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Finanzsystem weiter auf der »Intensivstation«

Basler Ober-Zentralbank BIZ warnt vor neuer Finanz- und Wirtschaftskrise

  • Von Hermannus Pfeiffer
  • Lesedauer: 2 Min.
Linke Ökonomen und Politiker äußern sich enttäuscht über die G20-Beschlüsse: Die Lobby der Finanzwirtschaft habe sich durchgesetzt. Den Gipfel ohne Entscheidungen sieht auch die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) skeptisch und warnt in ihrem Jahresbericht ungewöhnlich drastisch vor einer neuen Krise. Das weltweite Finanzsystem habe zwar die »Notaufnahme« verlassen, liege aber immer noch auf der »Intensivstation«.

Nach der Lehman-Pleite 2008 verhinderten die Regierungen der Industriestaaten durch billionenschwere Rettungspakete und Konjunkturprogramme zunächst einen Kollaps. Doch diese kurzfristig beschlossene »Notfallbehandlung« habe langfristig »gefährliche Nebenwirkungen«, warnt die Zentralbank der Zentralbanken in Basel. Drei Jahre nach Ausbruch der Krise drohe nun eine neue Krise. Schuld an der alten, wie auch einer möglichen neuen Krise seien fehlende Regulierungen und zu viel billiges Geld. Äußerst niedrige Leitzinsen erlauben Banken, Fonds und Spekulanten weiterhin, sich extrem preisgünstig Geld zu leihen und Risiken einzugehen.

Die 1930 gegründete BIZ gehört zu den wenigen Insidern, die bereits vor dem Platzen der US-Immobilienblase im Sommer 2007 gewarnt hatten. Seit den achtziger Jahren wächst der Anteil des Finanzsektors an der Gesamtwirtschaft. Und das Geschäft wird immer internationaler: Britische und deutsche Banken vergeben mittlerweile 40 Prozent ihrer Kredite ins Ausland, fast die Hälfte des Bankgeschäfts in Lateinamerika wickeln Institute aus den USA und Südeuropa ab, und in Osteuropa sind nahezu alle Banken fest in meist westeuropäischer Hand. Mit der Internationalisierung wurden aber auch die Risiken in alle Welt exportiert. »Die Krise hat Mängel am seit Jahrzehnten bestehenden Geschäftsmodell des Finanzsektors ans Licht gebracht«, fasst die BIZ im 80. Jahresbericht ihre Generalkritik an Banken und staatlicher Aufsicht zusammen.

Ausgerechnet die banknahe BIZ sieht die Banken immer noch auf der Intensivstation liegen. Obendrein, mahnt BIZ-Generaldirektor Jaime Caruana, seien zu den alten Risiken neue hinzugekommen, etwa der durch China angeheizte Devisenmarkt, drohende Staatspleiten in Südeuropa und die bevorstehende Begleichung der milliardenschweren Staatshilfen.

Mahnungen kommen derweil auch aus London. Die Bank of England warnt aktuell vor neuen Finanzprodukten. Sie seien zu kompliziert und riskant und könnten das Finanzsystem gefährden. Und auch der frühere Direktor der Europäischen Zentralbank, der Italiener Tommaso Padoa-Schioppa sieht »die Krise weiterhin unter uns«. Wie ein Aidsvirus könne sie mutieren und in neuer Form ausbrechen.

Die BIZ-Banker sehen den systemgefährdenden Virus in zu hohen Profiterwartungen. Um zu verhindern, dass in Zukunft Banken und Fonds weiterhin mit geliehenen Billiggeldern Jagd auf Maximalgewinne machen, wollen die Basler Ober-Banker an eine Wurzel des Übels: Die Banken müssten mehr Eigenkapital und Bargeld (»Liquidität«) vorrätig halten als bislang. Dadurch bliebe kaum Spielraum zum Spekulieren. Dann würden zwar die Profite sinken, doch sei dies aus Sicht der Anleger und für die Gesamtwirtschaft »wünschenswert«, überrascht die BIZ mit eher linken Einsichten.

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