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Parole: Nicht spalten lassen

Judith Butler plädiert in der Berliner Volksbühne für eine neue Bündnispolitik

Sie ist ein intellektueller Rockstar. In der vergangenen Woche hielt die US-amerikanische Philosophin und feministische Vordenkerin Judith Butler in der ausverkauften Berliner Volksbühne einen Vortrag zum Thema »Queere Bündnisse und Antikriegspolitik«.
Die Philosophin Judith Butler bei ihrer Rede in Berlin
Die Philosophin Judith Butler bei ihrer Rede in Berlin

Im Hintergrund hängt ein Blumenvorhang aus einem René-Pollesch-Stück, an einem Stehpult davor spricht Judith Butler. Die zierliche Wissenschaftlerin trägt graue Hosen und ein schwarzes Hemd. Die grauen, kurzen Haare glänzen im Licht der Strahler.

Butler spricht deutsch. Bekanntheit und so etwas wie Starruhm hat die 54-Jährige einst mit ihren Arbeiten zur Kritik an normativer Zweigeschlechtlichkeit und zur Konstruiertheit der Geschlechter erlangt. Heute spricht Butler, die in Kalifornien an der renommierten Berkeley-Universität unterrichtet, über die Verpflichtung queerer Bündnisse, neben dem Kampf um eigene Rechte auch für andere entrechtete Minderheiten einzutreten. Die Kämpfe von »Queers« – Transgendern, Bi- und Homosexuellen – sind für sie untrennbar mit denen gegen Militarismus, Nationalismus oder Krieg verbunden.

Ein Vortrag zu einem solch ausladenden Thema muss notwendigerweise skizzenhaft bleiben. Butler fordert vor einem konzentrierten Publikum ein, die Modalitäten von Gewalt zu thematisieren. Sie spricht über die Pathologisierung der Körper von Transgender-Personen durch Ärzte, Psychiater, aber auch durch FeministInnen selbst, als eine Form der Gewalt, als einen »aktiven Akt der Entrechtung. »Wir müssen Anspruch erheben auf unsere Sexualität, unser Gender, als unser Recht«, fordert sie. Das öffentliche – wenn auch mit Risiken belastete – Auftreten sei dabei eine Art der Ausübung von Freiheit.

Butler benennt staatliche und institutionelle Formen der Gewalt: Die Komplizenschaft der Polizei etwa, wenn sie auf die Strafverfolgung der Mörder von Transgendern verzichte, oder ein Strafrecht, das Kriminalisierung von Minderheiten dulde und dadurch selbst kriminell werde.

Dann beginnt die Theoretikerin, den Bogen zu schlagen. Sie stellt provokative Fragen, etwa zum Burka-Verbot in Frankreich. Ist es nicht ebenso das Recht einer Frau, die eine Burka trägt, sich frei in der Öffentlichkeit zu bewegen, wie es das einer Transgender-Person ist? Der Saal klatscht.

Und was ist mit den Palästinensern? Etwas unvermittelt kommt der Sprung zum Thema Krieg und zu Gaza, den die Professorin da hinlegt. »Die Palästinenser gelten nur noch als lebensbedrohlich«, sagt sie. In dieser Logik werde auch ihre Tötung als lebensrettend gesehen, nicht mehr als »Mord«.

Butler warnt eindringlich davor, sich vor den Karren von Kriegstreibern spannen zu lassen, die ihre Pläne mit dem vermeintlichen Schutz von Minderheiten rechtfertigten. »In diesem Sinne macht auch queeres Engagement für Gaza oder gegen den Krieg in Irak Sinn«, sagt sie. Butler, selbst Jüdin, die als Israel-Kritikerin gilt und für ihre provokanten Thesen nicht wenig Kritik eingeheimst hat, fordert, jedes Leben als gleichwertig anzuerkennen. Sie plädiert für eine radikale Gleichberechtigung aller entrechteten Minderheiten und gegen jeden Spaltungsversuch: »Wir müssen offen sein für eine Zukunft, in der wir das andere noch nicht kennen und vielleicht auch niemals kennen werden«, sagt sie.

So radikal ihr Entwurf ist, so vage blieb er. Offen ließ Butler etwa, ob und wo sie Grenzen einer solchen Bündnispolitik sieht. Berlin ließ sie so gehen: Kritische Nachfragen aus dem Publikum blieben zu diesem Thema leider aus.

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