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Mit Schirm, Charme und Widerstand

Rekordbeteiligung: 4500 Lesben, Schwule, Punks, und Transen demonstrierten beim kleinen CSD

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Vielfalt von Oben: Transgenialer CSD am Kottbusser Tor in Kreuzberg
Vielfalt von Oben: Transgenialer CSD am Kottbusser Tor in Kreuzberg

Zurück zu den Wurzeln hieß es dieses Jahr beim Transgenialen Christopher Street Day (CSD). Auf der klassischen Route ging es unter der Losung »Gewaltige Zeiten – gewaltiger queerer Widerstand« vom Rathaus Neukölln über Hermannplatz und Kottbusser Tor in die Kreuzberger Oranienstraße. Und auch am traditionellen Datum, dem letzten Juniwochenende, hatten die Organisatoren festgehalten. »Im Gegensatz zum kommerziellen CSD haben wir uns nicht von der Fußball-WM verdrängen lassen«, sagte einer von ihnen.

Ging es früher bei den Paraden im Neuköllner Kiez vor allem darum, sich Homo- und Transphobie entgegenzustellen, hat der rasante Aufschwung des nördlichen Bezirksteils inzwischen ein ganz anderes Thema in den Vordergrund gerückt: Es sind die mit einer atemberaubenden Geschwindigkeit voranschreitenden Gentrifizierungsprozesse in der Gegend mit der daraus resultierenden Verdrängung der bisherigen Bewohner durch steigende Mieten.

Ein Grüppchen junger Männer lenkte jedoch durch homophobe Ausfälle wieder den Blick auf eben jene Probleme. Nach einer kurzen Phase der Irritation wurde die Gruppe von der Polizei eingekreist und vom Platz wegeskortiert, jedoch mitten durch die Menge der Demonstranten. »Das ist wohl eine besondere pädagogische Maßnahme«, meinte dazu lapidar eine Teilnehmerin. Der bunte Zug mit Rekordteilnehmerzahl – rund 4500 Demonstranten zählten die Organisatoren – bewegte sich in den nächsten Stunden gen Oranienstraße.

So breit wie das Spektrum der Veranstalter, so unterschiedlich waren auch die Teilnehmer selbst: Vom originalen Punker mit Hund und Sternburg-Flasche über Transmänner, ihre weiblichen Reize betonenden Sissi-Lesben, in opulenten Kostümen und Sonnenschirmchen stolzierenden Transen – gerne auch mit Bart bis zu leicht zugedröhnten Partyschwulen reichte die Vielfalt.

Auch die Reden streiften unterschiedliche Themen: Das Weddinger Hausprojekt »Scherer 8« berichtete von mehreren Neonaziangriffen in den letzten Monaten: »Scheiben gingen zu Bruch, ein Bus brannte, Graffiti, Plakate und Aufkleber tauchten vermehrt rund um unser Haus auf.« Die Gruppe »Nationen wegkicken« setzte sich in ihrer Rede mit der Fußball-WM auseinander. Sie konstatierten, dass das »Wir-Gefühl, obwohl nur elf, völlig überbezahlte Menschen auf dem Fußballrasen stehen«, zwangsläufig zu Abgrenzung führe, »in diesem Fall zu Fans anderer Nationalmannschaften und somit meist Menschen anderer Nationen.« Thematisiert wurden auch Sexismus und die »noch anherrschende Homo- und Transphobie im Profisport allgemein und speziell im Fußball.« Die Initiative »Stopp Trans-Pathologisierung 2012« informierte über ihre Bemühungen, die Diagnose Geschlechtsidentitätsstörung aus den Krankheitskatalogen der American Psychiatric Association und der WHO bei deren anstehenden Novellierungen 2012 und 2014 zu streichen.

Häufig nahmen die Redner Bezug auf die amerikanische Philosophin Judith Butler, die in der Vorwoche auf dem großen CSD den ihr zugedachten Zivilcouragepreis mit dem Hinweis auf rassistische Tendenzen einiger Organisatoren abgelehnt hatte. Dabei fand sie auch warme Worte für Initiativen, die sich beim Transgenialen CSD einbringen. Während des abschließenden Bühnenprogramms erhielt ein durch Maske präpariertes Thilo-Sarrazin-Double das »Goldene Stück Scheiße am Band« für rassistische Äußerungen des ehemaligen Berliner Finanzsenators.

Bis weit nach Mitternacht feierte die heitere Menge in der Oranienstraße, auch wenn der Polizeibericht wenig Fröhliches zu vermelden hatte: Freitagnacht wurde in Lichtenberg eine Transe verprügelt und während in Kreuzberg Partystimmung herrschte, wurden vier Schwule im Volkspark Friedrichshain zusammengeschlagen.

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