Ungleichheit macht auch Reiche krank

Britische Epidemiologen machen soziale Unterschiede für gesundheitliche Probleme verantwortlich

  • Von Eric Breitinger
  • Lesedauer: 2 Min.
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Nach dem Mauerfall nahm die Fettleibigkeit in den neuen Bundesländern signifikant zu, erklären die britischen Epidemiologen Richard Wilkinson und Kate Pikett in ihrem Buch »Gleichheit ist Glück«. Dafür machen sie die auf dem Gebiet der Ex-DDR »rapide verschärfte« Einkommensungleichverteilung verantwortlich, die sich bei den Verlierern in ungesundem Übergewicht manifestiere.

Die Zunahme der Übergewichtigen in den neuen Bundesländern nach der Wende ist eines von vielen Beispielen, mit denen die beiden Sozialforscher aus Großbritannien ihre Hauptthese untermauern: Je größer die Unterschiede zwischen Arm und Reich, desto mehr gesundheitliche und soziale Probleme hat eine an sich wohlhabende Gesellschaft. Denn die Ungleichheit führe, so Wilkinson und Pikett, »zu geringerer Lebenserwartung, zu geringerem Geburtsgewicht und höherer Säuglingssterblichkeit. Die Menschen erreichen eine geringere Körpergröße, sie sind anfälliger für Infektionskrankheiten und Depressionen«. Ihr Alltag sei zudem geprägt durch mehr Gewalt, Drogen sowie Teenagerschwangerschaften. Bei fast allen gesundheitlichen und sozialen Kennzahlen schneiden nach Statistiken, die Wilkinson und Pikett anführen, die USA, Großbritannien und Portugal unter den entwickelten Ländern am schlechtesten ab. Japan und die skandinavischen Staaten bekommen die Bestnoten, Deutschland liegt zumeist in der Mitte.

In »ungleichen« Gesellschaften sind laut den Autoren jedoch nicht nur die Ärmeren, sondern selbst die Reichen kränker. US-Mittelschichtbürger haben gemäß Statistiken eine niedrigere Lebenserwartung als vergleichbare Briten. Die wiederum leben im Schnitt kürzer als ihre Pendants in Schweden. Dies erklären die Autoren dadurch, dass in »ungleichen« Gesellschaften weniger gegenseitiges Vertrauen und sozialer Zusammenhalt herrsche. Alle verglichen sich und ihren Status ständig miteinander. Dies fördere chronischen Stress und die vermehrte Ausschüttung des krank machenden Hormons Cortisol. Bei den Armen komme die Belastung durch die soziale Kränkung hinzu. Laut Studien heilen selbst ihre Wunden langsamer, weil die Stresshormone die Heilung verzögerten. Dabei entstehe das Gefühl, arm zu sein, immer nur im Vergleich mit anderen Mitglieder einer Gesellschaft.

Die Autoren belegen ihre Schlüsse mit beeindruckenden Schaubildern, die auf Statistiken von UNO, OECD oder der Weltgesundheitsorganisation WHO beruhen. Zugleich zeigen sie Haltung: »Unser Ziel ist: Die Gesellschaft sozialer zu machen.« Möglich sei dies, erklären sie knapp, durch Umverteilung à la Schweden, eine geringe Lohnspreizung wie in Japan oder durch verstärkte genossenschaftliche Beteiligung der Mitarbeiter am Firmeneigentum.

Das Buch ist ein wichtiger Beitrag zur Debatte, wie viel sozialen Ausgleich moderne Gesellschaften brauchen. Es verdient viele Leser, am besten unter denen, die eine Politik der größeren sozialen Unterschiede betreiben.

Richard Wilkinson, Kate Pickett: Gleichheit ist Glück. Warum gerechte Gesellschaften für alle besser sind. Tolkemitt bei Zweitausendeins, Berlin 2009, 335 S., 19,90 €.

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