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Macht- und Cliquenkampf

Ernst Röhm und der Putsch, der keiner war – Ein Blick hinter die Kulissen der Geschichte

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Der renommierte ostdeutsche Faschismus-Forscher Kurt Gossweiler hatte nach seiner 1982 erschienenen Untersuchung »Kapital, Reichswehr und NSDAP 1919-1924« (Akademie-Verlag Berlin) bereits 1983 eine weitere profunde Arbeit vorgelegt: »Die Röhm-Affäre«. Das Buch erschien im westdeutschen Pahl-Rugenstein Verlag mit damaligem Sitz in Köln. Da dieser Titel nicht mehr erhältlich ist, das Interesse an diesem Kapitel deutscher Geschichte aber nach wie vor groß ist, hat nun der Kölner PapyRossa Verlag die Ausgabe von 1983 als Reprint neu herausgegeben.
Ernst Röhm, hinter Hitler stehend
Ernst Röhm, hinter Hitler stehend

Gossweiler erhellt den wirklichen Charakter jener Vorgänge Ende Juni/Anfang Juli 1934 in Deutschland, die oft, aber unzutreffend, als »Röhm-Putsch« bezeichnet wurden. Eingebettet in die Analyse der ökonomischen und politischen Lage Nazideutschlands 1933/34 untersucht er die bestimmenden Gruppen des deutschen Monopolkapitals, deren Hintermänner und politischen Werkzeuge. Er deckt Gemeinsamkeiten wie auch Rivalitäten untereinander auf, informiert über strategisch-taktische Konzeptionen sowie den Kampf um Macht und Einfluss, letztlich um Maximalprofit. Akribisch enthüllt der Autor das Gewirr von Interessengruppen, kurzfristigen oder länger währenden Bündnissen. Er verweist auf die Gegensätze zwischen Deutscher Bank und Dresdner Bank, Bank- und Industriekapital sowie Schwerindustrie und Chemie-Elektro-Industrie und beschreibt das Gerangel um die Führung in der Wirtschaftspolitik. Besondere Beachtung finden der ehemalige Reichsorganisationsleiter der NSDAP Gregor Strasser, der Stabschefs der SA Ernst Röhm und der General und Reichskanzler Kurt Schleicher. Dargestellt werden ebenso die Ziele der Reichswehrführung in den Machtkämpfen 1933/34, insbesondere der Generäle Blomberg und Reichenau. Auch die Positionen der nichtmonopolistischen Bourgeoisie sowie der Einfluss bestimmter Gruppen des USA-Finanzkapitals werden diskutiert.

Bei der Charakterisierung einzelner Personen bestätigt der Verfasser einmal mehr die Aussage von Zeitgenossen, dass der vormalige Reichs- und in der ersten Hitlerregierung als Vizekanzler fungierende Franz von Papen »zwar über weltmännische Umfangsformen verfügte, aber vom lieben Gott nur mit einem sehr geringen Maß an Intelligenz gesegnet worden war«. Der Philosoph und Pädagoge Prof. Eduard Spranger hatte nach einer Unterredung mit Papen über das Schicksal der deutschen Universitäten unter der Naziherrschaft vermerkt: »Unsere Besprechung war schlimmer als ein Misserfolg. Denn wir sind unverstanden geblieben. Man hatte den Eindruck, dass Papen die Bedeutung eines Pferdestalles höher zu schätzen weiß als die Bedeutung der deutschen Universitäten.« (Schlabrendorff: Offiziere gegen Hitler, Berlin 1984, S. 27 f.)

Besondere Aufmerksamkeit findet in Gossweilers Untersuchung die wachsende Unzufriedenheit der zeitweilig dem Faschismus verfallenen, aber dann zunehmend enttäuschten kleinbürgerlichen Massen, wie sie vor allem in der Forderung nach einer »zweiten Revolution« zum Ausdruck kam, die besonders in der SA laut wurde. Das Anwachsen der bürgerlichen Opposition, so der Autor, »war auch ein Reflex des verstärkten Macht- und Cliquenkampfes innerhalb der herrschenden Klasse, eines Kampfes, der nicht die Beseitigung der faschistischen Diktatur, sondern lediglich eine andere Verteilung der Kräfte in ihr bzw. eine Modifizierung ihrer äußeren Formen zum Ziel hatte«. Die sogenannte Röhm-Affäre, die mit der Ermordung Röhms, Strassers, Schleichers, des Generals von Bredow, Erich Klauseners (Leiter der Katholischen Aktion), Edgar Jungs (konservativer Publizist, »Redenschreiber« Papens) sowie weiterer SA-Führer und bürgerlicher Politiker und der Entmachtung der SA endete, kennzeichnete den Abschluss einer Etappe der inneren Konsolidierung der Nazidiktatur. Hatte am Anfang dieser Etappe die »Zerschlagung aller legalen Organisationen der Arbeiterklasse im Auftrage des gesamten Monopolkapitals, aber mit den Händen der radikalisierten Kleinbürger, die das Gros der Gefolgschaft der Nazipartei und der SA bildeten«, gestanden, so wurde sie mit der »Abrechnung des Monopolkapitals mit der Opposition eben dieser kleinbürgerlichen Nazigefolgschaft gegen die Allmacht der Monopole« abgeschlossen, wie Gossweiler schreibt. Der 30. Juni 1934 habe aber nicht die »Machtergreifung Hitlers« vollendet, wie von vielen bürgerlichen Historikern und Publizisten behauptet wurde und wird, sondern die Errichtung der unumschränkten terroristischen Diktatur des Finanzkapitals über alle übrigen Klassen und Schichten des Volkes. »Nunmehr konnte sich die faschistische Diktatur mit voller Kraft der Aufgabe ihrer außenpolitischen Konsolidierung im Sinne der Überwindung aller Hindernisse für ein selbstständiges Auftreten des deutschen Imperialismus in der Weltarena zuwenden«, stellt Gossweiler fest.

In einer »Editorischen Vorbemerkung« weist der Verlag darauf hin, dass in dieser nun über 25 Jahre alten Veröffentlichung einzelne Formulierungen und Thesen »aus heutiger Sicht als überholt gelten können«, was aber nicht »die wissenschaftliche Substanz von Gossweilers Arbeit« und die »Aufdeckung der grundlegenden historischen Zusammenhänge zwischen konkurrierenden Kapitalinteressen und faschistischer Politik« beeinträchtige. Dem ist voll zuzustimmen.

Kurt Gossweiler: Der Putsch, der keiner war. Die Röhm-Affäre 1934 und der Richtungskampf im deutschen Faschismus. PapyRossa Verlag, Köln. 496 S., br., 28 €.

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