Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

Wie viel Mitte braucht die Stadt?

Durch den Bergbau verlor Staßfurt seinen historischen Kern – und suchte darauf Antworten

Staßfurt ist eine Kleinstadt in Sachsen-Anhalt, die keine »Mitte« mehr hat. Infolge des Kali-Bergbaus ging das historische Stadtzentrum unwiederbringlich verloren. Wo früher Kirche, Rathaus und Marktplatz standen, ist heute ein See. Der Landschaftszug mitten in der Stadt entstand im Rahmen einer Internationalen Bauausstellung (IBA), an der sich der Ort wie 19 weitere in dem Bundesland beteiligte.

»Wiege des Kali-Bergbaus«, steht ganz oben an einer Hauswand in der verschlafen wirkenden Kleinstadt. Die weltweit ersten Schächte wurden hier 1852 ins Erdreich getrieben. Das »weiße Gold«, für das bis zu 700 Meter in die Tiefe gegraben wurde, brachte dem Ort einst Reichtum und Ansehen.

Doch der Segen wurde später auch Staßfurts Fluch. »Durch Wassereindringung sind die Schächte schon Ende des 19. Jahrhunderts wild ersoffen«, erklärt Günter Graviat von der »IBA Stadtumbau 2010«, der an diesem kühlen Frühlingsvormittag eine Gruppe Journalisten um den See mitten im historischen Ortskern von Staßfurt führt. Früher war das alles hier dicht bebaut. Graviat rollt einen alten Stadtplan aus. Zahlreiche Häuser und Straßen sind darauf eingezeichnet. Heute stehen nur noch vereinzelte Gebäude in Ufernähe.

Die Schächte musste Staßfurt bereits im Jahr 1901 aufgeben, doch das Schlimmste kam erst noch. Auf einer Fläche von rund 200 Hektar entstand ein Senkungsgebiet, das quer durch den Ort verläuft. An seinem niedrigsten Punkt ist es über sieben Meter tief.

Insgesamt rund 800 Gebäude hat die Stadt in der Folge verloren. Häuser und Türme wurden erst rissig, sanken dann ein und wurden immer schiefer. Graviat zeigt auf die andere Seeseite, wo die Grundmauern der einstigen Kirche auf dem ursprünglichen Fundament mit Hilfe von rostigem Kortenstahl und grasbesäten Flächen angedeutet sind. Der Turm der ehemaligen Stadtkirche neigte am Ende um 4,86 Meter aus dem Lot, bevor er 1965 schließlich abgerissen werden musste, weiß Graviat.

Im großen Stil wurde vor allem in den 1960er Jahren abgerissen. Am Ortsrand entstanden ebenfalls in den 1960er Jahren zwei Neubaugebiete – das Leben verlagerte sich immer mehr in die Peripherie. Die Innenstadt verfiel. »Am Ende der 1980er Jahre hat die Altstadt fast leer gestanden«, erinnert sich Graviat.

Nach der Wende wanderten zudem viele wegen fehlender Arbeitsmöglichkeiten ab. Von 1990 bis 2000 sank die Bevölkerungszahl rapide von 25 000 auf knapp 20 700. Nicht »mehr Stadt« wurde gebraucht, sondern weniger, anders.

Die Wiederbelebung der Innenstadt machte sich Staßfurt zur Herausforderung, als es sich 2003 bei der vom Land Sachsen-Anhalt initiierten »Internationalen Bauausstellung Stadtumbau 2010« bewarb. In seiner spezifischen Situation stellte sich für den Ort vor allem auch die Frage, wie viel Mitte eine Stadt eigentlich braucht?

Untersuchungen zur Stadtentwicklung unter Bergbaufolgen, die bereits Mitte der 1990er Jahre in Auftrag gegeben worden waren, waren zum Schluss gekommen, dass die Stadt nur durch gesteuerte Vernässung des Areals am tiefsten Punkt des Senkungsbereichs vor weiteren Bergbauschäden bewahrt werden konnte.

Die Idee mit dem See erscheint daher naheliegend. Im Jahr 2004 begann ein interaktives Planungsverfahren, in dem im Austausch mit den Staßfurtern Ideen für den Stadtumbau entwickelt wurden. »Viele Bürger kamen zu uns und sagten: ›Das Zentrum fehlt uns‹«, erinnert sich Sonja Beeck, die bei der IBA als wissenschaftliche Mitarbeiterin tätig ist. »Doch die Untergrundsituation ließ eine Neubebauung nicht zu.« Dies zu vermitteln, »war ein schwieriger Prozess«.

Entstanden ist schließlich ein Landschaftszug in der Stadt. Der künstliche See erstreckt sich über dem tiefsten Punkt des Senkungstrichters. Daneben zieht sich eine Kirschbaumwiese. Einzelne Elemente bewahren hier und dort die Erinnerung an Vergangenes. Rund 6,5 Millionen Euro flossen in den Stadtumbau.

Die neue Mitte werde von der Bevölkerung gut angenommen, sagt Beeck. In einer Einkaufsstraße nahe des Sees siedeln sich offenbar auch nach und nach kleine Geschäfte und Cafés an. »Mit der Perspektive auf eine Zukunft haben manche begonnen, ihre Häuser zu sanieren«, sagt auch Günter Graviat. Staßfurt ist geschrumpft – und irgendwie doch gewachsen.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln