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Sojaboom mit Nebenwirkungen

Der Einsatz von Agrochemikalien gefährdet die Gesundheit der Bewohner der argentinischen Stadt San Jorge. Ein Urteil gibt Hoffnung: Der Pestizideinsatz muss eingeschränkt werden

  • Von Jürgen Vogt, San Jorge
  • Lesedauer: 7 Min.

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Argentiniens Wirtschaftsaufschwung nach dem faktischen Staatsbankrott 2001/2002 ging mit einer immensen Ausweitung der Sojaproduktion einher. Ein Boom mit Nebenwirkungen: Der massive Einsatz von Agrochemikalien führt zu Gesundheitsproblemen von Asthma bis zur Unfruchtbarkeit. Hoffnung macht ein Urteil des Berufungsgerichtes von Santa Fe: Nicht mehr die Betroffenen müssen eine schädliche Wirkung des Herbizids Glyphosat nachweisen, sondern die Behörden müssen die Unbedenklichkeit für Mensch und Umwelt belegen.

Wo der Asphalt auf den Straßen in Lehm übergeht, beginnt das Barrio Urquiza. Die Häuser stehen vereinzelt, Wäsche hängt auf den Leinen, Pferde und Esel grasen. »Un barrio humilde« – ein bescheidenes Stadtviertel – am Rand der Kleinstadt San Jorge in der argentinischen Provinz Santa Fe. Ganz am Ende wohnen die Peraltas. Auf den Wasseranschluss warten sie noch immer, an die Kanalisation sind sie angeschlossen. Nesthäkchen Ailén feiert bald den dritten Geburtstag. Wenn der kleine Blondschopf heute tief Luft holt, sie anhält, und mit vollen Backen wieder ausbläst, dann strahlt das Gesicht von Mutter Viviana Peralta. »Nur noch einmal pro Tag muss sie das Medikament inhalieren«, sagt Viviana Peralta, »weil drüben nicht mehr gesprüht wird.«

Vivianas Todesangst um ihre kleine Tochter

Drüben ist auf der anderen Seite der Straße. Hier beginnen die Felder, auf denen jahrelang Soja gepflanzt wurde. Zwei Erntezyklen im Jahr. Für jeden kamen die Sprühfahrzeuge mindestens dreimal. Nicht selten wurde aus der Luft gesprüht. Einmal war die Mutter auf das Feld gegenüber gerannt. Hatte Erdbrocken geworfen und versucht, das riesige Sprühfahrzeug aufzuhalten. Verzweiflung, Wut, Todesangst um ihre kleine Tochter. Die Nachbarin holte sie damals zurück. In der Wohnküche ist ein Kommen und Gehen. Sechs Kinder hat die Familie Peralta. Ailén ist die Jüngste. Als sie sechs Monate alt war, mussten sie mit ihr Hals über Kopf in die Provinzhauptstadt. »Sie wäre uns fast erstickt.« Drei Tage hing sie im Kinderkrankenhaus an der Sauerstoffflasche. Die Ärzte hatten sich schon auf einen Luftröhrenschnitt eingestellt.

»Zum Glück mussten sie den Schnitt dann doch nicht machen.« Die Mutter betrachtet die Schere, legt sie beiseite. »Ailén hatte etwas, wofür die Ärzte keinen Namen hatten.« Immer wieder habe sie sich gefragt: Was lässt sie nicht atmen? Was ist das? Eines Tages machte es Klick: »Die sprühen wieder. Das ist es.« »Einigen Sie sich mit dem Grundbesitzer, der soll Ihnen ein Haus im Zentrum kaufen«, hat der Arzt gesagt. Jetzt klopft die Faust auf den Tisch. »Das hier ist unser Haus. Wir sind die Eigentümer unserer Häuser, unserer Gesundheit, und ich will nicht, dass der Grundbesitzer gegenüber vor unserem Haus sprüht.«

San Jorge ist eine Kleinstadt in der Provinz Santa Fe. 25 000 Menschen leben hier. Nach dem landestypischen Schachbrettmuster gebaut, hat San Jorge touristisch nichts zu bieten. Von der Plaza San Martín im Zentrum dehnt sich die Stadt 30 Quadrate in alle vier Himmelsrichtungen aus. Dann beginnen die Sojafelder.

»Es ist offen«, ruft Fabiana Goméz und sortiert weiter die neue Lieferung Strampelanzüge. Ihren kleinen Laden »Für's Baby, bis es laufen kann« hat sie vor vier Jahren nach der Geburt ihren Sohnes eröffnet. Der Kleine ist gesund und munter, so die frohe Mutter. Aber mit einem Geschwisterchen will es nicht klappen.

Die Agrochemie ist in der ganzen Stadt

»Als wir beim Arzt in Rosario waren, hat der meinen Mann zuerst gefragt, ob er in der Landwirtschaft arbeitet.« Er führte aus, dass die Wahrscheinlichkeit, dass sein Sperma wegen der Agrochemikalien an Zeugungskraft verliere, gegeben sei. »Und mein Mann wäre beileibe kein Einzelfall in der Region.« Bewiesen sei das nicht und einschlägige Untersuchungen gäbe es auch keine, aber Erfahrungen mache er schon, so der Arzt in Rosario. Jetzt warten die Goméz' auf das Resultat. »Wir Frauen kommen da leichter ins Gespräch als ihr Männer. Hier im Laden höre ich immer häufiger, dass es da und dort nicht klappt.« Zudem ist die Zahl der Zwillingsgeburten gestiegen, was doch auch auf Nachhilfe schließen lässt.

Zwei Straßen weiter hat Susana Manzano ihre Praxis. Die Biochemikerin ist für die Blutuntersuchungen ihrer Patienten verantwortlich. »Statistisch gesehen sterben wir in San Jorge alle an Atemstillstand. Die Ursachen dafür stehen nicht in den Statistiken«, sagt die Biochemikerin.

Dabei nehmen die Krebserkrankungen zu und immer mehr junge Männer leiden an Unfruchtbarkeit. »Alles Beobachtungen, wissenschaftliche Beweise oder Untersuchungen gibt es keine.« 2000 ist für sie das Scheidejahr. Davor gab es wenig Soja und kaum Glyphosat. Dann begann der Boom. »Es muss einen Zusammenhang geben«, schließt Manzano.

Nach dem Klick hatte Viviana Peralta begonnen, sich gegen die Agrochemikalien vor der Haustür zu wehren. »Mit meiner Nachbarin bin ich von Haustür zu Haustür gegangen und habe Unterschriften gesammelt.« Auf dem Bürgermeisteramt fühlte sich niemand zuständig. Im Gegenteil. Im November 2008 kündigte die Stadtverwaltung an, dass wieder gesprüht werden soll. Dazu kam eigens der städtische Umweltsekretär: Die Sprühaktion sei genehmigt und werde notfalls unter Polizeischutz durchgeführt. Die Peraltas erwirkten durch eine einstweilige Verfügung ein vorläufiges Sprühverbot.

Im März 2009 hatte ein Gericht erstmals entschieden: Den Grundbesitzern wurde untersagt, in einem Radius von 800 Metern um das Barrio Urquiza Glyphosat und andere Agrochemikalien einzusetzen. Für das Ausbringen per Flugzeug wurde ein Radius von 1500 Metern festgelegt. Der Widerspruch von Produzenten und staatlichen Behörden erfolgte prompt, die betroffenen Bewohner hätten für die behaupteten Gesundheitsschäden keinerlei wissenschaftlich fundierte Beweise vorgelegt.

Ende 2009 wies das Berufungsgericht der Provinz Santa Fe den Widerspruch nicht nur ab, sondern legte auch erstmals und eindeutig in der argentinischen Rechtsprechung fest, wer die Beweislast trägt. Es sei gerade die – auch wissenschaftliche – Unsicherheit über die Konsequenzen des Herbizideinsatzes, die den Gebrauch in unmittelbarer Nähe der

Betroffenen nicht zulasse. Die staatlichen Behörden müssten ihrerseits innerhalb von sechs Monaten die Unbedenklichkeit von Glyphosat und der anderen Agrochemikalien nachweisen. »Wir sind erst mal ganz still geblieben. Denn auch dagegen konnten sie noch Widerspruch einlegen.« Ende März war die Frist abgelaufen. Niemand hatte Berufung eingelegt. »Jetzt rührten wir die Trommeln.« Das Medienecho machte San Jorge und die Bewohner von Barrio Urquiza über Nacht republikweit bekannt. Auch wenn der Richterspruch vorerst nur für die Stadt San Jorge gilt, könnte er sich zu einem Präzedenzfall entwickeln. Die Klägergemeinschaft hat bereits angekündigt, von der Provinzregierung die Ausdehnung des Gerichtsbeschlusses auf alle Ortschaften in der Provinz zu verlangen.

In der Straße Irigoyen steht ein roter Klinkerbau. Victor Trucco, einer der Pioniere des Sojaanbaus in Argentinien, öffnet die Haustür. »Es ist noch gar nicht lange her, da standen hier vorne die Eisenbügel an denen die Pferde festgebunden wurden.« San Jorge war ein unbedeutendes Dorf. »Heute haben wir hier mit die besten Sojafelder des Landes.« 1000 Hektar hat er gepachtet, auf denen er Soja anbaut. »Als wir in den 80er Jahren mit der Direktaussaat von Soja anfingen, benutzten wir zwei Liter Glyphosat pro Hektar. Damals war der Ertrag aber auch nur die Hälfte von dem, was wir heute ernten.« Heute wird mindestens dreimal pro Wachstumszyklus Glyphosat auf die Felder ausgebracht. Pro Hektar kommen dabei mindestens zehn Liter zusammen. Mit 19 Millionen Hektar kletterte die Anbaufläche im Jahr 2009 auf ein neues Rekordhoch. Zu den 190 Millionen Liter Glyphosat kommen noch die Millionen Liter an Pestiziden und Fungiziden.

Glyphosat ist kein Weihwasser

Angepflanzt wird fast ausschließlich genverändertes Saatgut. Für 2010 erwarten die Produzenten eine neue Rekordernte von 53 Millionen Tonnen. Bei dem gegenwärtigen Weltmarktpreis von 220 US-Dollar pro Tonne Sojabohnen stellt sie einen Wert von fast 12 Milliarden Dollar dar, wovon gut 4 Milliarden als Exportsteuer in den Staatshaushalt fließen werden. »Glaubt da jemand im Ernst, ein Gericht wird das verbieten?« Das gerichtlich angeordnete Sprühverbot nennt Trucco Unfug. »Ich bin damit einverstanden, dass an einem Haus kein Sprühfahrzeug vorbeifahren darf. Glyphosat ist kein Weihwasser, damit muss vorsichtig und ordnungsgemäß umgegangen werden.«

»Absurd ist das schon«, sagt Viviana Peralta. »Jetzt haben wir in San Jorge Bürger erster und zweiter Klasse.« Die Schutzzone gilt nur für die 300 Bewohner im Barrio Urquiza. Im Viertel schwirren die Libellen durch die Luft, die Grillen zirpen, die Frösche sind wieder da. Es grünt und blüht. »Seit nicht mehr gesprüht wird, ist das Leben zurückgekehrt«, so die Mutter. Töchterchen Ailén zeigt derweil, wie Tief-Luft-Holen geht.

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