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Wahrheits-Versprecher

Der Autor ist Bildungs- und Medienredakteur dieser Zeitung.
Der Autor ist Bildungs- und Medienredakteur dieser Zeitung.

Im Fernsehen lief dieser Tage ein Interview mit einem Wissenschaftler, der sich beruflich mit dem Einfluss von Lobbyisten auf die Politik beschäftigt. Ich weiß nicht mehr, auf welchem Sender das Interview ausgestrahlt wurde noch wie der Wissenschaftler heißt. Seine Kernaussage aber war diese: Auf 500 Lobbyisten der Wirtschaft komme ungefähr ein halber aus Gewerkschaftskreisen oder anderen, nicht der Wirtschaft verpflichteten Institutionen. Wirtschafts-Lobbyisten, so das Fazit des Experten, träten mittlerweile sehr selbstbewusst auf und sähen in der Politik nur noch Erfüllungsgehilfen ihrer Interessen – wenn sie denn nicht selbst an den politischen Schalthebeln sitzen. Wer soll so viel Lobby-Macht noch stoppen? Vielleicht die Medien? Das klappt nur bedingt, wie die nachfolgende Geschichte zeigt.

Der Mann mit dem grauen Vollbart ist etwas nervös, aber nur einen Augenblick lang. Eben hat er dem Reporter ins Mikrofon gesprochen, dass Kopfschmerztabletten, die aus dem Ausland kommen und billiger als vergleichbare deutsche Pillen sind, selbstverständlich den deutschen Qualitätsstandards entsprechen und bedenkenlos von den Patienten gekauft werden können. »Wollen Sie das wirklich sagen?«, fragt ihn daraufhin der Reporter eilfertig. Peter Schmidt, so heißt der Mann mit Bart, schüttelt den Kopf und ist erleichtert, dass der Herr Journalist ihm signalisiert, dass die Wahrheit nicht gesendet werde und ihn so vor einer großen Dummheit bewahrt hat.

Herr Schmidt ist bei dem Verband »Pro Generika e.V.« beschäftigt und wurde dem TV-Zuschauer als Lobbyist der Pharmaindustrie vorgestellt. Der Reporter ist Martin Sonneborn, früherer Chefredakteur des Satire-Magazins »Titanic«, aktuell für die Satire-Sendung »heute-show« des ZDF tätig. Sonneborn hatte sich mit einer aus der PR-Branche bekannten Formulierung das Vertrauen des Pharmalobbyisten erhalten. Vorab hatte er um ein Interview für das ZDF gebeten, dass er »nach Möglichkeit in einer der ›heute‹-Sendungen, bevorzugt im ›heute-journal‹ platzieren« wolle.

Herr Schmidt sagte in dem Interview noch ein paar andere Wahrheiten, die so nicht für die Öffentlichkeit bestimmt waren, aber auch viele auswendig gelernte PR-Sprüche und er ging offensichtlich wie selbstverständlich davon aus, dass die gestanzten PR-Sätze und nicht seine Wahrheits-Versprecher gesendet werden. Sonneborn aber verwendete genau diese Passagen für seinen Beitrag. Pharmalobbyist Schmidt war verständlicherweise nicht besonders zufrieden mit der Arbeit Sonneborns und hat sich beim ZDF über den Satiriker beschwert.

Das ZDF in Person des zuständigen Programmchefs Thomas Bellut reagierte. Bellut sieht den guten Ruf der ZDF-Nachrichten bedroht. Dies aber nicht, weil Zuschauer aus dem Beitrag in der vor gut zwei Wochen ausgestrahlten Folge der »heute-show« den Schluss ziehen könnten, dass sich ZDF-Reporter in der Regel willfährig gegenüber den Wünschen von Lobby-Verbänden verhalten. Nein, Bellut verbot Martin Sonneborn und anderen Autoren der Satire-Sendung, bei ihrer Tätigkeit fürderhin die Namen der Marken »heute-journal« oder »heute« zu verwenden.

Dem ZDF wird gemeinhin eine gewisse Staatsnähe nachgesagt und der Einfluss der Parteien auf die Gremien des Mainzer Senders gerät immer wieder in die Kritik. Dass sich die öffentlich-rechtliche Sendeanstalt aber auch gegenüber Wirtschaftsinteressen durchaus loyal verhalten kann, zeigt die Reaktion des Senders auf die Beschwerde der Pharmalobbyisten. Martin Sonneborn gebührt dagegen ein Lob dafür, offenbart zu haben, dass Lobbyisten offenbar wie selbstverständlich davon ausgehen können, dass Journalisten eine gewisse »Dienstleistung« erbringen, nämlich die, Informationen und Meinungen, deren Veröffentlichung nicht im Sinne ihres Verbandes sind, nicht zu veröffentlichen.

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