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Karriere mit Niederlagen

Der 75-jährige Wissenschaftler Horst Klinkmann war der letzte Präsident der Akademie der Wissenschaften der DDR

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Horst Klinkmann (re.) hat inzwischen wieder ein entspanntes Verhältnis zu den Vertretern der Landesregierung in Mecklenburg-Vorpommern. Hier macht er Pausengymnastik mit CDU-Wirtschaftsminister Jürgen Seidel (li.) auf einer Branchenkonferenz zur Gesundheitswirtschaft.
Horst Klinkmann (re.) hat inzwischen wieder ein entspanntes Verhältnis zu den Vertretern der Landesregierung in Mecklenburg-Vorpommern. Hier macht er Pausengymnastik mit CDU-Wirtschaftsminister Jürgen Seidel (li.) auf einer Branchenkonferenz zur Gesundheitswirtschaft.

Horst Klinkmann sitzt in seinem Rostocker Büro und hält zwei kleine Zeitungsausschnitte aus dem »Neuen Deutschland« vom 18. Mai 1990 in den Händen. In den Texten wird berichtet, dass der ostdeutsche Mediziner am Tag zuvor zum Präsidenten der Akademie der Wissenschaften gewählt worden war. Klinkmann erinnert sich gut. Er hatte sich als Kandidat aufstellen lassen, nicht aber damit gerechnet, gewählt zu werden. Da er noch am gleichen Tag zur Leitung der Präsidiumssitzung der Europäischen Gesellschaft für Organtransplantation und Dialyse in Frankfurt am Main erwartet wurde, war er nach der Kandidatenaufstellung vor das Akademiegebäude im Berliner Stadtteil Adlershof geeilt, um ein Taxi zum Flughafen zu nehmen.

Doch daraus wurde nichts. Man rief ihn zurück. Bereits im ersten Wahlgang hatte Horst Klinkmann 84 Prozent der Stimmen bekommen. Kurze Zeit später war er der letzte Präsident der traditionsreichen ostdeutschen Einrichtung. Niemand, auch nicht Klinkmann selbst, hätte auch nur im Traum daran gedacht, dass die bedeutendste Forschungseinrichtung der DDR, eine Nachfolgeorganisation der 1700 von Gottfried Wilhelm Leibnitz gegründeten Kurfürstlich Brandenburgischen Sozietät der Wissenschaften, wenige Jahre später nicht mehr existieren sollte. »Seine Aufgabe sieht er darin, der Forschungsstätte den ihr zustehenden Platz in der Wissenschaftslandschaft Deutschland und Europa zu sichern«, notierte der ND-Journalist im Frühjahr 1990. Klinkmann wird mit den Worten zitiert: »Ich bin mir gewiss, wir schaffen das.«

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Horst Klinkmann wird am 7. Mai 1935 in Teterow geboren, sein Vater stirbt im Krieg, den Tod der Mutter erlebt er als Zehnjähriger. Er wächst im Kinderheim auf, absolviert die Schule, studiert Humanmedizin und promoviert 1959. Eine Bilderbuchkarriere beginnt und der Protagonist dieser Geschichte wird später noch oft zu Protokoll geben, dass er als Waise dem Staat seine Ausbildung verdanke und dies niemals vergesse. Mit seinem Bildungsweg verbindet sich für ihn die Hoffnung, dass der Sozialismus ein gerechteres Leben für alle ermöglichen könne.

Zunächst ermöglicht er dem jungen Mediziner eine Ausbildung an der Universität in Rostock bei seinem Lehrer Harald Dutz, der hier das erste Dialysezentrum der DDR und eines der ersten in Europa aufbaut. Das neue Fachgebiet des künstlichen Organersatzes fasziniert Klinkmann und bestimmt seinen weiteren wissenschaftlichen Weg. Nach der weltweit erstmaligen Anwendung einer Dialyseapparatur zur Austauschtransfusion bei Neugeborenen wird der erst 27-Jährige zu einem Vortrag auf dem Weltkongress für Nephrologie in Washington eingeladen. Später lernt er den in die USA ausgewanderten Niederländer Willem Johan Kolff kennen, einen der Väter der künstlichen Niere. Klinkmann arbeitet mit dem schwedischen Dialyse-Experten Nils Allwall, experimentiert weiter in seinen Studien zur klinischen Anwendung der Dialysetherapie. 1965 wird ihm von der amerikanischen Gesellschaft für Künstliche Organe als einem der ersten Europäer ein Plenarehrenvortrag angetragen. Da ist der junge, erfolgreiche Wissenschaftler bereits seit einem Jahr Research Professor an der Utah-University in Salt Lake City/USA und arbeitet dort mit Kolff an der Entwicklung neuer künstlicher Organe für ausgediente menschliche Herzen, Augen, Bauchspeicheldrüsen.

Zurück in seiner geliebten Heimat – Klinkmann sagt von sich, er sei ein pathologischer Mecklenburger – baut er an der Universität ein interdisziplinäres Forschungszentrum für Organersatz auf, das weltweite Anerkennung genießt. 20 Jahre ist er hier Direktor der Klinik für Innere Medizin. Will ihn jemand sprechen, heißt es nicht selten: Professor Klinkmann ist im Ausland. Immerhin setzen dem weltreisenden Experten 13 internationale Universitäten den Ehrendoktorhut auf, 'zig Fachgesellschaften wählen ihn zum Ehrenmitglied, er wird Präsident aller vier Weltgesellschaften auf seinem Gebiet und die Zahl der Publikationen geht in die Hunderte.

Trotzdem gilt der moderne Fachprophet Klinkmann nach der Wende »nirgends weniger als in seinem Vaterland und in seinem Haus« – um ein biblisches Zitat zu bemühen. Während er in Japan zum Präsidenten der Europäischen Sektion der Weltgesellschaft für Apherese (Blutreinigung) gewählt wird, empfiehlt 1992 in Rostock eine »Ehrenkommission« seine Entlassung. Begründung: schweres Fehlverhalten aufgrund der politischen Aktivitäten in der DDR. Klinkmann war SED-Mitglied gewesen, Hochschullehrer, Vorsitzender des wissenschaftlichen Rates beim Gesundheitsminister der DDR. Vorwürfe wegen der Zusammenarbeit mit dem MfS bestätigen sich nicht. Die Kündigung wird dennoch ausgesprochen. Liest man heute Veröffentlichungen darüber, kommt einem der Vorgang ausgesprochen lächerlich vor, die Vorwürfe absurd, die Argumente peinlich. Protestschreiben aus aller Welt trudeln ein, die Wissenschaftsministerin hat dafür einen Karton neben ihren Schreibtisch gestellt. Obwohl aus dem Ausland Angebote für den Wissenschaftler kommen, ist dies eine Niederlage für den Mecklenburger Weltbürger, über die auch nicht die Tatsache hinweghilft, dass es zahlreichen Kollegen aus der DDR mit nationalem und internationalen Renommee ebenso ergeht: »Entsorgt haben die mich damals.« Er ist bestürzt. Ins gleiche Jahr fällt die Auflösung der Akademie der Wissenschaften, die zwei Jahre zuvor mit so großer Erwartung neu gestartet war. Ein Rückschlag sei dies nicht nur für die Betroffenen gewesen, sagt Klinkmann, sondern für die gesamte Wissenschaftslandschaft der Bundesrepublik.

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Auch kurz vor seinem 75. Geburtstag fällt das Resümee des Teterower Ehrenbürgers über seine Weltkarriere mit Niederlagen nicht altersbedingt großmütig aus. Er sei blauäugig gewesen, sagt Klinkmann, und habe zu spät gemerkt, dass die ostdeutschen Wissenschaftler im bundesdeutschen System nicht willkommen waren, die Akademien im Westen ihre Mittel nicht teilen wollten, allerhöchstens an einigen Instituten oder Personen interessiert waren und natürlich an den Filetstücken der Akademieimmobilien. Ihm selbst habe vor allem die Partnerschaft zu seiner Frau Hannelore über die schwere Zeit hinweggeholfen, die Solidarität vieler Kollegen aus dem Ausland. Schließlich seien Niederlagen die Quelle neuer Energien. Gepaart mit der schon erwähnten hartnäckigen Heimatliebe tragen sie letztendlich dazu bei, dass aus dem Lehrauftrag an der Universität Bologna – hier wird Klinkmann 1992 Dekan der Internationalen Fakultät für Künstliche Organe – kein endgültiger Rückzug aus Deutschland wird. Nach Arbeiten im Ausland kehrt der Mediziner nach Deutschland zurück.

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In Rostock findet Klinkmann neue Verbündete für das Ziel, aus Mecklenburg-Vorpommern ein Gesundheitsland mit entsprechenden Technologien und Industrien zu machen, neuerdings als Modellregion in Europa. Mit BioCon Valley entsteht ein Netzwerk von inzwischen 162 Betrieben mit 90 000 Beschäftigten. Ein Kuratorium Gesundheitswirtschaft wird gegründet, dessen Vorsitzender Klinkmann heißt und der über exzellente Verbindungen in alle Welt verfügt, aber auch gute Drähte zur Landes- und Bundesregierung hat. Zeitweilig berät er Bundeskanzler Schröder. Die Gesundheitswirtschaft im Nordosten entwickelt sich zur Wachstumsbranche, mit positiven Wechselwirkungen auf den Tourismus. Klinkmanns Niederlagen haben sich in Energie umgewandelt. Der 75-Jährige will diese aber nicht beim Rentnerspaziergang vergeuden. Er sieht seine Zukunft in der Arbeit.

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