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Grenzüberschreitung am Kap

Fast 20 Jahre nach dem formellen Ende der Apartheid leben Weiße und Schwarze oft noch immer in getrennten Welten. Durchbricht man die Mauer aus Vorurteilen, kann es passieren, dass man umarmt wird und zu hören bekommt: »Danke, dass ihr euch für uns intere

  • Von Katrin Rohnstock
  • Lesedauer: 16 Min.

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»Die Karten verkaufen sich nicht!«, klagte ein deutscher Manager, der nach Kapstadt gekommen war, um für deutsche Betriebe und Institutionen Spezialreisen rund um die Fußball-Weltmeisterschaft zu organisieren. »Die Leute haben zu viel Angst vor der Kriminalität hier!«

Wer als Tourist Kapstadt besucht, empfindet diese Angst bald als übertrieben. Hält man sich an einige Vorsichtsmaßnahmen – beispielsweise bei Dunkelheit nicht allein auf die Straße zu gehen –, dann kann man ansonsten das Leben genießen.

Auch wir waren von Freunden und deren Verwandten vor der »horrenden Kriminalität« gewarnt worden, die hierzulande nicht nur in den Medien, sondern auch in den Köpfen das Südafrika-Bild prägt. Wir fuhren trotzdem und trafen auf Weg und Steg deutsche Individualtouristen; darunter viele, die seit Jahren immer wieder kommen und sich offenbar von den Schauergeschichten nicht beeindrucken lassen. In diesem Sommer (der dem europäischen Winterhalbjahr entspricht) kamen zum ersten Mal weniger Besucher als im Vorjahr. Ob dies eine Folge der Krise ist oder Südafrika-Reisewillige sich ihren Trip für die – im südafrikanischen Winter stattfindende – Weltmeisterschaft aufsparen, weiß niemand so genau.

Das Vermieterehepaar unseres Appartments war 1957 aus Hamburg nach Südafrika gekommen. Das Apartheid-Regime wollte der zahlenmäßigen Überlegenheit der schwarzen Bevölkerung entgegensteuern und warb über Anzeigen um weiße Einwanderer. Für 75 DM konnten auswanderwillige Deutsche den Flug, ein Visum und kostenlose Hotelunterbringung für 14 Tage erhalten. Südafrika gefiel den beiden Hamburgern. »Weißen ging es ja gut damals«, sagen sie. Und so blieben sie, schlugen sich als Buchhalterin und Feinmechaniker durch, bis nach dem Ende der Apartheid der Tourismus einen Aufschwung erlebte.

Über die Jahre haben sie fünf Appartements ausgebaut, die in der Hochsaison bisher immer ausgebucht waren. So konnten sie sich im letzten Jahr noch zwei elektrisch öffnende und schließende übermannshohe Tore zum Absperren ihres Grundstückes leisten. Auch all ihre Nachbarn haben hohe Mauern um die Gärten errichten lassen – vorzugsweise mit Kameraüberwachung. Diese garantiert eine Rund-um-die-Uhr Überwachung; sollte die Alarmanlage losgehen, rückt sofort ein bewaffneter Sicherheitstrupp an.

Dieser Service ist nicht billig. Wer es bezahlen kann, mauert sich ein. Fragt man also die weiße Oberschicht nach der Kriminalität, werden die schlimmen Nachrichten der deutschen Presse bestätigt. Am meisten profitiert die Sicherheitsindustrie von dieser Angst und hat demzufolge ein großes Interesse am Misstrauen zwischen Schwarz und Weiß, Arm und Reich. Ein Großteil der Straftaten ereignet sich indessen in den Townships. Dort leben keine Weißen, und Touristen, die eine der angebotenen Touren durch die Townships buchen, sind gern gesehen, weil sie ein bisschen Geld bringen. Beklaut werden sie – wenn überhaupt – meist in Folge eigenen Leichtsinns.

Natürlich haben unsere Gastgeber ein Schwimmbecken, obwohl das Wasser, wie sie erzählen, teuer ist. Das liegt an der Berechnungsgrundlage, die von der Regierung beschlossen wurde. Ab einem bestimmten Verbrauch potenziert sich der Preis. Das ärgert unseren Vermieter, denn damit würden eindeutig die Swimmingpool-Besitzer benachteiligt. Luxus kostet eben.

Und noch etwas Wesentliches erfahren wir: Fußball, das ist in Südafrika ein Sport der Schwarzen. Weiße spielen und schauen Rugby. Deshalb waren die meisten alteingesessenen Weißen von Anfang an gegen die Weltmeisterschaft in »ihrem Land«. Sie prophezeihten auch sofort, dass das Turnier nur schief gehen könnten – schließlich sei es ein Projekt der neuen Regierung. »Das ganze Geld für die Stadien hätte man besser in Schulen gesteckt«, sagt unsere Vermieterin. »Es ist doch ein Elend, dass die Schwarzen so ungebildet sind.« Dass die Summen, die für die Stadien und den Ausbau der WM-Infrastruktur investiert wurden, gar nicht für Bildungszwecke hätten locker gemacht werden können, übersehen sie.

In unserem Viertel leben keine Schwarzen; sie kommen nur her, um zu arbeiten. Sie wohnen am Berghang gegenüber in einem Township. Auf Xhosa, der meistgesprochenen afrikanischen Sprache am Kap, heißt das Viertel Imizamo Yethu. Mitten in die attraktiven Gebieten (die teuer und damit den Weißen vorbehalten sind) hinein wurde nach 1994 die Siedlung gebaut: kleine Einfamilienhäuser aus Beton, geplant für 3000 Bewohner. Inzwischen leben etwa 30 000 Menschen hier, die genaue Zahl ist wie in den meisten Townships nicht bekannt. Und jeden Tag kommen neue dazu: aus den Dörfern des Landes, aber auch aus anderen Ländern – aus Simbabwe, Mocambik, Malawi.

Unsere Vermieter sind noch nie in Imizamo Yethu gewesen, obwohl ihre Hausmädchen und der Gärtner von dort kommen und es Führungen durch das Township gibt. Aber das, meinen die Weißen, ist nur etwas für Touristen. Wandelt man am Kap auf Touristenpfaden, dann trifft man vor allem Weiße: auf dem Tafelberg und in den wunderschönen Weingütern, in den Restaurants und Hotels. Überall dort, wo ordentlich Geld ausgegeben und verdient wird, arbeiten und vergnügen sich Weiße. Schwarze sind Parkwächter, Zeitungs- oder Kunstverkäufer – oder sie warten stundenlang am Straßenrand auf Arbeit.

Ich möchte nach Imizamo Yethu, aber nicht auf Touristenpfaden. Ich frage unsere neue Haushälterin, die ein bisschen schüchtern wirkt. Nelly, 27 Jahre jung, spricht gutes Englisch und ich frage sie, ob sie uns ihr Viertel zeigen würde: »Komm in mein Haus!« sagt sie strahlend.

Am nächsten Tag kaufen wir für zehn Kinder Schokolade und Früchte und treffen uns mit Nelly am Eingang zum Viertel, gleich neben der Polizeistation. Der Kopf schwirrt uns vor Warnungen: »Geht da bloß nicht hin! Das ist gefährlich!« Hier gibt es zwar keine Sicherheitsmauern, aber eine riesige Mauer aus Vorurteilen versperrt vielen noch immer den Zugang zum Viertel.

Schon an der Straßenmündung stehen dicht aneinander gedrängte Wellblechhütten: Hier beginnt eine andere Welt. Wir laufen mit Nelly, die ihre 15-jährige Nichte mitgebracht hat, die Straße hinauf: Nelly kam vor drei Jahren mit ihrem Mann aus der Transkei im Osten Südafrikas, von wo auch Nelson Mandela stamm. Sie folgten ihrer Mutter und den drei Geschwistern, die fünf Jahre zuvor das Dorf verlassen hatten. Dort reichten die Ernten nicht, um satt zu werden und Arbeit gab es auch nicht genug. Voller Hoffnung zogen sie in die Stadt.

Ein Auto bahnt sich hupend den Weg durch die Menge. Mit offenen, lachenden Gesichtern werden wir von allen Seiten begrüßt. Die Türen der Shags – so heißen die nur aus Bauabfällen gebauten Wellblechhütten – stehen offen, die Leute stehen plaudernd davor oder sie sitzen drinnen beieinander. Hier passt der Spruch: »Die Europäer haben die Uhren, die Afrikaner haben die Zeit.« Die meisten sind neugierig, viele scheinen sich zu freuen, dass wir ihr Viertel besuchen, denn Weiße lassen sich eher selten blicken. Nelly und ihre Nichte erzählen jedem, der nach uns fragt, dass wir Freunde sind.

Bald kommen wir an den europäischen anmutenden, aus Beton gebauten Einfamilienhäusern vorbei. Die wurden von einem niederländischen Architekten entworfen, der den Südafrikanern angesichts der niederländischen Kolonialgeschichte etwas zurückgeben wollte. 2,7 Millionen Wohnhäuser sind seit Ende der Apartheid im ganzen Land entstanden, lesen wir auf einem Plakat.

Wir biegen in eine Seitenstraße: Da sind wir. »That's my mum«, weist Nelly vor der Tür eines Steinhauses auf eine kleine stämmige Frau, die uns lachend empfängt. Kleine Kinder wuseln um ihre Beine; eines davon ist Nellys dreijährige Tochter, die anderen kommen aus der Nachbarschaft. In der gut eingerichteten Wohnstube mit Couch und zwei Sesseln, die viel zu groß geraten sind, begrüßen uns der Cousin und die Nachbarin. Wir sind überrascht von dem hübschen Haus, stellt man sich doch hierzulande unter einem Township eher etwas wie einen Slum vor. Mum hat das Haus vor drei Monaten vom Staat bekommen, weil sie mit Mitte 50 als alt und unterstützungswürdig gilt. (Jeder zweite Südafrikaner ist jünger als 15 Jahre.) Stolz nimmt uns Mum, die ein paar Brocken Englisch, vor allem aber Xhosa, die Sprache ihres Stammes, spricht, bei der Hand und zeigt uns ihr Reich: das Bad mit Wanne und Toilette; sie dreht den Wasserhahn des Waschbeckens auf, als könne sie noch gar nicht glauben, daß es fließendes Wasser gibt; das Zimmer ihres jüngsten Sohnes Sanele; Herd, Spüle, Anrichte und Kühlschrank sind in die Wohnstube integriert. 500 Rand (etwa 52 Euro) werden monatlich fällig, um den Kredit abzuzahlen. Da Nellys Mutter kein Einkommen hat, legt die Familie zusammen.

Nelly hat ihren neuen Putzjob schon wieder verloren. 120 Rand (12 Euro) pro Tag – für acht Stunden – das sei der übliche Verdienst. Nelly wollte 150 Rand, also drei Euro mehr. Die Arbeit sei schwer und es gebe viel zu tun, erklärt sie uns. Wie wir später erfahren, fand das unsere Vermieterin ungeheuerlich – »Die sollen doch froh sein, wenn sie überhaupt Arbeit bekommen!« – und feuerte sie gleich am Ende des ersten Tages. Mums und Nellys Gesichter verdunkeln sich: Die Arbeitslosigkeit ist ein großes Problem. Entgegen ihren Hoffnungen ist es schwer, einen Job zu finden. Aber man braucht ja Geld, um zu essen. Weil es keinerlei Unterstützung vom Staat gibt, muss jeder sehen, wie er durchkommt. Sie beten jeden Tag zu Gott.

Mum sagt: »Ich habe Erfahrung im Putzen.« Da kommt Sanele, der jüngere Bruder von Nelly und leidenschaftlicher Sänger von christlichem Pop – einer Musik, die hier sehr beliebt ist. Er hat im Sommer Abitur gemacht und arbeitet nun in einer Pizzeria. Wenn er am Abend nicht arbeiten muss, probt er mit seiner Band für die nächsten Auftritte. Gemeinsam mit Freunden hat er sie vor zwei Jahren gegründet.

Stolz zeigt er uns eine CD, die gleich in den CD-Player geschoben und laut aufgedreht wird. Sanele schreibt die Liedtexte selbst; Mum kennt jedes Lied auswendig, sie singt hingebungsvoll mit und klatscht und tanzt. Auch die Kinder und Nelly und alle anderen machen mit, ihre Körper sind Musik. Auch wir werden von unseren Sesseln gezogen und tanzen und summen und lachen. Im Handumdrehen wird die kleine Stube zum Festsaal. Sanele würde gern Journalistik studieren, aber die Studiengebühren von 6000 Rand pro Jahr sind für die Familie unerschwinglich. Er will versuchen, ein Stipendium zu bekommen, aber davon gibt es nur wenige. Auch Nelly und ihre Schwester, die bei einer deutschen Familie die Kinder hütet, würden gern noch etwas lernen.

Wir wollen durchs Viertel spazieren, wir wollen auch Nellys Haus kennen lernen. Nur Nelly ist von dieser Idee nicht gerade begeistert. Sie wohnt mit ihrem Mann und der Tochter weit oben am Berg. Wir laufen die Hauptstraße hinauf, an Friseur-Containern, kleinen Lebensmittelgeschäften, Gemüseständen und Containern für Telekommunikation vorbei. Irgendwann biegen wir von der betonierten Straße ab, schlängeln uns auf schmalen Trampelpfaden zwischen den kreuz und quer hingestellten Shags hindurch.

Als informell wird die wild gewachsene Besiedlung der permanent hinzukommenden Neuankömmlinge bezeichnet. Hier baut sich jeder seine Hütte so, dass die Nachbarn leben können. Andere Regeln gibt es nicht. Das Baumaterial besteht aus Bauabfällen, die nichts kosten. Denn wer hier herzieht, egal ob vom Lande oder aus den Nachbarländern, hat kein Geld. Einige der hochgewachsenen Nadelbäume wurden stehen gelassen, so dass es erholsamen Schatten gibt. Es riecht nach Wald und nach Urin.

Endlich erreichen wir Nellys Haus. Sie öffnet das kleine Vorhängeschloss an der Holztür, das das Haus vor unerlaubtem Zugang schützen soll. Wir treten in eine winzige fensterlose Küche. Nur ein Regal trennt die Küche von der Stube, die eigentlich diesen Namen nicht verdient. Der Fernseher läuft, wie immer. Übers Energiesparen macht sich hier keiner Gedanken, solange irgendwoher Geld für den Strom aufgetrieben werden kann. Daneben der Schlafraum: ein Ehebett – das fast so schmal ist wie ein europäischen Einzelbett und in dem auch die kleine Tochter schläft – und ein Schrank. Die Kleine, eben noch so lustig, fängt an zu quengeln: Nelly setzt sie auf einen Eimer; der Urin wird danach über das Geländer auf einen Trampelpfad entsorgt. Hier, im informellen Teil des Townships, gibt es keine Toiletten, kein fließendes Wasser und erst recht keine Müllabfuhr.

Wir gehen zurück, den Berg hinunter. Nelly zeigt uns die Kirche, die auf einem kleinen Hof eine Werkstatt für ein Selbsthilfeprojekt zur Verfügung stellt. Der Leiter des Projektes, ein Bewohner des Township, begrüßt uns freundlich. Er kümmert sich um das Projekt, ohne dafür bezahlt zu werden, und schnitzt mit Jugendlichen wunderbare Holzfiguren, die sie auf den Kunstmärkten verkaufen: Nilpferde, Giraffen, Perlhühner. Heute ist er allein und muss neues Holz besorgen. Es muss hartes Holz sein, aber das, erzählt er, kommt von weither und ist teuer.

Die Familie bringt uns noch bis zur Polizeistation, an der das Township endet und die Welt der Weißen wieder beginnt. Wir sprechen darüber, was man gegen die Arbeitslosigkeit tun kann. »Die Regierung tut viel, aber es reicht nicht«, sagen Nelly und ihre Schwester. Sie umarmen uns: »Danke, dass ihr uns besucht habt. Das ist ein sehr wichtiger Tag in unserem Leben. Es macht uns stolz, dass ihr euch für uns interessiert.«

Vor unserem nächsten Besuch kaufen wir mit Nelly und ihrem Bruder im Supermarkt ein. Sie entscheiden, was gekauft wird und sollen für jedes Familienmitglied noch ein Geschenk aussuchen. (Das hatte ich mir zu DDR-Zeiten immer gewünscht: dass einmal eine West-Tante oder ein West-Freund mit mir in den Intershop geht und sagt: Such dir aus, was dir gefällt! Ich hatte keine kostspieligen Wünsche; Fa-Seife und –Spray war damals ganz modern, Kakao und Schokolinsen hätte ich gewählt.) Und genauso tut das Nelly jetzt: Schokolinsen für ihre kleine Tochter hatte sie schon neben den Salat in den Korb gelegt, nun sucht sie nach einem Spray für die Schwester, einer Seife für die Nichte, einer Creme für Mum. Wir testen alles, sprühen und schmieren uns ein. Und was hat Nelly für sich selbst ausgesucht? Sich selber hätte sie beinahe vergessen. Sie überlegt lange, schnuppert und sucht und verwirft und probiert aufs Neue. So wäre es mir im Intershop auch gegangen.

Sanele kocht, unterstützt von seinen beiden Schwestern, in riesigen Töpfen ein afrikanisches Essen aus Reis, Kartoffeln, Hühnchen und Möhren. Und zur Feier des Tages: Nudelsalat mit viel Mayonnaise. Es ist köstlich. Und obwohl immer mehr Nachbarskinder wie aus dem Nichts auftauchen, reicht es für alle. Es reicht immer für alle. Teilen ist ein Überlebensgebot. Es ist das Erste, was afrikanische Kinder lernen: Egal, was ein Kind bekommt, es teilt. Die sechs, sieben Kinder essen in der Schlafstube, es ist mucksmäuschenstill – so gut schmeckt es allen.

Wie man sein Schicksal selbst in die Hand nimmt, das lernen wir bei Lebo in Soweto, dem größten Township Südafrikas, das wir von Johannesburg aus besuchen. Der 27-Jährige eröffnete vor drei Jahren in dem Haus, das er von seinen Großeltern geerbt hatte, »Lebo's Backpacker« – eine Herberge – und einen Fahrradverleih. Weil es ihn wütend gemacht hat, jeden Tag die vollklimatisierten Reisebusse durch das Township fahren zu sehen; darin die Touristen, wie sie hinter verschlossenen Fenstern die Anwohner wie in einem Zoo fotografierten.

Die besten Busse haben übrigens die Deutschen, erzählt uns Lebo abends am Lagerfeuer: Fünf Sterne, wie ein Hochsicherheits-Truck verbarrikadiert. Er weiß, was die Reiseführer den Touristen sagen: »Kontrollieren sie ihre Fenster, ob sie auch ganz verschlossen sind, alle Türen sind gut verriegelt ...«

Das nervt Lebo. Er will, dass die Touristen aussteigen, die Atmosphäre schnuppern und den Menschen begegnen. Deshalb hat er den »Backpacker« eröffnet. Jeden Abend sitzen alle beieinander um das Feuer, das im Gärtchen entfacht wird. So bequem kommt der Gast nirgendwo in Kontakt mit Einheimischen.

Wir erfahren von den vier Guides, dass sie alte Freunde von Lebo sind, gemeinsam in der Nachbarschaft aufwuchsen. Sie haben in Johannesburg drei Jahre Tourismus studiert und es war ein großes Glück für sie, dass Lebo den »Backpacker« und die Fahrradtour aufgebaut hat. So haben sie eine schöne und sichere Arbeit. Die Jungs sind ziemlich stolz darauf, dass die Fußball-Weltmeisterschaft dieses Mal in Afrika stattfindet. Das Stadion, in dem das Eröffnungsspiel und das Finale ausgetragen werden, liegt gleich nebenan. Wie allen hier ist es ihnen sehr wichtig der Welt zu zeigen, was man in Afrika auf die Beine stellen kann.

Die geführte Fahrradtour durch Soweto ist die Haupteinnahmequelle des kleinen Unternehmens. Unser Guide führt uns durch große Siedlungen mit kleinen Einfamilienhäusern. Die Straßen sind tagsüber leer; die Leute sind zur Arbeit und kommen erst am Abend nach Hause. Wieder einmal sind wir überrascht, wie sauber und gepflegt alles ist. Plötzlich wechselt die Szenerie. Keine betonierten Straßen mehr; viele Menschen schauen und sitzen an kleinen improvisierten Verkaufsständen oder vor länglichen, niedrigen Häuserreihen.

Wir sind im Hostel angelangt, einem Viertel, das Anfang des letzten Jahrhunderts gebaut wurde, um die Arbeiter aus den umliegenden Goldminen unterzubringen. Hier durften damals nur Männer leben. Vier Männer in einem kleinen Raum, Wasser gibt es aus dem Hahn auf der Straße, Toiletten – zu wenige für die vielen Menschen – sind hundert Meter entfernt. Nach dem Ende der Apartheid haben die Männer ihre Familien nachgeholt. An den Umständen hat sich aber wenig verändert, erzählt uns Bongani Mazibuko. Der junge Mann zeigt uns sein »Appartment«, das er mit seinem Bruder teilt. Den lehmigen Fußboden hat er mit Mosaiken aus Kachelresten verziert.

Nun möchte er den kleinen Raum malern und für sein Projekt Soweto Development Community Center zur Verfügung stellen. Sein Konzept: Jeder kann etwas, und das kann er anderen beibringen. Sich gegenseitig zu »teachen«, das will er organisieren. So will er auch Ausländer anlocken, die ihr Wissen weitergeben und gemeinsam mit den Einheimischen Ideen entwickeln, was man für die Community tun kann. Auch hier Veränderungswille und Aufbruchstimmung.

Das ist genau das Richtige für Rucksackreisende, von denen nicht wenige in Südafrika nach Möglichkeiten suchen zu helfen. Italiener, Franzosen, Deutsche, Australier sind auf der Suche nach einer sinnvollen Aufgabe. Die einen haben gerade das Abitur gemacht, andere haben ihren Job verloren oder als unsinnig erkannt und hingeschmissen. Kluge, gebildete, zum Teil gut verdienende junge Frauen und Männer. Doch es gibt zu wenige Möglichkeiten. Es bedürfte eines Managements dieser Hilfswilligen, einer Vermittlungsstelle zwischen Hilfebedürftigen und Hilfsbereiten. Wer in ein Projekt hineinkommt, wird von den Afrikanern genauso viel lernen, wie er selbst weitergibt.

Manchmal wird aus dem Wunsch ein gutes Projekt: »Stars of tomorrow« hat der Ostberliner Kai Hill, 43 Jahre, Geschäftsführer einer Werbeagentur, sein Projekt genannt, das nun mit der Universität Stellenbosch kooperiert. Als Kai vor ein paar Jahren Südafrika besuchte, war er von den Menschen so beeindruckt, dass er beschloss, für dieses Land etwas zu tun. Nach Berlin zurückgekehrt, gründete er sein Projekt. Waisen und Schutzbedürftige werden mit Hilfe von Fußball über die Gefahren von HIV/AIDS aufgeklärt. So werden den Kindern aber auch Werte wie Teamgeist und Fair Play vermittelt, sie tanken Selbstbewusstsein und Motivation. Vor der Weltmeisterschaft interessierte sich neben vielen Firmen und Institutionen die Hilfskampagne »Ein Herz für Kinder« für das Projekt. Spendengelder fließen, so dass Kai Hill schon viele Kinder einbeziehen konnte. 2010 Kinder sollten es bis zur WM werden. Vielleicht entdecken während der Weltmeisterschaft auch deutsche Touristen bei Hills Projekt, was Fußball bewirken kann.

In Johannesburg lernen wir auch Carol kennen. Sie arbeitet seit über 30 Jahren in einem Büromöbel-Vertrieb und war – außergewöhnlich für eine schwarze Frau – schon in Apartheid-Zeiten stellvertretende Chefin. Ihr Arbeitgeber hat sie nie spüren lassen, welche Hautfarbe sie hat, erzählt sie. Aber sobald sie auf die Straße trat, war die Wirklichkeit wieder präsent. Die ANC-Regierung ermöglicht ihr ein gleichberechtigtes Leben.

Wir holen sie von ihrer Arbeit ab. Es ist Freitag, und wie jeden Freitag bis zum WM-Anpfiff trägt die gesamte Belegschaft ein Fußballtrikot. Den Menschen hier sei das sehr wichtig, erzählt Carol. Sie und ihre Kollegen, Nelly und ihre Familie, Lebo und seine Guides, die »Stars of tomorow« – sie alle hoffen, dass die Welt nach Südafrika kommt und die Besucher sich ein eigenes Bild von diesem Land machen. Und dass die Weltmeisterschaft auch ihnen persönlich etwas Glück bringt.

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