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Widerstand darf Spaß machen

Jan Delay über Protest und Party, Anpassungsdruck und brennende Autos

Der HipHop-, Reggae- und Funk-Musiker Jan Delay, 1976 in Hamburg geboren als Jan Phillip Eißfeldt, schafft das Kunststück, eine linke Haltung mit hohem Unterhaltungswert zu verbinden und auch vom Mainstreampublikum gefeiert zu werden. Am 18. Juli tritt er in Cuxhaven beim Deichbrand-Festival auf, im Gepäck die aktuelle CD »Wir Kinder vom Bahnhof Soul«, die jetzt auch als Live-Edition erschienen ist.

ND: In Ihrem Hit »Oh Jonny« fordern Sie ironisch: »Ey alles cool, mach wie du willst, geh lügen, betrügen, lies BILD!« Das wird man in den Chefetagen des Springer-Verlages bestimmt nicht komisch finden!
Delay: Das kennen die schon. So bin ich eben, seit ich Musik mache.

Gleichzeitig wenden Sie sich gegen eine feiste »Scheißegal-Hauptsache-gut-drauf«-Haltung, indem Sie singen: »Leb' dein Leben wie eine Party, geh nich' wählen! Trag Ed Hardy!« Eine Abrechnung mit jungen Spießern?
Das ist keine Abrechnung, der Jonny steckt in uns allen. Und die vielen Regeln, um der perfekte gute Mensch zu werden, die sind doch im Ernst gar nicht einhaltbar. Deswegen soll man einfach auch mal die Sachen genießen, die man genießen möchte, und kleine Sünden begehen, um nicht als komplett vertrockneter spaßfreier »Taliban« in einer Höhle zu hocken. Wer protestieren will, braucht auch Glück und Spaß, um daraus Kraft zu ziehen. Wenn man sich bewusst ist, dass man die eine oder andere kleine Sünde begeht, dann ist das schon viel wert.

2001 haben Sie in Ihrer provokativen Nummer »Söhne Stammheims« die RAF und das seit den 70er Jahren drastisch veränderte gesellschaftliche Klima thematisiert. Haben Sie dem Druck der Verhältnisse jetzt nachgegeben?
Nein, überhaupt nicht. Ich ändere mich nicht, aber mein Kunstverständnis ändert sich, und ich will mich nicht ständig wiederholen. Abgesehen davon sind ein halbes Jahr nach »Söhne Stammheims« Mohammed Atta und seine Leute in die New Yorker Hochhaustürme geflogen, so dass, wenn man heute von »Terroristen« spricht, der Begriff ganz anders belegt ist als damals, und das mit Fug und Recht.

Dennoch müssten die Lyrics von »Söhne Stammheims« eigentlich allen, die sich über zockende Banker und gierige Aktionäre aufregen, heute erst recht wieder heftig in den Ohren klingen: »Die, die Hunger und Armut und Krankheit verwalten, für sie herrschen sorglose Zeiten, da kein bisschen Sprengstoff sie daran hindert, ihre Geschäfte zu betreiben.«
Einverstanden. Aber ich darf mich inzwischen selber korrigieren: So ganz sorglos dürften die Betreffenden nicht mehr sein. Wenn ich die Meldungen verfolge, was zum Beispiel gerade in Hamburg abgeht, müssen manche neuerdings schon Angst haben, dass sie morgens zu ihrer Luxuslimousine gehen, und die steht in Flammen.

Früher schätzten Sie ein, dass »die Politik einfach weg« sei »aus den Köpfen meiner Generation«. Hat sich das geändert?
In den letzten neun Jahren habe ich sehr viele Sachen gesehen und erlebt, die mich schmunzeln und freudig in die Zukunft gucken lassen, so lange sie gewaltfrei ablaufen. Weil ich gemerkt habe, es passiert doch wieder etwas.

Sobald Musikerkollegen wie SamyDeluxe ein Anti-Nazi-Konzert geben, sind Sie mit dabei ...
Das ist meine Antwort auf Leute, die nölen: »Ey, da sind ja keine politischen Texte mehr auf deiner Platte«. Solche Aktionen haben am Ende des Tages viel mehr Effekt.

Sie tragen auf der Bühne feinen Zwirn, der Ihnen Etiketten wie »Linker im Anzug« oder »Chef-Styler« eingebracht hat. Wie passen dieser Auftritt und Ihr politische Haltung zusammen?
Für mich passt das gut zusammen, ich sehe da keinen Widerspruch. Fragen: René Gralla

Weitere Tourtermine findet man im Internet: www.jandelay.de

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