Werbung

Leben mit der Angst vor dem Hochwasser

Auf dem Basar in Slubice gehen die Geschäfte weiter / Sandsäcke am Frankfurter Buschmühlenweg / Alarm ausgerufen

  • Von Anja Sokolow, dpa
  • Lesedauer: 2 Min.

Echt jetzt? Ihr wollt Geld von mir?

Ja, herrgottnochmal, es kostet!

Auch, wenn's nervt – wir müssen die laufenden Kosten für Recherche und Produktion decken.

Also, mach mit! Mit einem freiwilligen regelmäßigen Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

An der Oder in Brandenburg gilt seit Mittwochabend die höchste Hochwasseralarmstufe vier. Es besteht die Gefahr der Überflutung von Dämmen und Deichen. Am Pegel Ratzdorf wurde eher als erwartet der kritische Grenzwert von 5,90 Meter erreicht. Ursprünglich war damit erst am heutigen Donnerstag gerechnet worden. Die Alarmstufe vier rief der zuständige Landrat Manfred Zalenga (parteilos) für den gesamten Kreis Oder-Spree aus. Helfer stehen bereit, um Sandsäcke zu füllen und Deiche zu verteidigen. Deichläufer beobachten rund um die Uhr die Lage. Ab heute ist im Hochwassermeldezentrum Frankfurt (Oder) ein Bürgertelefon geschaltet. In der Zeit zwischen 7 und 22 Uhr wird Auskunft erteilt unter Tel.: (0335) 560 31 67. Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) brach wegen des Hochwassers seinen Urlaub ab. Innenminister Rainer Speer (SPD) verzichtet auf seine Teilnahme an der Innenministerkonferenz in Hamburg.

Das Wasser drückt, doch die Geschäfte laufen. Nur ein schmaler Grünstreifen und eine Straße trennen den großen Basar im polnischen Slubice vom Oderdeich. Im Fluss schwillt das Wasser unaufhörlich an. Hinter den mit Sandsäcken gesicherten Verkaufsständen drückt das Grundwasser nach oben. Doch die deutschen Kunden berührt das nicht. »Wat kostet die Stange?«, fragt ein Kunde aus Berlin den Zigarettenhändler Wojtek Graczyk. Der versucht, schnell noch ein Geschäft zu machen: »Neunzehn Euro! Nu gut, achtzehnfunfzisch.« Seit Bekanntwerden des drohenden Hochwassers habe der Kundenstrom etwas nachgelassen, erklärt Graczyk. Doch viele Händler harren noch aus. Natürlich habe er Angst vor dem Wasser, »wie alle hier«, sagt er. Seinen Stand wollte er aber erst am Mittwochabend räumen.

Slubice liegt etwa zwei Meter niedriger als das gut 250 Meter entfernte Frankfurt am anderen Ufer. Bürgermeister Ryszard Bodziacki appellierte bereits am Dienstag an die 17 000 Einwohner, Slubice zum Wochenende zu verlassen. Das Krankenhaus wurde am Mittwoch geräumt. Schulen und Kindergärten werden Ende der Woche geschlossen.

»Wir kaufen Konserven und Wasser und bleiben in der Stadt«, berichtet die Studentin Paulina Gospodarek. »Meine Freundin und ihr Sohn sind bereits zu Verwandten gefahren«, sagt die 23-Jährige. Ihre Mutter, die auf dem Basar mit Süßigkeiten handle, habe die Ware in Sicherheit gebracht. Auch sie habe Angst. »Aber ich hoffe, alles bleibt okay«, sagt die Studentin.

Weniger optimistisch sind die Bewohner des Buschmühlenweges in Frankfurt. Die Straße hinter den schon unter Wasser stehenden Oderwiesen war bereits 1997 wochenlang überflutet. »Ich bin weiß Gott nicht gläubig. Aber ich bete mehrmals täglich«, sagt Rentnerin Renate Ullrich, während sie mit ihren Freundinnen aus der Sportgruppe Sandsäcke füllt. Die Stelle, an der ihr Haus steht, sei eine der tiefsten. Der Keller ist ausgeräumt, Fenster sind abgedichtet und Gummihosen, wie sie Angler tragen, hängen bereit.

»Die sind noch von vor 13 Jahren«, erzählt Ullrich. Damals seien sie nur noch über Stege und per Schlauchboot zu ihren Häusern gekommen. »Wir haben uns gefühlt wie in Venedig.« Strom, Wasser und Toilettenbenutzung – daran sei in den ersten Tagen des wochenlangen Hochwassers kaum zu denken gewesen. Später gab es immerhin Dixi-Toiletten und Notstromleitungen. Auch wenn die Anwohner diesmal rechtzeitig gewarnt wurden, Sandsäcke zur Verfügung stehen und die Gefahr als geringer eingeschätzt wird: die Angst bleibt. »Das lange Warten ist einfach so schrecklich«, sagt die Rentnerin, die schon jetzt schlaflose Nächte hat. Ans Wegziehen habe sie dennoch nie gedacht. »Wohin denn auch?«

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!

Schenken Sie schon, oder rätseln Sie noch?

Verschenken Sie das »nd«

Klare Worte, Kritische Debatten und mutiger Journalismus von Links: Das »nd« wird Sie bewegen.

Jetzt verschenken oder sich selbst beschenken