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Eiszeit auf der Halbinsel

Nord- und Südkorea vor dem Scherbenhaufen ihrer Beziehungen

Nordkorea hat in einem Brief an den UNO-Sicherheitsrat den Vorwurf zurückgewiesen, ein Kriegsschiff aus Südkorea versenkt zu haben. Es hätte Folgen, sollte sich der Sicherheitsrat mit einem entsprechenden südkoreanischen Untersuchungsbericht befassen. Das Schreiben wurde am Mittwoch veröffentlicht. Die Korvette »Cheonan« war am 26. März im Gelben Meer gesunken.
Nordkoreanischer Soldat an Waffenstillstandslinie in Panmunjom
Nordkoreanischer Soldat an Waffenstillstandslinie in Panmunjom

Faktisch stehen die innerkoreanischen Beziehungen vor einem Scherbenhaufen. Das in den vergangenen Jahrzehnten mühsam errichtete Geflecht gegenseitiger Kontakte ist zusammengebrochen.

Nordkorea hat nach eigenem Bekunden nicht nur den Sicherheitspakt an der Seegrenze für »null und nichtig« erklärt, es kappte auch den »heißen Draht« zwischen den Seestreitkräften beider Länder. Das einzige gemeinsame Wirtschaftsprojekt in der nordkoreanischen Grenzstadt Kaesong, wo südkoreanische Industrieunternehmen billige nordkoreanische Industriearbeiter beschäftigen, läuft auf Sparflamme, streng beaufsichtigte koreanisch-koreanische Familientreffen oder Touristenreisen von Südkoreanern in das nordkoreanische Diamantgebirge gehören der Vergangenheit an.

Ende der »Sonnenscheinpolitik«

Die Rückkehr zur innerkoreanischen Eiszeit zeichnete sich seit der Amtsübernahme des konservativen Staatspräsidenten der Republik Korea, Lee Myung Bak, im Februar 2008 ab. Lee zeigte sich nicht bereit, die »Sonnenscheinpolitik« seiner liberalen Vorgänger gegenüber der Demokratischen Volksrepublik Korea (DVRK) fortzusetzen. Er setzte auf Härte und verband wirtschaftliche Zusagen mit der Forderung nach Aufgabe des nordkoreanischen Atomprogramms. Damit stieß er jedoch beim nordkoreanischen Machthaber Kim Jong Il auf Granit. Nordkorea intensivierte stattdessen seine atomare Aufrüstung und will als Nuklearstaat in der Welt respektiert werden.

Südkorea reagierte mit kleinen und größeren Nadelstichen. So ließ Seoul privaten Organisationen freien Lauf, die Ballon- und Flugblattaktionen gen Norden unternehmen, CDs mit Propagandatexten sollen dorthin geschmuggelt werden. Auf jeden noch so kleinen Versuch reagiert Pjöngjang mit Hysterie und Drohungen. Sollte der Süden, wie angekündigt, wieder mit der »psychologischen Kriegsführung« in Form von Lautsprecherübertragungen an der Grenze beginnen, dürfte dies zu einer neuen Eskalation der Propagandaattacken führen.

Dass die DVRK tatsächlich ein militärisches Abenteuer sucht, erscheint indes eher unwahrscheinlich, denn das Land will der Welt beweisen, dass es aus eigener Kraft auf dem Weg zu einer »großen aufstrebenden und aufblühenden Macht« ist. Im kommenden Jahr jährt sich der 100. Geburtstag des »ewigen Präsidenten« Kim Il Sung. Mit »großen Neuerungen« und »großen Sprüngen« wird er vorbereitet. Die Nation soll nach dem Willen der Führung schon jetzt in einen gigantischen Freudentaumel versetzt werden.

Nordkorea ist ein Sonderfall der internationalen Gemeinschaft. Nach außen völlig abgeschottet, dient die Kriegspropaganda vor allem der Mobilisierung der eigenen Bevölkerung, allen inneren Schwierigkeiten zum Trotz durchzuhalten. In ihren Nachrichten über die Aktivitäten von Staatschef Kim Jong Il wird heroischer Alltag demonstriert.

So gab es in den vergangenen 14 Tagen wieder mehrere »Vor-Ort-Anleitungen« durch den »Geliebten Führer«. Er besuchte die Baustelle des Kraftwerks Orangchon, die Kaninchenzuchtstation Chongjin, die Maschinenfabrik Kwanmobong, die Hochschule für Chemieindustrie in Hamhung und den künstlerischen Agitproptrupp der 963. Truppe. Ein Frauenquintett sang dabei »Dem Heerführer dienen« und es wurde ein Potpourri von Liedern aus der Kriegszeit dargeboten: «Mein Gesang im Schützengraben«, »Auf zum Entscheidungskampf«, »Der Weg zum Sieg«. Friede und Harmonie nach innen, Kampfbereitschaft bis zur Selbstaufopferung gegen alle Feinde. Und die sitzen in den USA, Südkorea und Japan.

Ein fataler Untergang im Gelben Meer

Mit dem Untergang der »Cheonan«, bei dem 46 südkoreanische Marinesoldaten getötet wurden, kam die ganze Zerbrechlichkeit des seit 1953 geltenden Waffenstillstands an der Demarkationslinie ans Tageslicht. Formell befinden sich beide Seiten noch immer im Kriegszustand. Doch statt die Nordkoreaner in die Untersuchungen des Geschehens mit einzubeziehen, organisierte Südkorea eine internationale Kommission, die dann erwartungsgemäß zu dem Ergebnis kam, dass das Schiff von einem nordkoreanischen Torpedo chinesischer oder russischer Bauart versenkt wurde. Warum die Nordkoreaner nicht eingebunden waren, bleibt südkoreanisches Geheimnis. Deshalb ist der Verdacht nicht aus der Welt, dass der Süden die Ergebnisse manipuliert haben könnte, um Nordkorea weiter in die Enge zu treiben.

Genauso töricht die Reaktion Nordkoreas. Man werde unverzüglich eine eigene Expertendelegation an den Ort des Geschehens entsenden, um selbst die Lage beurteilen zu können. Eine solche Delegation ist nie vor Ort angekommen, da es keinerlei Absprachen gab und Nordkorea wohl auch nie die Absicht hatte, sich ernsthaft an der Untersuchung zu beteiligen.

Stattdessen wurde nach nordkoreanischen Angaben in Pjöngjang eine »internationale« Pressekonferenz abgehalten, auf der »eindeutige Beweise« der südkoreanischen Schuld am Untergang des Schiffes vorgelegt wurden. Genannt wurden sie nicht. Ein nicht näher bezeichneter »militärischer Kommentator« kam zu dem Schluss: »Alle Tatsachen beweisen, dass die ›Ansicht vom Torpedoangriff des Nordens‹ eine infantile Intrige der Verräterclique gegen unsere Republik ist, die darauf zielt, die Angehörigen der eigenen Nation mit gemeiner Absicht und mit übler Gesinnung zu verunglimpfen und zu erdrosseln, und die eine Clownerie offener Konfrontation ist.«

China als letzter Verbündeter Nordkoreas zeigt nach außen keine besonderen Aktivitäten, um die Lage in der unmittelbaren Nachbarschaft zu entschärfen. Zwar hat Chinas Staatschef Wen Jiabao alle Beteiligten im Koreakonflikt zur Zurückhaltung aufgerufen, sich aber weder auf die eine noch die andere Seite gestellt. Doch beim jüngsten China-Besuch Kim Jong Ils im Mai dürften die Chinesen schon deutliche Worte zum nordkoreanischen Säbelrasseln gefunden haben. Den üblichen Festreden fehlte es nicht an revolutionärer Rhetorik, doch China verzichtete auf jeden Hinweis zur militärischen Solidarität mit dem Nachbarn. Die Volksrepublik kann mit dem Status quo gut leben, will weder den Puffer Nordkorea verlieren noch die Handelspartner Südkorea und Japan brüskieren.

Somit dürfte es auch keine Verurteilung von Nordkorea durch den Sicherheitsrat oder Sanktionen der UNO wegen des Zwischenfalls im Gelben Meer geben und der Konflikt auf hohem Niveau weiterköcheln.

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