Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

Panoptikum des Leids

In der Ausstellung der besten Pressefotos von 2009 dominieren Gewaltdarstellungen

Errang den zweiten Preis: Barack Obama bei der Vereidigung
Errang den zweiten Preis: Barack Obama bei der Vereidigung

Drei rufende Frauen auf einem nächtlichen Hausdach wurden von der 19-köpfigen Jury des World Press Photo Wettbewerbs zum Pressefoto des Jahres 2009 gekürt. Es ist ein rätselhaftes, nicht leicht erschließbares Bild, das da in der Ausstellung »World Press Photo Award« im zweiten Stock des Willy-Brandt-Hauses gezeigt wird. Es zeigt drei verloren wirkende Frauengestalten, von denen eine aufgrund ihrer Bewegung nur undeutlich zu erkennen ist.

Beeindruckend ist vor allem die Geschichte hinter dem Bild. Der italienische Fotograf Pietro Masturzo hielt sich im Juni 2009 in Teheran auf. Er fotografierte die Demos, die nach der Bekanntgabe des umstrittenen Wahlsiegs von Präsident Ahmadinejad die Straßen füllten. Er geriet dabei in Polizeigewahrsam. Sein Equipment wurde beschlagnahmt, die Fotos gelöscht und ihm die Freilassung nur unter der Bedingung gestattet, nicht wieder zu fotografieren. Auf die Straße traute Masturzo sich mit der Kamera nicht mehr. Aber er erfuhr von der Protestbewegung der nächtlichen Rufer. 30 Jahre zuvor hatten die Gegner des Schahs, denen Demonstrationen auf den Straßen verboten waren, ihren Unmut im Schutz der Nacht auf den Dächern ihrer Häuser kund getan. 2009 erfuhr diese Tradition eine unerwartete Wiederbelebung. Masturzo hielt die Gesichter der Rufenden mit Bedacht unscharf. Es macht den Eindruck, als ahnte er, was den Menschen widerfährt, die der Welt – und damit auch dem Teheraner Sicherheitsapparat – als Opponenten bekannt gemacht werden.

Gleich neben Masturzos Serie hängen Aufnahmen von Olivier Laban-Mattei. Er bildet die Gewalt der iranischen Auseinandersetzungen direkt ab. Laban-Mattei erhielt Nachrichten von einzelnen abgebildeten Personen, dass seine Fotos ihnen das Hochzeitsfest genommen hätten, sie fliehen mussten oder bereits in den Händen der Schergen gelandet seien. Sie klagten ihn nicht an, aber sie wollten auch, dass der Fotograf von den Folgen für die Abgebildeten erfuhr, erzählt Sander Goudswaard von der Stiftung World Press Photo, der in Berlin die Ausstellung betreut.

Gewalt ist das vorherrschende Motiv dieser Fotoschau. Gleich neben dem Iran-Komplex hängen fotografische Zeugnisse des Konflikts in Palästina. Wenige Schritte weiter folgt der Fotograf Marco Vernasco den Spuren der Zerstörung, die der Kokainhandel vor der Küste von Guinea-Bissau dem afrikanischen Land beschert. Bewaffnete Männer, die angeblich den in Drogenkriege verstrickten Präsidenten Joao Bernardo Vieira getötet haben, posieren stolz.

Lebensbejahende Aspekte weist die Ausstellung immerhin auch auf. Francesco Giusti porträtiert Entertainer in Brazzaville, Kitra Cahana war beim Rainbow Gathering dabei, als sich nackte Menschen mit Lust in den Schlamm warfen. Doch das Leid bleibt der Rahmen dieser Ausstellung, für die eine Jury aus 101 960 eingesandten Fotos in einem mehrstufigen Verfahren insgesamt 63 Positionen ausgewählt hat. Der Mensch, so demonstriert diese Überblicksschau der Pressefotos, ist der fürchterlichste Feind jeder Kreatur – sich selbst eingeschlossen.

Bis 1. Juli, Willy-Brandt-Haus, Stresemannstr. 28, Ausweis erforderlich, www.worldpressphoto.org

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln