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Tanz der Entrechteten

Die »Karawane für die Rechte von Flüchtlingen und Migranten« und »The VOICE« feierten in Jena ein Kulturfestival

  • Von Stefan Otto, Jena
  • Lesedauer: 6 Min.

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Zwei Initiativen gedachten in Jena der Menschen, die auf ihrer Flucht nach Europa sterben. Jene, die es geschafft haben, rücken mit einem Kulturfestival ein Stück näher zusammen. Auch um sich gegenseitig den Rücken zu stärken.
Maskenparade während des Karawane-Flüchtlingsfestivals in Jena
Maskenparade während des Karawane-Flüchtlingsfestivals in Jena

Niemand weiß, wie die Toten aussehen, auf die sie gespannt warten. Dann sind sie auf einmal da, verborgen hinter Masken, und um sie herum bildet sich ein Kreis. Sie haben sich lautlos unter die Leute gemischt. Es ist ganz leise, nur ein afrikanischer Regenmacher rauscht, während ein Mittelsmann zwischen den Lebenden und Verstorbenen übersetzt. Die Toten klagen, warum der Kameruner Alino beim Versuch, nach Europa zu kommen, von einem Grenzschützer angeschossen wurde und verblutete oder warum Oury Jalloh im Polizeigewahrsam in Dessau auf einer Matratze verbrannte.

In den Masken kehrt der Geist der Verstorbenen auf die Welt zurück. Sie beginnen im Takt zu den Trommeln zu tanzen und ziehen durch die Straßen, gefolgt von 600 Leuten. »Wir verbinden uns noch einmal mit unseren toten Brüdern und Schwestern, damit wir sie in Erinnerung behalten«, erläutert Sunday Omwenyeke, einer der Organisatoren des Festivals, die Zeremonie. Dieser Totentanz hat in weiten Teilen Afrikas eine lange Tradition; er bietet Schutz und Solidarität, vor allem in Zeiten von Katastrophen und Unglück.

Dieses afrikanische Ritual fand nicht in Nigeria statt, wo die Masken angefertigt wurden, sondern in Jena. Die beiden Flüchtlingsorganisationen »Karawane für die Rechte der Flüchtlinge und Migranten« und »The VOICE Refugee Forum« feierten am Wochenende ein Festival, auf dem sie der vielen Tausenden gedachten, die den Weg in die Europäische Union nicht geschafft haben, sondern mit ihren Booten im Mittelmeer kenterten oder in den Bergen Südosteuropas erfroren. »Aber wir sind hier«, ruft Sunday Omwenyeke zur Eröffnung des Festes von der Bühne am Pulverturm.

Mut gegen Residenzpflicht

Das war in Jena nicht zu übersehen. Dennoch betonte er das, weil ihr Zusammenkommen nicht selbstverständlich war. Flüchtlinge unterliegen der Residenzpflicht, sie dürfen ihren Landkreis nicht ohne Genehmigung verlassen. »Schon unsere physische Präsenz verleiht uns Kraft«, meint der 49-jährige Osaren Igbinoba. In der Gemeinschaft schöpfen sie Mut und besinnen sich darauf, dass sie Menschen seien, deren Würde niemand nehmen könne. Viele von ihnen kommen aus Ländern, in denen ein Leben nicht viel zählt. Auf ihrer Flucht ließen sie alles zurück; nur ihren Verstand haben sie behalten und ihre Stimme, die sie erheben.

Osaren Igbinoba floh 1994 aus Nigeria vor der Militärdiktatur Sani Abachas und gründete in Thüringen mit anderen Flüchtlingen die Initiative The VOICE. Im Jahr darauf sollte Igbinoba abgeschoben werden. Mitten in der Nacht kam die Polizei, um ihn zu holen, doch ein spontaner Aufstand im Lager in Mühlhausen lenkte die Einsatzkräfte ab, so dass ihm die Flucht gelang. Ein Jahr lang lebte er illegal in Deutschland und wurde von Freunden und Aktivisten versteckt. Erst nachdem der Schriftsteller Ken Saro Wiwa 1995 in Nigeria hingerichtet wurde, wagte Igbinoba, sich den deutschen Behörden zu stellen und wurde schließlich als politischer Flüchtling anerkannt. Auch Sunday Omwenyeke flüchtete aus Nigeria; er schloss sich der »Karawane« an.

Bislang traten diese Flüchtlingsinitiativen vor allem mit Demonstrationen in Erscheinung, wenn einer ihrer Freunde abgeschoben werden sollte oder sie sich über die Residenzpflicht beschwerten. Jetzt bekommt der Protest eine kulturelle Variante hinzu und wird vielseitiger. »Damit wird er noch mehr ein Ausdruck für unser Leben«, findet die 26-jährige Aktivistin Mai Zeidani aus Jerusalem.

Die Stadt wird zum Festival

Auf vier Bühnen spielte Musik und lockte Passanten und Flaneure an. Jenas überschaubare Innenstadt nahm einen Festivalcharakter an, und die Stadt kam ihrem Ruf als »Ort der Vielfalt« nach. Im vorigen Jahr nahm der Oberbürgermeister Albrecht Schröter (SPD) diese Auszeichnung der Bundesregierung entgegen – eine PR-Aktion, untermauert von einem Runden Tisch, an dem sich Vereine und Institutionen für eine lebendige Demokratie einsetzen. Am Wochenende waren es die Marginalisierten aus den Lagern in Thüringen und Niedersachsen, Hessen und Bremen, die mit ihren Freunden und Unterstützern die Stadt besuchten und diese Auszeichnung mit Leben füllten. Sie feierten zusammen und vergaßen dabei allerdings nicht, warum sie in Deutschland gestrandet sind.

»Wir sind hier, weil ihr unser Land zerstört«, heißt einer der Leitsätze der »Karawane«, der auf die Hintergründe ihrer Flucht aufmerksam macht. Zwar seien die Länder Afrikas seit einigen Jahrzehnten unabhängig, doch sie funktionierten nicht, meint Osaren Igbinoba. Er spricht Englisch; für ihn ist es die Sprache der Unterdrücker seiner Vorfahren. Die Kolonialisten hätten das Land ausgebeutet und kulturelle Traditionen zerstört. Seitdem herrsche überall Chaos. Nur die Abhängigkeiten von Europa und den USA seien geblieben.

Noch immer richte sich die Infrastruktur vor allem nach den Bedürfnissen der reichen Länder. Igbinoba gibt dafür ein Beispiel: »Die Insel Gorée liegt vor Senegal und war während der Sklaverei eines der großen Tore zur Hölle. Von hier wurden Millionen Afrikaner nach Amerika und Europa verschifft. Heute wird dieser Ort von der EU-Grenzschutzagentur Frontex im Rahmen ihrer Überwachung der afrikanischen Küstengewässer genutzt.« Die Ströme der Wanderungen haben sich umgekehrt. Einst wurden die Afrikaner gegen ihren Willen verschleppt, jetzt darf keiner übersiedeln, weil Europa für sie keinen Nutzen hat.

Nur wenigen gelingt die Flucht. In Deutschland wurden im vergangenen Jahr 33 000 Anträge auf Asyl gestellt. Doch am Leben dürfen diese Migranten nicht teilnehmen. Wie ihr Leben aussieht, das dokumentiert der Film »Mesobeli«, den die Regisseurin Amelie von Marschalck auf dem Festival zeigte. Die Ethnologie-Studentin wohnt vis-à-vis von einem Flüchtlingsheim in Hamburg und drehte einen Film über ihre Nachbarn Aleksandre und Dawit.

Die Brüder verließen vor sechs Jahren Georgien, weil der bewaffnete Konflikt in Südossetien sich zuspitzte und immer mehr Zivilisten in den Tod riss. Nun sind sie zwar in Sicherheit, doch nur bis auf Widerruf geduldet. Mit der drohenden Abschiebung müssen sie leben, in ihrem Heim mit gekachelten Wänden und grellem Licht. 70 Personen wohnen in dem zweigeschossigen Bau. Vor der Tür ein Kinderspielplatz und rissiger Straßenbelag.

Am Tropf der Behörden

Wer hier ankommt, ist in der Warteschlange. Asylbewerber dürfen nicht arbeiten, haben kein Geld und keine eigene Existenz, sondern hängen am Tropf der Ausländerbehörde und schlagen die Zeit tot. »Hier passiert nichts«, sagt Aleksandre. »Wir dürfen uns nicht entwickeln. Das ist kein Leben, sondern alt werden.« Der Film porträtiert zwei Einzelfälle aus Georgien; andere Flüchtlinge könnten ähnliche Geschichten erzählen.

Immer wieder berichten die Geduldeten, wie die tägliche Leere aufs Selbstwertgefühl drückt. Viele fühlen sich zudem von den Behörden gegängelt und haben Angst vor Diskriminierung und Anfeindungen auf der Straße. »Asylant« ist in Deutschland noch immer ein gängiges Schimpfwort. Nur vor diesem Hintergrund ist die Dankbarkeit der georgischen Brüder gegenüber ihrer Nachbarin zu verstehen, weil sie sich für ihr Leben interessiere und ihnen mit Respekt begegnet sei.

Das sei bereits ein wichtiger Schritt, findet Osaren Igbinoba. Wer nur für seine eigene Lohnerhöhung kämpfe, der könne sich nur schwer vorstellen, dass es auch Menschen gebe, die gar kein Geld bekommen, obwohl sie schon seit 15 Jahren in Deutschland lebten. Auf der anderen Seite kennt Igbinoba auch Flüchtlinge, denen die Geduld fehle, über ihr eigenes Schicksal hinaus zu denken. »Aber es ist wichtig, die alltägliche Vereinzelung zu durchbrechen«, meint er.

Das habe das dreitägige Festival erreicht. Nun werde die »Karawane« ihren Weg weitergehen, zusammen mit »The Voice«. »Wir brauchen keinen neuen Martin Luther-King, wenn wir solche solidarischen Communitys haben«, sagt Igbinoba und macht bereits den nächsten Schritt ihrer Bewegung aus: Das Netzwerk soll weitergestrickt werden und noch mehr Leute ansprechen.

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