazu beitragen, die Anzahl der Fragezeichen zu verringern und dem dunklen Mittelalter mehr Farbe zu geben, als ihm teilweise noch heute zugemessen wird.

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung