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Herausfordender Senior des Taktstocks

Berlin: Konzerthausorchester und Michael Gielen

  • Von Liesel Markowski
  • Lesedauer: 3 Min.

Er ist heute einer der bedeutendsten Senioren des Taktstocks und seit Jahren erster Gastdirigent am Berliner Gendarmenmarkt: Michael Gielen, 83-jährig, in erstaunlicher Frische und gestalterischer Konzentration am Pult des ihm vertrauten wie vertrauenden Konzerthausorchesters zu erleben. Ein Abend voller Spannung und Klangfülle, gewidmet Robert Schumann, einem der Jubilare dieses Jahres, dessen 200. Geburtstags Anfang Juni (am 8.6.) gedacht wird. Und Gielen geht da keineswegs glatte Wege, er bewegt sich durchaus auf ungewöhnlichem Terrain, lässt Widersprüchliches aufscheinen, fordert seine Zuhörer heraus.

Musiken von Schumann (1810- 1856), Romantiker und Vormärzler im 19. Jahrhundert, kontrastiert durch Kompositionen von Alban Berg (1885-1935), hervorragender Schüler Arnold Schönbergs, zur Avantgarde des 20. Jahrhunderts strebend. Ein Programm, das musikhistorische Räume öffnet? Nicht nur, denn zugleich werden die Individualität des Jubilars wie die seines »Kontrahenten« plastisch vorgeführt.

Schumanns Ouvertüre zu Schillers »Braut von Messina« ist wohl noch weniger gegenwärtig als die kaum noch bekannte Tragödie um Orakelspruch und fürstlichen Familienzwist in antikem Gewand des klassischen Dramatikers. Als Auftakt zu erleben war gleichsam klingendes Neuland in konzentrierter Dichte und sich aufbäumendem Pathos. Etwas kompakt das Ganze, doch orchestral effektvoll.

Dann zum wahren Orchesterfest gesteigert: Alban Bergs »Sieben frühe Lieder« von 1905/08 in einer Fassung von 1928. Vorwiegend Gegenwartspoesie oder Texte aus seiner näheren Vergangenheit hat der junge Komponist hier vertont. Zunächst als Gesangsstücke für Sopran und Klavier, die hier in orchestrale Opulenz eintauchen.

Die Sopranistin Melanie Diener, eine international bewährte Sängerin, mit dunkel tembrierter, dramatisch fülliger Stimme, hat sich dieser schwierigen Aufgabe mit vokaler Ausstrahlung gestellt. Allerdings mangelte es ihr, wie leider heute oft, erheblich an Textdeutlichkeit. So kam die feine Poesie der Worte (u.a. von Carl Ferdinand Max Hauptmann, Nikolaus Lenau, Theodor Storm, Rainer Maria Rilke oder Otto Erich Hartleben) zu kurz. Jenes Erlebnis von geheimnisvoller Natur, schwärmerischer Liebe und zarten Glücks fand eigentlich in orchestraler Zauberwelt statt, in die der Soprangesang eingebunden schien. Spätromantische Üppigkeit des Klanges konnte in allen Registern wahrgenommen werden: ausgewogen und transparent.

Gielens Dirigat, präzis und in sparsamen Gesten, stets aufs Deutliche der Struktur zielend, zugleich zu intensivem Ausdruck inspirierend, kam beim Abschluss zu bravouröser Wirkung. Schumanns 2. Sinfonie (C-Dur, op.61) erstrahlte in mitreißender, dabei stets durchsichtiger, Klangpracht: ein hochdramatisches Eingangsallegro mit seinem C-Dur-Jubel, ein Scherzo elegant und schwungvoll mit schönen Bläserpartien im Trio, ein inniges Adagio mit Bach-nahen Soli von Oboe und Flöte, schließlich ein brillantes Finale mit dem bewegenden Beethoven-Liedthema »Nimm sie hin denn, diese Lieder« aus dem Zyklus »An die ferne Geliebte«. Vermächtnis und Psychogramm des Komponisten Robert Schumann.

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