Werbung

Der Zufall und die Revolution

Michael Scharang: »Komödie des Alterns« – ein verschmitztes Kammerspiel

  • Von Irmtraud Gutschke
  • Lesedauer: 5 Min.

Echt jetzt? Ihr wollt Geld von mir?

Ja, herrgottnochmal, es kostet!

Auch, wenn's nervt – wir müssen die laufenden Kosten für Recherche und Produktion decken.

Also, mach mit! Mit einem freiwilligen regelmäßigen Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

Wie soll man ohne Glaube, Liebe, Hoffnung weitergehen? ND-
Wie soll man ohne Glaube, Liebe, Hoffnung weitergehen? ND-

Wieso Komödie, mag man sich bis kurz vor Schluss des Buches fragen, da es doch durchaus tragisch ist, was hier geschieht. Zwei Männer, um die sechzig, Freunde von Jugend an, zeihen den jeweils anderen schlimmsten Verrats. Was sie aneinander band, ist zerrissen, verletzt damit auch der eigene Lebensnerv. Als befänden sie sich in einer Kettenreaktion der Zerstörung, haben die beiden Todfeinde – fern voneinander – zu essen, gar zu trinken aufgehört. Zu Skeletten abgemagert, wälzen sie Selbstmord- und Rachegedanken, die sich immer wieder mit Erinnerungen an die Zeit ihrer Freundschaft mischen und dabei noch bitterer werden. – Lächerlich? Ein weniger mitfühlender Autor hätte das von Anfang an vielleicht so dargestellt, aber Michael Scharang nimmt das Leiden seiner Protagonisten ernst und wird beiden gerecht. Denn Schmerz ist Schmerz, wie immer man die Ursachen beurteilen mag.

Ein ungleiches Paar: Der Österreicher Heinrich Freudensprung hatte den Ägypter Zacharias Sarani im Stahlwerk von Kapfenberg kennengelernt. (In Kapfenberg ist auch Scharang 1941 geboren, als Sohn einer Arbeiterfamilie – nicht der einzige autobiografische Bezug zu Freudensprung im Roman.) Zwei 17-Jährige, die sich vor ihrem Studium noch etwas Geld verdienen wollen, was Sarani eigentlich nicht nötig hat. Er stammt aus einer der reichsten und einflussreichsten Familien seines Landes, ist hoch gebildet, hoch motiviert, in Österreich Maschinenbau zu studieren, spricht perfekt Deutsch. So wie mit ihm hat sich Heinrich noch mit keinem anderen über Literatur und Musik unterhalten können, ihre geheimsten Gedanken teilen sie miteinander. Die Welt würden sie verändern, wofür Sarani bald schon konkrete Pläne hat.

Eine Wasserader in der Wüste würde es möglich machen, dort eine Farm aufzubauen: ein florierendes Landwirtschaftsunternehmen, das in soziale Infrastruktur investiert. Jeder, der dort arbeitet, würde Miteigentümer sein, von Krankenhaus und Musikschule profitieren. Das würde die Menschen verändern und auf das ganze Land ausstrahlen, denn »eine Änderung der Welt zum Besseren beginne mit der Änderung der Wirtschaft«.

In den wechselseitigen Erinnerungen der beiden erleben wir, wie diese Idee tatsächlich Gestalt gewinnt. Wobei Freudensprung, inzwischen Schriftsteller, nur zeitweise in Ägypten ist und nicht so mittut, wie Sarani es sich vorstellt. Der Handelnde und der Wägende – eine aus der russischen Literatur des 19. Jahrhunderts (wo es ja ebenfalls um revolutionäre Veränderungen ging) bekannte Konstellation. Wobei die Nuancen hier feiner sind. Das Große Ganze auf lange Sicht oder der einzelne Mensch im Hier und Jetzt? »Er sehne sich nach einem freudvollen Leben als nach einer Form des Verliebseins«, bekennt Freudensprung. Und der Schicksalsschlag, der ihn angeblich durch den Freund getroffen hat, betrifft auch eine Frau. Dagegen beklagt Sarani das Scheitern einer Idee: Dass die »Akademie« nicht zustande kam, die den Gedanken der Farm in die Welt tragen sollte, sei Freudensprungs Schuld.

Der Leser merkt bald, dass es um große gesellschaftliche Fragen der Gegenwart geht, um den Zusammenprall verschiedener Erfahrungen, einen Kampf verschiedener Weltsichten, wie es insbesondere Sarani erscheint –, dass er aber erst noch hinter die Verschmitztheit kommen und sich an die langen Passagen in indirekter Rede gewöhnen muss. »Vielstimmig zu schreiben, heiße, einen Satz, der in der Gegenwart spiele, in die Vergangenheit, von wo er den Ausgang nehme, springen zu lassen, aber auch in die Zukunft, wohin es ihn, unzufrieden mit der Gegenwart, ziehe«, lässt Michael Scharang seinen Heinrich Freudensprung in einer Rückblende auf Seite 146 bemerken. Auf Seite 148 kommt dieser endlich auf dem Flugplatz in Kairo an, und das getrennte Sinnieren der beiden Kampfhähne hat ein Ende. Folgt nun der Showdown wie geplant? Der Leser kann sich erst einmal auf ein literarisches Kabinettstück freuen, am Ende dessen sich die Wütenden in den Armen liegen. Aber der Roman ist ja noch längst nicht zu Ende. Und das ist gut, denn jetzt wird er immer spannender.

Es wird gegessen – welches Wunder dem Geist doch durch Nahrung widerfährt –, es fällt ein Schuss, der Geheimdienst spielt mit. Freudensprung reist nun doch nicht ab, wie angekündigt, sondern mit Sarani ins wundersame »Wüstenhaus«, wo, weil wir nun schon mal bei diesem Gedanken sind, noch mehr Wunder hinzukommen werden. Nur so viel sei verraten: Die Auseinandersetzung findet dennoch statt – wieder eine Szene, zu der man dem Autor gratulieren kann.

Nun wird man zu schmecken bekommen, was »Komödie des Alterns« heißt. Zwei 60-Jährige im Jammertal, überzeugt, da nie wieder herauszukommen. Jeder Schritt, meinten sie, sei der letzte (was ja auch irgendwann sein kann), aber noch sind sie Pubertierenden ähnlich, die an Selbstmord denken, weil sie eine Prüfung vermasselt haben oder die Freundin weggelaufen ist. Aus dieser Jugendlichkeit könnten sie Hoffnung schöpfen, wenn sie darum wüssten. Aber sie wissen nicht, was ihnen geschehen ist. Sie haben, jeder für sich, aus der Wirklichkeit völlig irrige Schlüsse gezogen. Weil sie das Zufällige außer Acht ließen, kam ihnen alles eingefädelt, arrangiert, wie ein Komplott, wie eine Intrige vor.

Was ja nicht nur eine schreckliche, sondern in gewissem Sinne auch eine schöne Idee ist. Man hätte einen Schuldigen für sein Unglück, währenddessen der Zufall einem die letztliche Ohnmacht vor Augen führt. So ist im Lächerlichen eine Grenzerfahrung, ohne die der Roman nicht hätte geschrieben werden können. Und wie gnädig vom Autor, wie befreiend für den Leser, als die Dinge noch einmal ganz unerwartete Wendungen nehmen. Fast möchte man an eine glückliche Fügung glauben, als sollte Musil (für den Sarani sich begeistert und über den Scharang promovierte) widersprochen werden. »Atheismus, pragmatischer Nihilismus, Antimoralismus« – das kann doch nicht alles sein. Wie soll man ohne Glaube, Liebe, Hoffnung weitergehen, zumal, wenn die Beine schwer werden, wie soll man ertragen, was kaum erträglich scheint?

Michael Scharang: Komödie des Alterns. Ein Roman. Suhrkamp Verlag. 252 S., geb., 19,80 €.

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!