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Privatisierung kulturellen Erbes

Google digitalisiert große Teile des Bestands der Österreichischen Nationalbibliothek

  • Von Hannes Hofbauer
  • Lesedauer: 3 Min.

Stolz verkündete die Direktorin der Österreichischen Nationalbibliothek (ÖNB) Mitte Juni, man sei mit dem Internetriesen Google übereingekommen, wesentliche Teile der Bibliotheksbestände einzuscannen. »Der österreichische Steuerzahler«, so fügte Frau Rachinger selbstvergessen hinzu, erspart sich damit 30 Millionen Euro«. Die freilich hätte er gar nicht aufbringen müssen, wenn es zu keiner Volldigitalisierung käme.

Das geschätzte Gesamtvolumen von 400 000 Werken, die zwischen dem 16. und dem 19. Jahrhundert in der österreichischen Monarchie gesammelt worden sind, mithin 120 Millionen Seiten, sollen in den kommenden sechs Jahren über den Scanner gezogen werden, um sie als Volltexte auf der Suchmaschine Google und – so wird betont – auch im Rahmen der digitalen Bibliothek Europeana abrufbar zu machen. Vorläufig kostenfrei für den Benutzer.

Die Zusammenarbeit läuft unter dem neoliberalen Label »Public Private Partnership«. Die Presseaussendung der Österreichischen Nationalbibliothek (ÖNB) erklärt diese Art der Kooperation folgendermaßen: »Google finanziert die Digitalisierung, die ÖNB trägt die Kosten für die Vorbereitung der Bücher sowie für Speicherung und Zugänglichmachung«. Wohlweislich nicht Vertragsgegenstand ist der immense Aufwand, der in Jahrhunderten der Sammeltätigkeit betrieben worden ist. Generationen von Archivaren und Bibliothekaren, Juristen und Gesetzgebern haben dafür Sorge getragen, dass in Wien eine der größten Bibliotheken weltweit entstanden ist. Die Monetarisierung dieser Arbeit würde die finanziellen Mittel von Google sprengen. Also schenkt die Direktion der ÖNB den Bestand einfach her und sorgt noch dafür, dass die Bücher aus den Speichern zum – übrigens in Bayern ansässigen – Digitalisierungsunternehmen und wieder retour geschickt werden.

Bereits das Wortungetüm »Public Private Partnership« verrät, worum es bei solchen Geschäften geht. Öffentliche – in diesem Fall kulturelle – Infrastruktur wird privatisiert. Über diesen Tatbestand kann auch das Argument der langfristigen Sicherung der Bestände, die mit ihrer Digitalisierung einhergeht, nicht hinwegtäuschen. Auch das durchaus nachvollziehbare Faszinosum des leichteren, weil vom heimischen Rechner überall auf der Welt möglichen Zugangs zu den Werken, ist ein trügerisches.

In Tat und Wahrheit hat die ÖNB mit der Unterschrift unter den Vertrag kulturelles Erbe an einen privaten Nutzer verschleudert. Daran ändert auch dessen Werbetext nichts, wonach »die freie Zugänglichkeit ein demokratischer Vorgang« sei. Denn zum einen waren die Werke auch zuvor frei zugänglich, und zum zweiten hat sich Google damit für billiges Geld Wissen angeeignet, das in vielfacher Hinsicht verwertet werden kann. Karl Pall, der Manager von Google-Austria, gab auf Nachfrage unumwunden zu, dass die ÖNB kein Einspruchsrecht habe, wenn Google beschließt, die nun zu Daten digitalisierten Werke zu kommerzialisieren. Werbebanner vor dem Hintergrund schöner alter Bücher lassen sich sicherlich gut verkaufen. Vor allem dann, wenn man wie die größte Internet-Suchmaschine quasi eine Monopolstellung auf dem Markt innehat.

Die Chefin der Nationalbibliothek rechtfertigte die Privatisierung des bisher öffentlichen kulturellen Guts mit Verweis auf ähnliche Kooperationen von Google mit anderen Bibliotheken wie jener der Universitäten Michigan, Harvard und Stanford. Im deutschen Sprachraum war es bisher einzig die Bayrische Staatsbibliothek, die Google auf den Leim gegangen ist.

An anderer Front kämpft derselbe Internetriese um die Aneignung sämtlicher Bestände des 20. Jahrhunderts. Den dort tangierten Urheberrechtsfragen, die ein Werk in Deutschland 70 Jahre nach dem Tod des Autors schützt, ist er jahrelang mit dem Prinzip »erst handeln, dann fragen« begegnet, was 2005 zu einer Klageflut mit Verleger- und Autorenverbänden in vielen Teilen der Welt geführt hat. Die Absicht hinter der als »Demokratisierung von Wissen« getarnten Sammelleidenschaft scheint klar: Googles Griff nach dem Informationsmonopol soll nach der Suchmaschine, »YouTube« und »Street View« nun auch das gesellschaftliche intellektuelle Gedächtnis umfassen.

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